Rezension : Wenn Kunst zum Protest wird

Wahrheit gegen Berechnung: Till Demuth verteidigt als Dr. Stockmann seine Ideale gegen Ulrich Müller als OB Peter Stockmann.
Wahrheit gegen Berechnung: Till Demuth verteidigt als Dr. Stockmann seine Ideale gegen Ulrich Müller als OB Peter Stockmann.

Mit Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ rechnet Volkstheater-Intendant Sewan Latchinian mit der Rathausspitze ab.

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09. November 2015, 12:00 Uhr

Dafür, dass er die Wahrheit sagt, dass ihm das Wohl seiner Heimatstadt, die geistige und körperliche Gesundheit seiner Mitmenschen am Herzen liegen, wird der Badearzt Dr. Thomas Stockmann in Henrik Ibsens Stück „Ein Volksfeind“ zum Verstoßenen. Kein Wunder, dass Volkstheater-Intendant Sewan Latchinian gerade diesen Stoff für seine große Schauspiel-Inszenierung ausgewählt hat, lässt sich anhand dieser doch ohne große Anstrengung die gefühlte politische Situation darstellen, in der sich auch die Rostocker Bühne derzeit befindet. Am Sonnabend feierte das Stück im Großen Haus Premiere.

Ein feindlich gestimmtes Umfeld, der Wohlwollende wird zum Sündenbock, der Aufklärer zum Geächteten – das lässt sich beinahe eins zu eins in einen kreativen Protest verwandeln. Da braucht es eigentlich nicht viel, damit das Rostocker Publikum den berühmten Aha-Effekt erlebt. Eine kluge Stückauswahl also, die Latchinian da getroffen hat. So kann er seine Kritik gegen die Einsparpläne am Volkstheater von den Rednerpulten der Demonstrationen – für die er noch im April abberufen worden war – auf die Bühne heben und sie zu einem künstlerischen Protest machen. Das ist gut.

Was nun in der Umsetzung daraus geworden ist, hat Höhen und Tiefen. Till Demuth, der den Dr. Stockmann spielt, gibt den Moralischen mit reiner Weste beziehungsweise weißem Kittel. Seine erhabene Standhaftigkeit ist schon fast ermüdend. Auf der anderen Seite: Ulrich K. Müller, der den allein ans Stadtsäckel denkenden Oberbürgermeister mimt. Seine Rolle driftet im Laufe des Stücks mehr und mehr ab in Richtung einer Witzfigur, die furzt, kotzt und sich eine Windel über den Kopf stülpt. Das hat durchaus Komik. In Anbetracht der ernsten realen Lage, auf die sich das Stück bezieht, wäre ein wenig weniger aber mehr gewesen.

Latchinian lässt keinen Zweifel daran, worauf sich seine Inszenierung bezieht. Dafür lässt er sogar originale Zitate aus dem langen Kampf um Spartenerhalt, Finanzierung und Theaterneubau einfließen. Stark wird das Stück, wenn das ganze Publikum in eine Bürgerversammlung einbezogen wird. Detlef Krause, Vorsitzender des neuen Schleusen-Vereins, trug da sogar das Anliegen seiner Mitstreiter vor.

Das Publikum würdigte einzelne Szenen immer wieder mit spontanem Applaus. Dieser galt vor allem den vorgetragenen Ansichten zur Willkür der Mächtigen. Alles in allem bleibt der Rostocker „Volksfeind“ ein Protest, der sehr viel will, dabei aber die Kunst ein wenig aus dem Blick verliert.  

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