Weihnachtsaktion: „Wünschewagen“ : Reise in die Vergangenheit

Silke Frank (r.) erkundigt sich während der Fahrt immer wieder danach, ob es Ursula Jankowski gut geht.
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Silke Frank (r.) erkundigt sich während der Fahrt immer wieder danach, ob es Ursula Jankowski gut geht.

Ursula Jankowski kann mit dem Wünschewagen noch einmal nach Warnemünde zurückkehren, wo sie vor Jahrzehnten ihre Kinder großgezogen hat

nnn.de von
09. Dezember 2017, 05:00 Uhr

Gerade einmal 20 Kilometer liegen, wenn man mit der Fähre über die Warnow setzt, zwischen dem Pflegeheim Lindenhof in Graal Müritz und dem Zentrum von Warnemünde. Doch für Ursula Jankowski sind diese 20 Kilometer, die sie von ihrem früheren Wohnort trennen, eine unüberbrückbare Entfernung. Denn die 88-Jährige ist zwar geistig noch wach, aber ihr Körper macht nach einem langen Leben voller körperlich schwerer Arbeit einfach nicht mehr mit: Weil ihre Gelenke kaputt sind, sitzt sie im Rollstuhl. Sie ist Diabetikerin und trägt einen Herzschrittmacher. Wegen einer fortschreitenden Lungenerkrankung muss sie zudem immer öfter an ein Sauerstoffgerät angeschlossen werden. „Meine ganzen Krankheiten kann man gar nicht mehr aufzählen“, sagt die Seniorin seufzend – und setzt dann hinzu: „Ich mag einfach nicht mehr.“

Karin Wetzel, die älteste Tochter von Ursula Jankowski, würde der Mutter gerne wieder etwas Lebensmut zurückgeben. Doch auch sie ist nicht gesund. Und sie besitzt kein Auto. Will die 66-Jährige ihre Mutter besuchen, muss sie mit dem Zug von Warnemünde nach Graal Müritz fahren. Den Weg zu Fuß vom Bahnhof zum Pflegeheim und wieder zurück bewältigt sie nur mit äußerster Anstrengung. Den Rollstuhl der Mutter kann sie nur ein kurzes Stück schieben. Die alte Dame zu Besuch zu sich zu holen, ist schon allein deshalb undenkbar.

Als sie jetzt über eine Freundin vom Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) hörte, sah Karin Wetzel eine Chance, ihrer Mutter doch einen Herzenswunsch zu erfüllen – und ein wenig auch sich selbst. Noch einmal wollten sie zusammen durch die Straßen in Warnemünde gehen, in denen die Familie seit 1951 gelebt hatte.

Zu helfen, derartige Wünsche zu erfüllen, ist das Ziel unserer diesjährigen Weihnachtsspendenaktion. Denn der ASB als Träger hat zwar die technische Ausstattung und das Fahrzeug bezahlt. Die Einsätze aber werden ausschließlich aus Spenden und Sponsorengeldern sowie über den ehrenamtlichen Einsatz von mittlerweile 60 Helfern finanziert.

Ursula Jankowski und ihre Tochter Karin Wetzel (l.) schwelgen in  Erinnerungen. Silke Frank vom Wünschewagenteam staunt über  die vielen Anekdoten.
Foto: Karin Koslik
Ursula Jankowski und ihre Tochter Karin Wetzel (l.) schwelgen in Erinnerungen. Silke Frank vom Wünschewagenteam staunt über die vielen Anekdoten.
 

Nur eine Woche nach dem ersten Telefonat mit Wünschewagen-Projektkoordinatorin Bettina Hartwig ist es für Ursula Jankowski so weit. Die Seniorin sitzt bereits eine Stunde bevor der Wünschewagen in Graal Müritz eintrifft in Anorak, Schal und Mütze in ihrem Rollstuhl und wartet. „Ich komm’ hier doch nur so selten raus“, erklärt sie Silke Frank und Andreas Langberg vom Wünschewagenteam, als die sie behutsam ins Auto bugsieren.

