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Rostock : Rostocker erinnern an Holocaust

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Landesrabbiner und Ehrenbürger William Wolff warnt vor aktueller Entwicklung: „Hinter der Ausgrenzung wartet schon die Verfolgung“. #wirkoennenrichtig

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erstellt am 10.Nov.2017 | 21:00 Uhr

Sie hatten nichts verbrochen. Allein weil sie Juden waren, mussten mehr als 120 Rostocker vom Vierjährigen bis zum betagten Senior während der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten sterben. Sie wurden von der Stadtgesellschaft erst verstoßen, dann entrechtet, verfolgt, deportiert und zum Großteil in Vernichtungslagern ermordet. Dass AfD-Chef Alexander Gauland heute lieber an die Leistungen der Wehrmacht erinnern wolle, als an die Nazi-Opfer, das gebe ihm zu Denken, so Juri Rosov. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Rostock sagt: „Wäre es nur seine Meinung, wäre es nicht so wichtig – aber es drückt den Wunsch eines Teils der deutschen Gesellschaft aus und das macht es viel gefährlicher.“

Zusammen mit zahlreichen anderen Rostockern gedachte er heute am Jahrestag der 1938 angezündeten Synagoge in der Augustenstraße der Ermordeten. Ihre Namen wurden einzeln von Schülern aus der Hansestadt verlesen. „Diese Menschen zu vergessen, wäre die letzte Grausamkeit, die wir ihnen noch antun könnten“, sagt Landesrabbiner William Wolff. Durch die Erinnerung an sie bekäme ihr Schicksal auch eine Bedeutung für die heutige Zeit.

Wolff zieht vor allem eine Lehre: „Wir dürfen Menschen, die unter uns leben, nicht aus der Gesellschaft ausgrenzen – denn hinter der Ausgrenzung wartet schon die Verfolgung.“ Stattdessen setzt der Landesrabbiner auf eine offene Gesellschaft, die das Gedenken als eine ständige Aufgabe unabhängig von Nationalität und Religion begreift. „Die Geschichte ist das beste Lehrbuch, das wir besitzen“, erklärt der 90-Jährige. Und sie stehe nie still. Er wünsche sich und bete dafür, „dass die Kapitel und Seiten, die wir schreiben, uns und unseren Nachkommen Frieden und Freude im täglichen Leben bringen“.

Darauf hofft auch Bürgerschaftspräsident Wolfgang Nitzsche (Linke). Er mahnt aber zugleich zur Wachsamkeit der Demokraten. „Gerade die allerjüngste Entwicklung zeigt, dass der demokratische Rechtsstaat seine Wehrhaftigkeit gegen Neonazis und andere Gegner der Demokratie nicht vernachlässigen darf“, so der Präsident. „Die Folgen sind uns aus der deutschen Geschichte leidlich bekannt.“ Rostock habe während der Nazidiktatur keine Ausnahme gebildet. „Die jüdische Bevölkerung, auch in unserer Stadt, wurde zu Menschen dritter Klasse degradiert durch Entzug ihrer Bürger- und Menschenrechte“, sagt Nitzsche. Im Spätherbst 1938 habe diese Entwicklung das Stadium offenen Terrors erreicht. Allein nach dem Brand der Synagoge verhaftete und verschleppte die Gestapo 64 Juden.

Hintergrund: Jüdisches Leben in Rostock
Erste Zeugnisse jüdischen Lebens in Rostock sind für um 1270 und dann bis zur Pest 1348/49 belegt. Die Seuche war Anlass zur dauerhaften Vertreibung aller Juden und damit ungeliebter Handelskonkurrenz. Erst die Anerkennung der Verfassung des Norddeutschen Bundes durch das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin brachte 1868 die Freizügigkeit mit sich, nach der sich alle Landesbürger ungeachtet ihrer Konfession am Ort ihrer Wahl niederlassen konnten. Schon zwei Jahre später gründeten die ersten jüdischen Zuzügler eine Rostocker Gemeinde, die zwar über einen Friedhof im heutigen Lindenpark, nicht aber über eine Synagoge verfügte. Diese wurde erst 1902 eingeweiht, bis 1932 stieg die Zahl der Mitglieder auf rund 350 Kinder, Frauen und Männer. Sie wurden zunehmend drangsaliert, entrechtet und später viele in die Vernichtungslager deportiert. Mehr als 120 von ihnen fielen der Verfolgung bis 1945 zum Opfer. Das Kriegsende erlebten nur 14 Juden in Rostock. Erst durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion ab 1990 entstand wieder eine jüdische Gemeinde in der Hansestadt.

 

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