SED-Politoffizier soll für CDU in den Landtag

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24. Februar 2011, 07:21 Uhr

Sternberg/Parchim | Ein früherer Agitator des Marxismus-Leninimus soll für die CDU im Wahlkreis 32 das Landtagsmandat erringen. Olaf Steinberg (43), Chef der CDU-Kreistagsfraktion und des Sternberger Ortsverbands, war bis 1989 Politoffizier der Nationalen Volksarmee (NVA). Daraus mache er kein Hehl, erklärt Steinberg: "In meiner Partei weiß man das." In der Diktion der CDU ein Tabubruch - einer von vielen. Während sich die Christdemokraten vor allem in der Ära Helmut Kohl von früheren SED-Leuten öffentlich distanzierten, nahmen sie selbst Akteure aus sozialistischer Vorzeit auf.

"Ich habe nichts zu verbergen", erklärt Olaf Steinberg. Er habe eine "typische DDR-Biografie": Abitur 1985 in Brüel, danach vier Jahre lang Offiziershochschule in Zittau, Sektion für Politoffiziere; Abgang als Leutnant. "In die Truppe kam ich erst im September 1989." 1990 habe er dann selbst "gekündigt". In der SED sei er von 1986 bis 1989 gewesen. Es folgten: Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt, 1993 Anstellung bei der Stadt Sternberg. Mitglied der CDU sei er seit 2001. Um seine Vita "habe ich nie Geheimnisse gemacht", so Steinberg: "Ich habe keinem geschadet." Den Weg zum Politoffizier beschreibt der Sternberger als Folge ständigen Werbens der NVA an seiner Schule: "Mit 14, 15 Jahren musste ich mich entscheiden." Er habe "keine Schwierigkeiten gewollt".

Der Umgang der CDU mit früheren SED-Mitgliedern sorgt landesweit immer wieder für Zündstoff. Als Frank Benischke, einstiger NVA-Politoffizier, 2009 CDU-Kreisvorsitzender in Neubrandenburg wurde, stand der heutige CDU-Landeschef Lorenz Caffier ihm zur Seite. Zur Causa Steinberg sagte gestern CDU-Generalsekretär Vincent Kokert: Kandidaten-Kür sei Sache der Ortsverbände.

Von "Unehrlichkeit der Union" spricht Thomas Freund (SPD), Kopf der Landesvertretung in Berlin: Die CDU kritisiere andere wegen des Verhältnisses zur Diktatur, nehme aber selbst alte SED-Leute auf. Als Beispiele nannte er schon 2009 den Bürgerbeauftragten MV, Bernd Schubert, und den Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Stefan Rudolph. Freund: "Mitgliedern anderer Parteien gesteht sie diese Läuterung meist nicht zu."

"Doppelmoral" stellt Heiko Lietz, einst Kopf der Bürgerbewegung, fest. "Die Kader der CDU 89/90 waren SED-höriger als SED-Kader." Allerdings warne er davor, den Einzelfall ungeprüft zu bewerten. "Die CDU in MV geht mit ihrer eigenen Vergangenheit völlig unkritisch um", so Steffen Bockhahn, Landeschef Linke. Wer seine Biografie kritisch hinterfrage, könne sich auch in der Demokratie engagieren.

Für den Berliner Historiker Christoph Wunnicke ist die Nähe der Ost-CDU zur SED keine Überraschung. Sein Beispiel ist der heutige Wirtschaftsminister: "Während sich die Ost-CDU auf ihrem Sonderparteitag am 15./16. Dezember 1989 vom Sozialismus abwandte, forderte dort Jürgen Seidel laut Märkischer Union einen neuen Sozialismusbegriff."

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