Als der Wagen Fahrt aufnimmt, saugt die Seniorin mit großen Augen geradezu auf, was draußen vor dem großen Panoramafenster vorbeizieht. Reden mag sie jetzt nicht. Dafür kullert ganz sacht eine Träne über ihre Wange.

Silke Frank legt ihr behutsam die Hand auf die Schulter. „Ist alles in Ordnung?“, fragt die Altenpflegerin, die Urlaub hat und sich deshalb für den Einsatz im Wünschewagen melden konnte. Ursula Jankowski kann nur nicken. Silke Frank lässt die Hand auf ihrer Schulter liegen. Und hört zu, als Ursula Jankowski beginnt, aus ihrem Leben zu erzählen. Drei Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen, hat sie nach dem frühen Tod ihres Mannes allein großgezogen. Das nötige Geld verdiente sie als Reinigungskraft auf der Warnowwerft. Es hätte nie für Extras gereicht, aber zum Leben, erzählt sie. Inzwischen gehören auch fünf Enkel und fünf Urenkel zu ihrer Familie. Alle kümmerten sich um die Oma, vor allem ihre Enkelin aus Hannover.

Der Wünschewagen hat mittlerweile die Fähre erreicht. Fahrer Andreas Langberg bugsiert ihn behutsam auf einen Platz in der äußeren Spur, so dass alle Insassen den Blick hinauf zur Warnow mündung genießen können. „Sind das große Schiffe“, staunt Ursula Jankowski.

Nur wenige Minuten später ist dann die Straße erreicht, in der Karin Wetzel wohnt. Auch sie steht bereits in der Tür und wartet. Mit hinein kann die Mutter nicht – wegen der Treppe und weil die Wohnung nicht behindertengerecht ist, erklärt die Tochter bedauernd. Ursula Jankowskis Freude tut das keinen Abbruch. Sie strahlt über das ganze Gesicht, streichelt ihrer Großen immer wieder die Hand.

Karin Wetzel hat einen kleinen Rundgang durch das Ostseebad geplant, der mit der Stippvisite bei Käthe Hille beginnt. Sie ist ebenfalls 88 und hat viele Jahre lang mit Ursula Jankowski zusammen auf der Warnowwerft gearbeitet. Beide schwelgen in Erinnerungen und trennen sich schließlich nur ungern. Doch der Zeitplan ist eng – und dazu kommt die Sorge des Wünschewagenteams, dass die Kräfte der Seniorin schnell nachlassen könnten.

Weiter geht es also zum „Ostseehotel“ gleich hinter dem „Neptun“. Ursula Jankowski erkennt das Gebäude wieder. „Hier in der zweiten Etage habe ich Christel bekommen.“ Früher, so erklärt sie, sei dort nämlich die Geburtenstation gewesen, auf der ihre jüngere Tochter zur Welt kam. Auch Kinderärzte hätte es im Haus gegeben.

Nur wenige hundert Meter weiter in der Seestraße, da, wo heute die „Villa Lipsia“ steht, hat die Familie einst gewohnt. „In einem einzigen Zimmer unter dem Dach“, weiß Ursula Jankowski noch. Und sie erinnert sich, dass ihre Älteste als kleines Mädchen einmal aus dem Fenster gefallen und nur wegen des vergleichsweise geringen Dachgefälles nicht auf den Hof gestürzt ist. „Ich hatte damals von allen Klopsen, die Mutti gebraten hatte, einmal abgebissen“, erklärt Karin Wetzel schmunzelnd. „Als sie schimpfte, wollte ich mich hinter der Gardine verstecken und hatte nicht gemerkt, dass das Fenster weit offen stand…“

In das Lachen mischt sich bei ihrer Mutter ein Zittern. „Können wir ein bisschen schneller gehen, mir ist kalt“, wendet sie sich an Silke Frank, die ihren Rollstuhl schiebt. In einer nahegelegenen Gaststätte findet sich zum Glück ein freier Tisch. Wichtiger als warmes Essen und Getränke sind Mutter, Tochter und einer Schulfreundin von Karin Wetzel in der nächsten Stunde aber die Gespräche, bei denen das Wünschewagenteam sie allein lässt.

