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Seemannsmissionen in MV Ein Stück Heimat in der Ferne

Von Henning Kraudzun | 01.08.2018, 15:04 Uhr

Viele Seeleute sind Monate ununterbrochen auf den Weltmeeren unterwegs. Für sie bieten Seemannsmissionen in den Häfen ein wenig Abwechslung. Bundesweit existieren 16 dieser Einrichtungen - zwei davon in Mecklenburg-Vorpommern.

Lichter huschen über die Tanzfläche, die Mikrofone sind angeschaltet, aber noch ist kein Matrose in Stimmung für Karaoke. Die wenigen Besucher in der oberen Etage des Terminals im Hafen von Sassnitz-Mukran starren auf ihre Smartphones. Ein funktionierendes Funknetzwerk ist das Erste, was Seeleute auf ihrem Landgang brauchen. Zunächst wird mit der Familie gechattet - und später dann gesungen.

Peter Leukroth führt stolz durch die Einrichtung der Seemannsmission Sassnitz, die von Ehrenamtlichen getragen wird. Sie wollen den Schiffsbesatzungen etwas Wohlfühlatmosphäre bieten. Denn im Hafen von Mukran auf Rügen gibt es sonst nichts. „Wer mehrere Monate diese Enge und Eintönigkeit auf dem Schiff verkraften muss, der braucht dringend Abwechslung.“ Leukroth selbst ist viele Jahre über die Meere gefahren. Nach Äthiopien zu DDR-Zeiten, später dann auf Fährschiffen und Frachtern.

Heute vertritt der 60-Jährige als Betriebsratsvorsitzender die deutsche Belegschaft der schwedischen Reederei Stena Line. „Das Berufsbild hat sich gewandelt“, sagt er. „Vieles ist automatisiert, also braucht man immer weniger Personal.“ Auch im kleinen Hafen Mukran machen Schiffe mit internationaler Besatzung fest. Der Umschlag ist binnen Jahresfrist um 55 Prozent gestiegen. Mehrere Offshore-Firmen, die Bauteile und Wartungsteams für Windkraftanlagen über die Ostsee transportieren, haben sich dort angesiedelt. Ebenso werden Rohre für die neue Gas-Pipeline verladen.

Dieser unverhoffte Aufschwung im Fährhafen führte dazu, dass die Seemannsmission von Vereinsmitgliedern wiederbelebt wurde. „Unsere Besucher kommen aus der ganzen Welt“, erzählt Leukroth mit Begeisterung. Neulich hat er den ganzen Abend mit Chinesen an der Tischtennisplatte gestanden. So viel Internationalität findet man selten auf Rügen.

Im Gästebuch haben sich einige Seeleute verewigt - 4400 von ihnen wurden seit September 2016 in den Clubräumen empfangen. „Tausend Dank, dass ihr uns vor den langweiligen Abenden auf dem Schiff gerettet habt“, schreibt ein Filipino. Ein anderer hat einen Delfin gezeichnet, der neben einem Frachter eintaucht. „Wenn die Leute reden wollen, dann haben wir ein offenes Ohr“, sagt Leukroth.

Mittlerweile haben jedoch immer weniger Besatzungen die Gelegenheit, an Land gehen zu können - die Kapitäne erlauben es nicht. Hinzu kommt, dass ohne Visa auch keine Touren außerhalb der Hafenstadt möglich sind. Leukroth zeigt manchen Crews dennoch die schönen Ecken seiner Insel. Oft reicht schon eine blühende Wiese. „Die Natur fehlt jedem Seemann irgendwann.“

Ähnliche Erfahrungen macht auch Folkert Janssen, Leiter der Seemannsmission Rostock. Schon seit 1991 existiert im Überseehafen der Club „Hollfast“, ein plattdeutsches Wort für Stütze. „Der Landgang wird von den Kapitänen zunehmend erschwert, meist mit fadenscheinigen Gründen“, sagt der Diakon. Daher gehen die fünf Mitarbeiter häufig an Bord, um mit Seeleuten zu sprechen. „Die Zeit der Seelenverkäufer ist zwar längst vorbei, aber nicht immer werden die international geltenden Mindeststandards eingehalten“, meint Janssen. Die Seeleute müssten eine Sieben-Tage-Woche, viel Zeitdruck und wenig Privatsphäre verkraften.

Auf den Ozeanriesen arbeiten vielfach Menschen unterschiedlicher Religionen auf engstem Raum zusammen.5000 bis 6000 Besucher werden im „Hollfast“ jährlich registriert, weit weniger als im Hamburger Seemannsclub „Duckdalben“, wo 2017 mehr als 33 000 Gäste aus 100 Ländern gezählt wurden. Allerdings zeigt sich Janssen mit den finanziellen Möglichkeiten zufrieden. Die Hansestadt Rostock trage einen Großteil des Budgets, aber auch Reeder, Berufsgenossenschaft und Nordkirche sind beteiligt.

Die Arbeit ändert sich jedoch auch bei ihm. Briefkasten und Festnetztelefone haben ausgedient, dafür steigt die Datenrate, wenn per Skype mit den Lieben auf dem ganzen Globus kommuniziert wird. „Dadurch gibt es weniger Heimweh, aber die Sorgen der Seeleute haben eher zugenommen“, lautet das Fazit von Janssen.