Sülte : Ein Dorf bastelt sein Landleben

Rast vor dem Feuerwehr-Gerätehaus: Daniela Spiehs und Matthias Brandt vom Festkomitee sind beeindruckt von den schönen Figuren.
1 von 4
Rast vor dem Feuerwehr-Gerätehaus: Daniela Spiehs und Matthias Brandt vom Festkomitee sind beeindruckt von den schönen Figuren.

Lebensgroße Puppen zeigen Szenen aus dem Alltag: Sülte wird 800 Jahre alt und wirbt auf besondere Weise für seine Festwoche

von
12. Juni 2018, 12:00 Uhr

Wer in diesen Tagen durch Sülte fährt, dem fällt es schwer, sich nicht spontan in das Dorf zu verlieben. Fast überall hängen bunte Wimpelketten, zum Teil selbst genäht. In den Vorgärten sitzen selbstgebastelte lebensgroße Puppen, die Szenen des Landlebens darstellen: Sie bügeln, pflügen, machen Bürsten, sie betreuen Kinder in der Krippe, radeln, spielen, lenken das Feuerwehrfahrzeug, holen Bierfässer für die Gaststätte, schauen aus dem Fenster oder ruhen sich aus.

Mit dem Auto muss man ziemlich langsam fahren, um nichts zu verpassen. Allerorten begegnet dem Betrachter die Zahl „800“, am imposantesten auf der mehrstöckigen Strohballen-Puppe am Ortseingang. Denn: Sülte feiert seine erste urkundliche Erwähnung vor 800 Jahren. Das ist an sich schon etwas Besonderes. Auch die Festwoche vom 23. Juni bis 1. Juli nötigt Respekt ab. Aber wie liebenswert die Sülter auf das Jubiläum hinweisen, ist die eigentliche kleine Sensation.

Daniela Spiehs und Matthias Brandt gehören zum Festkomitee, haben schon die erfolgreiche 800-Jahr-Feier in Sülstorf vergangenes Jahr mit gestemmt. Die berufstätige Mutter von zwei Teenagern lebt in Sülte, seitdem sie selbst vier ist. Vor einigen Jahren hat sie sich mit ihrem Mann ein altes Haus an der Uelitzer Straße ausgebaut.

Für ihr Dorf engagiert sie sich mit Leib und Seele: Sie hat gemeinsam mit anderen an der knapp 400-seitigen Ortschronik Sülstorf, Sülte, Boldela mitgeforscht und mitgeschrieben, sie gehört zum Redaktionsteam der umfangreichen Homepage, ist oft mit dem Fotoapparat im Dorf unterwegs, organisiert die Festwoche mit und ist – natürlich – mit der gesamten Familie in der Freiwilligen Feuerwehr. „Die ist Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens im Ort“, sagt Daniela Spiehs. Wenn Sülte 800 wird, begeht die Feuerwehr ihren 75. Geburtstag – und feiert mit.

Vor ein paar Monaten hatten die Organisatoren alle Sülter aufgerufen, das Dorf festlich zu gestalten, ihnen ein paar Tipps gegeben. „Aber jeder ist für seine Deko selbst verantwortlich“, sagt Daniela Spiehs und staunt, was alles zustande gekommen ist. „Manchmal erschrecke ich mich fast, wenn wieder eine neue Puppe in einem Garten steht – weil sie so täuschend echt aussehen“, erzählt sie.

„Es gibt offenbar viele Leute, die hier gerne leben und sich einbringen“, fügt Matthias Brandt hinzu. Er kam vor 45 Jahren aus Dresden nach Sülstorf und schätzt diesen Flecken Erde und seine Geschichte immer noch sehr. Gern erzählt er, dass schon in der Jungsteinzeit Menschen hier unterwegs waren. Faustkeile, die in Sülstorf gefunden wurden, belegten dies. Brandt ist von Beruf Konstrukteur und arbeitet sich genauso akribisch durch die Ortsgeschichte. Zum Sülter Fest hat er die DVD mit Bildern und Dokumenten, die zur bereits vergriffenen Ortschronik gehört, aktualisiert, weiterentwickelt und angereichert.

Wenn Daniela Spiehs und Matthias Brandt durchs Dorf gehen, bleiben sie gerne zum Klönen stehen. Brigitte Bandow-Dahl und ihr Mann Peter Bandow bringen auf dem Rasen gerade historische Landmaschinen in Position: eine Egge, einen Pflug und einen alten Kartoffelroder. Alle in den 30er-Jahren gebaut, alle noch funktionstüchtig, zum Teil noch vor Kurzem im Einsatz. Schnell kommen die vier ins Fachsimpeln über Feldarbeit, über Sensen, Schwitzen bis zum Umfallen und Lieder, die vorm Einschlafen schützen sollen.

„Der Gemeinschaftssinn im Ort ist toll“, sagt Daniela Spiehs. Rund 300 Einwohner hat das einstige Rundlingsdorf, das heute zwar noch eine Kirche, einen Sportplatz und einige Gewerbetreibende hat, aber keine Kneipe, keine Post, keine Kita, Schule oder Einzelhändler. Auch keinen Schlittenberg – den haben sich die Sülter einfach selbst gebaut.

Und bei hartem Frost wird der Dorfteich mit Wasser gefüllt und „Eisvergnügen“ ausgerufen. Einen lebendigen Adventskalender gab es im vergangenen Jahr in Sülte, ebenso wie einen Kunstgarten. Und wenn die 800-Jahr-Feier vorbei ist, kommt erstmal das Kreiserntefest im Herbst. So lange bleibt die Deko hoffentlich erhalten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen