Wann überbehüten problematisch wird : Gefahr über Gefahr: Wenn Eltern die Angst ums Kind zerfleischt

23-64047163.JPG

Sobald es auf der Welt ist, werden Eltern mit immer neuen Sorgen konfrontiert. Wie lernt man, die Kleinen nicht zu sehr zu behüten?

von
13. April 2019, 16:00 Uhr

Die kleine Julia trabt vergnügt zu ihren Freundinnen zum Spielenachmittag. Endlich Zeit für einen gemütlichen Kaffee. Doch was ist das? In der Ferne schrillen Sirenen.

Angst ist gesund – zumindest im Rahmen

Kalter Angstschweiß bricht aus. „Das ist garantiert meine Kleine“, könnten sich Eltern jetzt denken. Ist das noch normal, diese ständige Sorge ums Kind? „Sie entsteht meist dadurch, dass man schon von einem ähnlichen Fall gehört hat“, sagt Christina Hunger-Schoppe. „Es gibt also einen guten Grund, sich um die Kinder zu sorgen“, erklärt die Privatdozentin und Psychologische Psychotherapeutin am Universitätsklinikum Heidelberg.

Angst ist gesund, sonst würden wir uns ständig in gefährliche Situationen begeben, ergänzt Ingo Spitczok von Brisinski, Fachbereichsarzt Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der LVR-Klinik Viersen.

Ob und wie stark sich Furcht entwickelt, hängt von der Persönlichkeit der Eltern, aber auch des Kindes ab, hat Silvia Schneider festgestellt. Sie ist Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Entscheidend sei, wie gut das Temperament des Kindes mit der Persönlichkeit der Mutter beziehungsweise des Vaters zusammenpasst. „Typischerweise ist die Entwicklung von Ängsten aber ein Prozess und nicht von vornherein veranlagt“, erläutert Schneider. Manch ein Kind rebelliert, wenn es zu sehr behütet wird. Es nabelt sich ab oder spielt den Helden, andere werden selbst ängstlich.

Kinder müssen wachsen dürfen

Übervorsichtige Eltern senden unbewusst eine Meta-Botschaft an ihr Kind, verdeutlicht Schneider: „Ich trau dir das nicht zu, und die Welt ist gefährlich.“ Natürlich sei die Welt chaotisch, aber Kinder bräuchten ihrem Alter angemessene Herausforderungen, um daran zu wachsen. Manchmal liege Angst auch in der Kindheit der Eltern begründet. „Das können längst verschüttete Erinnerungen sein, die durch das eigene Kind ins Gedächtnis gerufen werden.“

Um auszuloten, wie sehr die Unsicherheit das eigene Leben bereits im Griff hat, hilft den Experten zufolge ein Realitätscheck mit befreundeten Vätern und Müttern. „Wer feststellt, dass man dem eigenen Kind ständig weniger zutraut als andere Eltern, sollte skeptisch werden“, sagt Spitczok von Brisinski. Entlasten können in so einem Fall Säuglings- oder Eltern-Kind-Sprechstunden. Auch die Jugendämter oder Familien- und Erziehungsberatungsstellen beispielsweise von Pro Familia, Caritas und der Diakonie bieten offene, kostenfreie Sprechstunden.

Hilfe durch Ärzte und Psychologen

Schneider empfiehlt, das Gespräch mit dem Haus- oder Kinderarzt zu suchen. Darüber hinaus lässt sich in Sprechstunden von psychotherapeutischen Praxen klären, ob professionelle Hilfe nötig ist. „Die Angst nimmt überhand, wenn ich dadurch andere mir wichtige Dinge vernachlässige“, stellt Hunger-Schoppe klar. Etwa wenn Eltern ständig zu spät zur Arbeit kommen, weil das Kind bis vor die Schultür gebracht werden musste oder sie das Handy ständig im Blick haben.

Sich dem mit Angst behafteten Thema zu verschließen sei keine gute Strategie, meint Schneider. Werden brenzlige Situationen gemieden, vergrößert sich die Angst nur noch, findet Spitczok von Brisinski. „Das ist wie eine Horde zähnefletschender Hunde, die am Zaun darauf wartet zuzuschnappen.“ Stattdessen sollte man sich der Situation stellen, darin sind sich die Experten einig. Geht es beispielsweise darum, das Kind den Schulweg alleine gehen zu lassen, ist eine gute Vorbereitung und beständiges Üben wichtig.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen