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SVZ ist Partner vom Wünschewagen : „Eine Mutter hat immer Taschentücher dabei…“

Für ihren 17-jährigen Sohn wünschte sich Karina Paepcke eine Fahrt nach Hamburg zum „König der Löwen“ – Cedric war der 100. Fahrgast des Wünschewagens in Mecklenburg-Vorpommern und der zweitjüngste in seiner Geschichte

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25. Mai 2019, 05:00 Uhr

„Es war so eine Ahnung, dass es besser wäre, nicht noch länger zu warten.“ Karina Paepcke muss schlucken, kämpft gegen die Tränen. Der Arzt, so erzählt sie schließlich weiter, hätte ihrem Sohn bescheinigt, dass er noch einen, vielleicht sogar zwei Monate lang transportfähig sein würde.

Mit dem Wünschewagen in die Elbmetropole

Die Fahrt mit dem ASB-Wünschewagen ins Musical „König der Löwen“ nach Hamburg hätte danach auch noch im Frühsommer starten können. „Aber ich habe ja gesehen, wie schnell es in letzter Zeit mit Cedric bergab ging. Und ich möchte doch, dass ihm noch so viele Wünsche wie möglich erfüllt werden…“

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Volker Bohlmann
 

Bis zum letzten Tag habe sie dem zweitältesten ihrer vier Kinder nichts von dem Ausflug verraten, den sie selbst beim Wünschewagen-Team bestellt hatte, so die 44-Jährige. Cedric hatte im letzten Jahr die Abschlussfahrt mit seiner Schulklasse nach Hamburg gemacht und wollte unbedingt noch einmal in die Elbmetropole.

Ausflug mit Rollstuhl war nicht mehr möglich

Am Freitag vergangener Woche, als es losgehen sollte und sie ihrem Sohn endlich davon erzählte, sei sein Zustand dann schon „ziemlich wacklig“ gewesen. An den ursprünglich geplanten Ausflug mit dem Rollstuhl war nicht mehr zu denken, nur ein Liegendtransport kam noch in Frage – wenn überhaupt.

Sie hätte Cedric angeboten, die Fahrt im letzten Moment noch abzusagen: „Er ist 17 und entscheidet selbst – das halten wir so in Bezug auf seine Krankheit, und das halten wir auch sonst so.“ Aber so tapfer, wie ihr Sohn in den letzten Monaten sein Schicksal angenommen hatte, reagierte er auch in dieser Situation: „Mama, wir fahren – du hast dir so viel Mühe gegeben, jetzt machen wir das“, habe er zu ihr gesagt, erzählt Karina Paepcke.

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Volker Bohlmann
 

So wurde Cedric Malepse am vergangenen Freitag zum 100. Fahrgast des ASB-Wünschewagens in Mecklenburg-Vorpommern – und zum zweitjüngsten. Der jüngste war gleich im Sommer 2017, als der Wünschewagen im Nordosten in Betrieb ging, ein Elfjähriger, erinnert sich Projektkoordinatorin Bettina Hartwig. Sein Zustand sei damals schon sehr kritisch gewesen – wie jetzt auch der von Cedric.

Tränen im Wünschewagen

Um die Fahrt nach Hamburg überhaupt durchstehen zu können, bekam der 17-Jährige Morphium. Seiner Mutter kamen beim Anblick ihres schlafenden Kindes im Wünschewagen immer wieder die Tränen. „Taschentuch?“, fragte Ehrenamtlerin Susanne Jerke mitfühlend. Doch Karina Paepcke verneinte: „Eine Mutter hat immer Taschentücher dabei…“

In den zurückliegenden Monaten hat die Familie viele Taschentücher verbraucht.

Wir sind durch die Hölle gegangen. Karina Paepcke
 

Und sie gingen es noch. Kurz vor Cedrics Schulabschluss im letzten Sommer habe alles angefangen. Er hätte immer wieder über Bauchschmerzen, manchmal auch Übelkeit geklagt. Der Kinderarzt in Brandenburg/Havel, wo die Familie zu dieser Zeit noch wohnte, hätte sie zu beruhigen versucht, vielleicht sei das einfach der Prüfungsstress.

Doch am 18. August – dieses Datum wird die Mutter nie wieder vergessen – rief Cedric sie an: „,Komm sofort, ich ruf sonst den Notarzt‘ hat er gesagt – und wenn Cedric so was sagt, ist es wirklich ernst.“ Mit Verdacht auf eine Blinddarmentzündung kam der Junge ins Krankenhaus und dort umgehend in den OP.

Intensiv- statt Kinderstation

„Anschließend lag er nicht mehr auf der Kinder-, sondern auf der Intensivstation“, erinnert sich die Mutter. Denn nicht der Blinddarm war schuld an seinen Schmerzen. „Sie mussten Cedric die Hälfte des Dickdarms und der Lymphknoten aus dem Bauch rausnehmen“, erzählt Karina Paepcke, die bei der Erinnerung daran schon wieder um Fassung ringen muss.

Zwei Tage später lag dann das Ergebnis der Gewebeuntersuchung vor. Es bestätigte, was die gelernte Altenpflegerin, die eine ganze Reihe medizinischer Zusatzqualifikationen hat, längst ahnte: Ihr Sohn hat Krebs, Dickdarmkrebs.

