Spendenaktion Wünschewagen : Noch einmal Zeit mit Freunden verbringen

Der Freundeskreis in Hohenfelde  war für Wolfgang Hummel (zweiter von rechts) in den letzten Jahren so etwas wie das zweite Zuhause. Vom Wünschewagen hat er sich jetzt aus dem Rostocker Hospiz noch einmal dorthin bringen lassen.  Fotos: karin koslik
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Der Freundeskreis in Hohenfelde war für Wolfgang Hummel (zweiter von rechts) in den letzten Jahren so etwas wie das zweite Zuhause. Vom Wünschewagen hat er sich jetzt aus dem Rostocker Hospiz noch einmal dorthin bringen lassen. Fotos: karin koslik

Mit dem Wünschewagen kann Wolfgang Hummel aus Elmenhorst noch einmal sein „zweites Zuhause“ besuchen

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19. Dezember 2018, 12:00 Uhr

Wolfgang Hummel liegt schon angeschnallt und warm zugedeckt auf der Trage. Die Frage von Sandra Bohm „Na, wollen wir?“ ist eigentlich nur noch eine rhetorische. Doch kurz bevor der Wünschewagen vom Gelände des Rostocker Hospizes starten will, verlässt den 69-Jährigen der Mut. Tränen rinnen ihm über die Wangen, und etwas später schüttelt er kaum sichtbar den Kopf. „Alles in Ordnung bei Ihnen, Herr Hummel?“, hakt Sandra Bohm nach. Der antwortet lange nicht – und murmelt dann „Alles Sch…“

Für die gelernte Altenpflegerin ist dies die erste Wünschefahrt – und sie ist ratlos. Schließlich hatte der Pfleger im Hospiz schon gesagt, dass Herr Hummel seit seinem Einzug vor einer guten Woche das Bett nicht mehr verlassen hätte. Er könne auch keinen Schritt mehr allein gehen. In Sandra Bohms Tasche stecken etliche Notfall-Medikamente – und die Telefonnummer eines Arztes.

Eine Wünschfahrt kostet auch Überwindung

Zum Glück bemerkt Enrico Hinnah, der zusammen mit René Herberg-Noack bereits im Fahrerhaus Platz genommen hat, dass hinten etwas nicht in Ordnung ist. Die Männer sind erfahrene Wünschefahrten-Begleiter, und beide lassen die neue Mitstreiterin nicht im Stich. „Geht es Ihnen nicht gut, Herr Hummel? Wollen wir die Fahrt abblasen?“, fragte Hinnah, der Leiter der ASB-Rettungswache Laage ist, vorsichtig nach. „Oder sollen wir erst mal starten? Wenn es Ihnen dann zu viel wird, kehren wir sofort um. Heute wird nur gemacht, was Sie wollen.“

Vielleicht sind es diese Worte, die Wolfgang Hummel wieder Mut machen. Leise willigt er ein loszufahren. Und schaut dann traurig aus dem Fenster. „Alles grau“, murmelt er. Sandra Bohm lässt den schwerkranken Mann erst einmal in Ruhe, achtet nur darauf, dass er bequem und sicher liegt.

Erst als der Wünschewagen für ein kurzes Stück auf die Autobahn fährt, lebt Wolfgang Hummel etwas auf, hebt den Kopf und versucht, aus den großen Panoramafenstern zu schauen. Jetzt antwortet er zögerlich und sehr leise auch auf Fragen. Denn jetzt, das weiß er, ist das Ziel seiner Wünschefahrt nicht mehr weit entfernt: Hohenfelde. „Mein zweites Zuhause“, erklärt er.

Nachbarn wurden zu Freunden

Gleich hinter dem Ortseingangsschild wartet Hans-Jürgen Lembke, um den Wünschewagen zu seinem Grundstück zu lotsen. Mit ihm und seiner Frau Marion ist Wolfgang Hummel schon seit langem befreundet: Kennengelernt hatte er die Inhaber eines Baugeschäfts in dem Baustoffhandel, in dem er arbeitete. Als Lembkes vor sieben Jahren in das Dorf bei Bad Doberan zogen und unter den neuen Nachbarn bald Freunde fanden, gehörte auch Wolfgang Hummel schnell zu diesem Kreis. Zum Schluss kam er so gut wie jeden Tag aus seinem Heimatort Elmenhorst herüber.

Den Pflegkräften im Hospiz hatte er erzählt, dass er die Hohenfelder Freunde gerne noch einmal wiedersehen wollte. Und da sie einen kurzen Draht zum ASB-Wünschewagen haben, landete dieser Wunsch auf dem Tisch von Projektkoordinatorin Bettina Hartwig – und die brauchte nur wenige Tage, um ihn wahr werden zu lassen. Denn Marion Lembke war sofort Feuer und Flamme, versprach, für Kaffee und Kuchen zu sorgen und möglichst viele Nachbarn zusammenzutrommeln.

So ist es denn, als der Wünschewagen auf den Hof rollt, auch kein Problem, dass das Haus nur über eine Stufe zu erreichen ist: Viele kräftige Männer fassen mit an, als ihr Freund zuerst von der Trage in den Rollstuhl gehievt und dann samt dem Gefährt ins Haus getragen wird.

Enrico Hinnah (links) und René Herberg-Noack  (3.v.l.) helfen Wolfgang Hummel zusammen mit seinen Freunden aus dem Dorf von der Trage in den Rollstuhl.
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Enrico Hinnah (links) und René Herberg-Noack (3.v.l.) helfen Wolfgang Hummel zusammen mit seinen Freunden aus dem Dorf von der Trage in den Rollstuhl.

Schnacken bei Kaffee und Kuchen

Und plötzlich lebt Wolfgang Hummel auf. Den Rauch der angebotenen Zigarette inhaliert er tief. Es sei die erste seit acht Wochen, meint er. Damals war er mit Verdacht auf einen Schlaganfall ins Rostocker Uniklinikum eingeliefert worden, später stellte sich dann heraus, dass die Ausfallerscheinungen von einem Tumor herrührten, erzählt Marion Lembke. „Auf einen Schlag ging nichts mehr“, sagt Herr Hummel leise – und verstummt dann wieder.

Doch Käsekuchen und Kaffee schmecken ihm sichtbar. „Türkisch“ sagt er mit einem anerkennenden Blick auf die Tasse. Im Hospiz käme der Kaffee aus einer Maschine, und da sei immer so viel Milch drin, meint er dann. Die Frauen in der Runde fragen nach: Aber Kaffee und Kuchen bekommt ihr dort auch? Wie ist überhaupt das Essen? Und was machst du so den ganzen Tag, schaust du fern?

Ehrenamtliche opfern Freizeit für Wünschfahrten

Als das Gespräch im Wohnzimmer immer mehr in Gang kommt, zieht sich das ehrenamtliche Wünschewagen-Team in die Küche zurück. Die Männer kennen sich schon länger, erzählen über ihre Familien, den Beruf. Denn auch René Herberg-Noack arbeitet wie Enrico Hinnah beim ASB-Rettungsdienst, er allerdings in Wismar. Noch am selben Abend, nach der Wünschefahrt, beginnt dort seine nächste Schicht. Sandra Bohm hat gerade einen 24-Stunden-Dienst hinter sich. Seit einiger Zeit arbeitet die 32-jährige Rostockerin in der ambulanten Intensivpflege, vorher war sie in einem Heim tätig. „Für Extrawünsche der Bewohner bleibt im Job keine Zeit“, erzählt sie. Im Wünschewagen sei das anders – vor allem das habe sie an dem Projekt gereizt.

Tatsächlich hat auch Herr Hummel einen Wunsch außer der Reihe. Zwei Stunden hat er im Kreise seiner Freunde verbracht, einige wollen vor Weihnachten noch einmal bei ihm im Hospiz vorbeischauen. Der Wünschewagen ist schon fast wieder auf der A20, als der Fahrgast leise sagt: „Und ich wollte doch so gerne auch noch mal nach Evershagen…“

René Herberg-Noack wendet bei der nächsten Gelegenheit und lässt sich die genaue Adresse nennen. Dort sind alle Fenster dunkel und auf das Klingeln von René Herberg-Noack reagiert niemand. Trotzdem möchte Wolfgang Hummel aus dem Auto geholt werden, am liebsten würde er sich einmal rund ums Haus schieben lassen, um nach dem Rechten zu sehen. Doch das ist mit der Trage nicht zu schaffen. Ein Nachbar kann ihm aber erzählen, dass noch genug Brennholz da und auch sonst alles in Ordnung ist. In den nächsten Tagen, wenn er in der Nähe zu tun hätte, würde er Wolfgang Hummel im Hospiz besuchen, verspricht er.

Als der Wünschewagen schließlich wieder nach Rostock hineinrollt, schläft sein Passagier. Der aufregende Nachmittag fordert seinen Tribut. Ein kleines Gesteck auf dem Nachtisch wird ihn aber daran erinnern – ein Gruß von den Freunden aus Hohenfelde.

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