Hamsterkäufe in MV : „Sie kaufen, als gäb’ es kein Morgen“

Die letzte Flasche Desinfektionsmittel:  Die benutzen Susanne Gerstel und ihre Kollegen – bei Bedarf.
Die letzte Flasche Desinfektionsmittel: Die benutzen Susanne Gerstel und ihre Kollegen – bei Bedarf.

Leere Regale: Apotheker warnen vor Hysterie und geben einfache Hygiene-Tipps – Hamsterkäufe schaden Pflegepersonal.

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02. März 2020, 19:00 Uhr

Die Regalreihe mit den Desinfektionsmitteln ist fast komplett leer. Zweimal Hygiene-Spüler für die Waschmaschine steht noch da. „Wir haben nichts mehr und können auch momentan nicht nachbestellen“, erklärt Christian Braun, Inhaber der Plater Störtalapotheke. Jeden Kunden, der zuhören möchte, klären er und seine Angestellten auf. „Hände waschen ist mindestens genauso effektiv. Gründlich mit Seife“, so Christian Braun. Zwischen 20 und 30 Sekunden sind nötig: In dieser Zeit lässt sich die erste Strophe des Kinderliedes „Alle meine Entchen“ zweimal singen.

„Alles ausverkauft“

Auch Mundschutz-Masken sind in der Plater Apotheke vergriffen. „Alles ausverkauft“, sagt der Apotheker. Und auch davon hält er nicht viel: „Manche Leute glauben, wenn sie einen Mundschutz tragen, sind sie zu 100 Prozent geschützt. Das ist Unsinn“, betont Christian Braun. Denn meistens sind nur die Papiermasken überhaupt noch verfügbar und die würden nach längeren Tragen stark durchfeuchtet sein und eher als Nährkissen für Viren und Bakterien dienen.

Leere Regale: Desinfektionsmittel ist in den Apotheken zum größten Teil ausverkauft, wie hier in Plate. Nur noch Hygiene-Spüler für die Wäsche ist vorhanden. Doch auch für Stoff-Taschentücher gilt: 60 Grad Waschgang reicht aus.
Katja Müller
Leere Regale: Desinfektionsmittel ist in den Apotheken zum größten Teil ausverkauft, wie hier in Plate. Nur noch Hygiene-Spüler für die Wäsche ist vorhanden. Doch auch für Stoff-Taschentücher gilt: 60 Grad Waschgang reicht aus.

Viele Kunden decken sich jetzt auch mit gewöhnlichen Fieber, Husten- und Schmerzmitteln ein“, ergänzt Susanne Gerstel. In den vergangenen Tagen hat die Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA) verschreibungspflichtige Mittel an die Kunden der Plater Apotheke verkauft. Viele würden sich jetzt sogar damit bevorraten. „Das ist völlig unnötig. Aber wir können immer nur an den gesunden Menschenverstand appellieren und zur Besonnenheit aufrufen“, betont ihr Chef Christian Braun.

40 Flaschen weg

Auch seine Berufskollegin Johanna Feldmann aus Pampow klärt die Kunden auf. „Ich hatte heute Morgen 40 Flaschen Desinfektionsmittel, die waren nach kurzer Zeit weg. Mundschutz-Masken haben wir nur noch zwei“, erzählt Johanna Feldmann. Nur sporadisch würde nachgeliefert. Und dann auch nur zu sehr hohen Preisen. Alle Rabatte seien ausgesetzt und die Preise drastisch gestiegen. Dafür gäbe es gelegentlich auch Beschimpfungen von einigen Kunden.

Nur bedingt hilft das Händedesinfektionsmittel auch gegen Viren. Apotheker raten, gründlich die Hände zu waschen.
Katja Müller
Nur bedingt hilft das Händedesinfektionsmittel auch gegen Viren. Apotheker raten, gründlich die Hände zu waschen.
 

Besonders dramatisch sei die Lage aktuell für die Leute, die auch ohne drohenden Corona-Virus auf Desinfektionsmittel angewiesen sind: Mitarbeiter von Pflegediensten oder auch Menschen, die Angehörige zu Hause pflegen. „Wir haben zeitweise schon nur eine Flasche Desinfektion pro Person verkauft“, sagt die Pampowerin. Vorräte für Pflegedienste anzulegen oder Menschen, die jetzt akut darauf angewiesen sind, sei gar nicht möglich.

Die Leute habe ich das letzte Mal zu DDR-Zeiten so erlebt, als es Bananen gab: Sie kaufen, als gäb’ es kein Morgen. Johanna Feldmann
 

Sie hofft, dass sich die Hysterie bald wieder legt und verspricht jedem Kunden: „So lange wir in den Apotheken ohne Mundschutz und Handschuhe die Kunden bedienen, braucht sich niemand Sorgen zu machen.“

Im Plater Edeka-Markt sind die Regale mit Desinfektionsmitteln auch schon seit einigen Tagen leer. „Edeka hat uns mitgeteilt, dass vorerst nicht mit Nachschub zu rechnen ist“, sagt eine Mitarbeiterin. Und auch bei vielen anderen Waren sei die Nachfrage deutlich höher.

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