Die Chemo half nicht

Statt wie geplant die Lehre zum Elektronikfachangestellten begann Cedric den ersten von inzwischen neun Chemotherapie-Zyklen. Doch so sehr der Junge sich damit quälte: Die Chemo half nicht wie erhofft. Als eine Spezialistin an der Berliner Charité ihn Mitte Januar operieren wollte, brach sie nach kurzer Zeit ab. Es war nichts mehr zu machen.

Karina Paepcke hatte zuletzt in der Kinderintensivpflege gearbeitet. Ihr war deshalb früh klar, wie ernst es um ihren Sohn steht. Schon seit der Diagnosestellung war sie krankgeschrieben. Nun versuchte sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, Cedric noch so viele Wünsche wie möglich zu erfüllen. Der ehemalige Klassenlehrer des Jungen startete einen Spendenaufruf im Internet, um die alleinerziehende Mutter zu unterstützen – mit großem Erfolg.

Namen der Geschwister tätowiert

Von den Spenden konnte Cedric zusammen mit seinem großen Bruder Marvin einige Tage nach Bayern fahren, um dort Chatfreunde zu treffen. Er konnte sich die Namen und Geburtsdaten seiner Geschwister in die Haut tätowieren lassen. Und er konnte sein Zimmer im künftigen Zuhause der Familie so einrichten, wie er es sich wünschte. Karina Paepcke hatte ein altes Haus in Tessin geerbt – trotz der vielen immer noch nötigen Arbeiten ein Glücksfall, „denn wir wohnten in Brandenburg im zweiten Stock. Das ging mit Cedric nicht mehr.“

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Volker Bohlmann
 

Seit Ende März lebt die Familie nun im Mecklenburgischen. Von dort startete am vergangenen Freitag dann auch Cedrics Wünschewagenfahrt. Für die zweijährige Greta hatte Karina Paepcke eine Betreuungsmöglichkeit gefunden. Der elfjährige Iven fuhr mit – um noch einmal Zeit mit dem älteren Bruder verbringen zu können.

Für die Mutter der Jungen eine schöne, aber dennoch keine einfache Situation, denn beide beanspruchten ihre Aufmerksamkeit. „Ich war deshalb Susi und Matthias, den beiden Ehrenamtlern vom Wünschewagen, sehr dankbar, dass sie sich während der Vorstellung um Iven gekümmert haben.“ Sie selbst saß auf einem Barhocker neben Cedric, der mit Hilfe zweier zupackender Hamburger Feuerwehrmänner und der beiden Ehrenamtler auf seiner Liege ins Musicaltheater geschoben wurde.

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Privat/Susanne Jerke
 

„Er fand den Abend ganz toll“, erklärt Karina Paepcke fünf Tage später. An diesem Mittwoch wollte eigentlich auch Cedric selbst darüber erzählen, wie er seine Wünschewagenfahrt erlebt hat. Doch aus den schlimmen Vorahnungen seiner Mutter war inzwischen Realität geworden.

Zu Hause ein Engel werden

Am Sonntag musste Cedric vom Notarzt in die Rostocker Uniklinik eingewiesen werden. Seine unerträglichen Schmerzen rührten von einem Darmverschluss. Eine Operation war nicht mehr möglich, so die Mutter unter Tränen. Schmerzlinderung und Sondenernährung sei nun alles, was noch für den Jungen getan werden könne. „Ich nehme Cedric jetzt mit nach Tessin. Es ist sein letzter Wunsch, zu Hause ein Engel zu werden – und den kann ich ihm erfüllen.“

Bei der Betreuung der kleinen Greta will ihr in dieser Zeit der Kinderhospizdienst helfen. Es sei für Cedric so wichtig, dass seine Geschwister in der Nähe seien, weiß Karina Paepcke. Auch Marvin, ihr Ältester, sei deshalb zurzeit in Tessin. Er hat sogar eine für Ende des Monats geplante Japanreise verschoben.

Wie viel erträgt ein Mensch?

 „,Mama, ich halte das alles nur mit dir aus, ich schaffe das nur, wenn du bei mir bist‘, hat Cedric zu mir gesagt“, so Karina Paepcke, und Tränen rollen über ihre Wangen. Ihr Sohn hätte erst jetzt in Rostock nach einem Arztgespräch begriffen, wie wenig Zeit ihm noch bleibt. „Dann ist er zusammengebrochen. Er hatte doch noch so viel vor…“

Vielleicht blieben ihnen gemeinsam noch drei Wochen, vielleicht auch weniger, sagt die Mutter dann tapfer. Sie hätte ihm versprochen, dass sie immer an seiner Seite sein werde. „Cedric wird in meinen Armen einschlafen. Er ist doch mein Kind.“

Weiterlesen: SVZ kooperiert ein Jahr mit dem Wünschewagen

So können Sie helfen

Der Arbeiter-Samariter-Bund erfüllt mit dem Wünschewagen Menschen jeden Alters ihren letzten Wunsch: Noch einmal das Meer sehen. Dorthin fahren, wo man die Liebe seines Lebens kennen gelernt hat. Ein letztes Mal mit der Familie Kaffee trinken… Damit diese Wünsche wahr werden können, braucht das Projekt finanzielle Unterstützung.

ASB-Landesverband MV e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00, Stichwort „Medienkooperation Wünschewagen“

ASB-LV Brandenburg e.V.
IBAN: DE49 100 20 50 0000 3545 401

Wunschanmeldungen:
www.wuenschewagen-mv.de
www.asb-lv-bbg.de/wuenschewagen

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