Lübstorf : Wenn das Internet zur Sucht wird

Das Team um Dr. phil. Bernd Sobottka beobachtet seit Jahren, dass die Zahl der Internetsüchtigen steigt. Jährlich werden in Lübstorf bis zu 80 Patienten therapiert.
Das Team um Dr. phil. Bernd Sobottka beobachtet seit Jahren, dass die Zahl der Internetsüchtigen steigt. Jährlich werden in Lübstorf bis zu 80 Patienten therapiert.

Lübstorfer Team um Dr. phil. Bernd Sobottka beobachtet seit Jahren mehr Therapiebedarf - jährlich lassen sich bis zu 80 Menschen helfen

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03. März 2020, 05:00 Uhr

Neben Alkohol, Zigaretten, Medikamenten und so genannten bewusstseinsverändernden Drogen rückt ein bislang oft unterschätztes Suchtmittel zunehmend in den Blickpunkt: das Internet. Tablet und Smartphone machen es inzwischen möglich, dass Menschen rund um die Uhr auf der weltweiten Datenautobahn unterwegs sind. Soziale Netzwerke, Internethandel und Online-Rollenspiele sind permanent verfügbar.

Das ist verführerisch, das weiß Dr. phil. Bernd Sobottka, der Leitende Psychologe in der Median-Klinik Schweriner See. Dort werden seit 1998 Patienten mit dem Krankheitsbild des so genannten „Pathologischen PC-/Internet-Gebrauchs“ behandelt. Mit ihm spricht SVZ-Redakteur Thorsten Meier über eine Sucht, die jeden treffen kann.

Reden wir hier über Einzelschicksale oder wird Internetsucht tatsächlich allmählich zu einem gesellschaftlichen Problem?

Bernd Sobottka: Zunächst waren es tatsächlich wenige Einzelfälle. Doch seit 2006 ist die Anzahl der Patienten kontinuierlich gestiegen. Ein speziell entwickeltes Behandlungsprogramm wurde deshalb notwendig. Gegenwärtig befinden sich zu jedem Zeitpunkt des Jahres durchschnittlich zehn Patienten mit diesem Krankheitsbild in der Klinik. Jährlich zählen wir 70 bis 80 Menschen, die deshalb zu uns kommen. Wir sind eine der wenigen Kliniken in Deutschland, die in dieser Größenordnung Patienten behandeln.

Werden die Betroffenen bei Ihnen eingewiesen?

Sie wenden sich an eine Suchtberatung, Experten entscheiden, ob ambulant oder stationär therapiert werden muss. Es herrscht das absolute Prinzip der Freiwilligkeit. Die Kranken haben oft einen großen Leidensdruck und Veränderungswunsch. Zwingen können wir sie aber zu gar nichts.

Wann reden wir denn überhaupt von exzessiver Internetsucht und wie äußert sie sich?

Wenn Menschen schulische, berufliche oder soziale Verpflichtungen nicht mehr beziehungsweise nur noch ungenügend erfüllen. Sobald das Mediennutzungsverhalten den Alltag dominiert und der soziale Rückzug beginnt. Wenn Betroffene nicht mehr am Leben teilnehmen, keine Kontakte mehr pflegen.

Wann sollten die Alarmglocken im Kopf schrillen?

Wenn beispielsweise 70 oder mehr Stunden pro Woche schul- oder berufsfremd oder mehr als 30 Stunden ohne Pause mit Gamen, Chatten oder Surfen wie auch Streamen verbracht werden. Die Nutzer versinken oft komplett in die virtuelle Erlebniswelt. Der unter Computer- oder Internetsucht Leidende wendet sich vollständig ab von der Realität, ist kaum noch erreich- oder ansprechbar. Einige sind täglich 12, 14 oder 16 Stunden online.

Wie lange dauert die Therapie und was ist ihr Ziel?

In der Regel geht die Therapie 10 bis 12 Wochen, kann aber auch länger dauern. Ziel ist nicht die Abstinenz, sondern ein funktionaler Gebrauch. Das wird mit dem Patienten gemeinsam entschieden. Er bekommt von uns keine Verhaltensweise übergestülpt und entscheidet selber, was er nicht mehr will sowie darf. 50 bis 70 Prozent der Befragten nach der Therapie weisen eine deutlich veränderte Computer- und Internetnutzung auf, die nicht mehr als pathologisch anzusehen ist. Das halte ich für ein gutes Ergebnis.

Wie alt sind die Menschen, die sich hilfesuchend an Sie wenden?

Minderjährige werden bei uns nicht behandelt, sie müssen also schon volljährig sein. Es sind überwiegend junge Männer ab 18 Jahre. Sie machen 90 Prozent der Patienten aus, zehn Prozent sind Frauen. Das Durchschnittsalter liegt bei 24 Jahren.

Sind die Ursachen für dieses Krankheitsbild schon bekannt?

Häufig beschreiben die Betroffenen Selbstwert- und Beziehungsprobleme, die in der besonderen Wirklichkeit
des Internets ihre belastende Bedeutung verlieren. Die Realisierung von Bedürfnissen erscheint mit dem Internet einfacher als im realen Leben.

Pathologischer Internetgebrauch tritt bei den Betroffenen selten isoliert auf. In der Regel sind mehrere krankheitsbegleitende psychische Störungen vorzufinden, die eine Mitbehandlung erforderlich machen. Dabei dominieren depressive Störungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen und Störungen durch Substanzen, die Einfluss auf die Psyche nehmen.

Bei behandlungsbedürftigen Betroffenen ist der Internetgebrauch zum zentralen Lebensinhalt geworden. Die Computernutzung dominiert das gesamte Denken, Fühlen und Handeln. Negative Gefühlszustände werden dabei im Sinne einer vermeidenden Stressbewältigungsstrategie reguliert.

Wie kann Internetsucht verhindert werden?

Sie betrifft ja oft junge Menschen. Ich finde, Kinder sollten kein Smartphone mit einer Internet-Flatrate haben. Eltern müssen auf jeden Fall handy- sowie computerfreie Zeiten und Zonen mit ihrem Nachwuchs vereinbaren. Und feste Regeln aufstellen. Vor allem sollten sie selber gute Beispiele sein. Das Internet zu verteufeln, wäre Quatsch. Den kontrollierten Umgang mit ihm vorleben ist besser.

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