Aus den Augenwinkeln beobachtet Silke Frank allerdings, dass der Seniorin das Atmen zunehmend schwerer fällt. Und auch sonst scheint sie in ihrem Rollstuhl immer weiter zusammenzusinken. „Sie ist mit ihren Kräften am Ende“, schätzt die Altenpflegerin ein. Und tatsächlich: Ursula Jankowski will jetzt nur noch zurück „nach Hause“. Dass ihrer Tochter die Tränen kommen, als das Wünschewagenteam ihr beim Einsteigen hilft, realisiert sie schon gar nicht mehr. Und die Fähre hat noch nicht in Hohe Düne angelegt, als sie fest eingeschlafen ist.

Erst in Graal Müritz wacht sie wieder auf. Passanten bleiben stehen, als sie aus dem Wünschewagen gehoben wird. Einige stecken die Köpfe zusammen, tuscheln. Ursula Jankowski ist das egal. „Der Tag heute war mein schönstes Weihnachtsgeschenk“, sagt sie den Helfern zum Abschied – und lächelt.

So können Sie helfen

Die Adventszeit ist die Zeit der Familie. Wir freuen uns auf Weihnachten, auf ausgelassene Fröhlichkeit und darauf, dass sich der eine oder andere lang gehegte Wunsch erfüllt. Auch in unserer diesjährigen Weihnachtsaktion geht es um Wünsche. Um letzte Wünsche. Und um Menschen, die niemanden haben, der sie ihnen erfüllen kann.

Seit Juni gibt es einen Wünschewagen in Mecklenburg-Vorpommern, wie auch in Brandenburg seit 2016. Inzwischen haben sich über 50 Menschen um ein Team geschart, die im Ehrenamt, in ihrer Freizeit anderen Menschen ihren letzten Wunsch erfüllen. Rettungssanitäter, Krankenschwestern, Palliativ-Assistenten... Der ASB hat einen Rettungswagen ausgebaut, so dass schwerkranke Menschen damit befördert werden können. Es geht um Schwerstkranke in der letzten Phase ihres Lebens. Und es geht um vergleichsweise kleine Wünsche. Die Rollstuhlfahrerin, die noch einmal die Füße in die Ostsee stecken will. Den  Senior, der noch einmal in einer ganz bestimmten Bäckerei in Zingst ein Stück Kuchen essen möchte. Den an Krebs erkrankten 22-Jährigen, der Hansa Rostock im Stadion spielen sehen will. Es gibt auch Kinder an Bord...

Manchmal ist der Tod schneller als der Wünschewagen. Auch deshalb wollen wir mit unseren  Lesern helfen, die beim ASB angemeldeten Wünsche von Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern oder der Prignitz schnell erfüllen zu können. Die Fahrten werden ausschließlich aus Spendenmitteln finanziert. Projektleiterin Bettina Hartwig beziffert den Spendenbetrag, der für ein Jahr erforderlich ist, auf 70 000  Euro.

Wir sagen, es ist Zeit, etwas für unsere Mitmenschen zu tun, die sich nicht selbst helfen können. Schirmherrin unserer Aktion ist Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Helfen Sie bitte mit bei der gemeinsamen Weihnachtsaktion unserer Zeitung und des  ASB.  Helfen Sie anderen Menschen. Oft zeigt schon ein kleiner Betrag eine große Wirkung. Ihre Schweriner Volkszeitung

Kontodaten
ASB-Landesverband MV e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00
BIC: BFSWDE33BER
Stichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“

Spenden für die Prignitz:
ASB-LV Brandenburg e.V.
IBAN: DE49 100 20 50 0000 3545 401

Bitte schreiben Sie für die Spendenquittung Ihre Adresse und Ihren Namen in die Zeilen für den Verwendungszweck. Vermerken Sie dort auch, falls Sie in der Zeitung nicht als Spender genannt werden möchten.

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