Farbe der Kinderbekleidung : Warum tragen Jungen eigentlich Blau und Mädchen Rosa?

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Lieben Mädchen von Natur aus die Farbe Rosa? Ein Blick auf die Historie des Rosa-Hellblau-Phänomens.

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13. November 2018, 09:57 Uhr

Hamburg | JeongMee Yoons Tochter war fünf, als sie nur noch rosa Kleidung tragen und mit rosa Spielzeug spielen wollte. Dadurch kam der koreanischen Künstlerin und Fotografin die Idee für ihr "Pink & Blue Project". Seitdem fotografiert sie Mädchen und Jungen in den USA, Südkorea und anderswo inmitten von deren rosa beziehungsweise blauen Spiel- und Anziehsachen.

Dass auch in Deutschland die Welt der Kinderspielzeuge und Kinderbekleidung klar nach Farben für Jungen und Mädchen unterteilt ist, zeigt auch der jüngste Dokumentarfilm der Schauspielerin und Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes. In der zweiteiligen ZDF-Produktion mit dem Titel "No More Boys and Girls" stellt Ulmen-Fernandes sich mit einer Kleiderstange voll typischer Jungen- und Mädchenoberteile in die Fußgängerzone. Die befragten Eltern ordnen ohne großes Zögern ganz klar die blauen und schwarzen Shirts den Jungen sowie die rosa Oberteile den Mädchen zu (Die Sequenz ist ab Minute 34:00 des Films zu sehen).

Aber warum ist das so? Liegt es in ihren Genen, dass Mädchen Rosa und Pink lieben? Wurden Farben wie Blau oder Schwarz schon immer als passender für Jungen angesehen?

Im Film 'No More Boys and Girls' spürt Collien Ulmen-Fernandes den Rollenbildern von Jungen und Mädchen nach – hier beim 'Hau den Lukas'-Spiel.
ZDFneo/Martin Rottenkolber
Im Film "No More Boys and Girls" spürt Collien Ulmen-Fernandes den Rollenbildern von Jungen und Mädchen nach – hier beim "Hau den Lukas"-Spiel.

Mädchen mögen eben pink, oder?

Dass Mädchen in einem gewissen Alter eine Vorliebe für Rosa haben und Jungen die Farbe eher meiden, hat auch eine Untersuchung von US-amerikanischen Forscherinnen ergeben. Sie boten Kindern im Alter zwischen sieben Monaten und fünf Jahren verschiedene Spielzeuge an. Im Alter von zweieinhalb griffen Mädchen besonders oft und Jungen besonders selten zu rosa Spielzeugen.

Und auch bei Männern und Frauen gibt es Hinweise auf unterschiedliche Vorlieben: Zwei britische Forscherinnen untersuchten die Farbpräferenz von jungen Erwachsenen aus Großbritannien und China. Die Frauen in diesem Experiment zeigten eine stärkere Präferenz für Rottöne als die befragten Männer.

Was war zuerst da – Vorliebe oder Angebot?

Doch sind diese Unterschiede in unseren Genen verankert oder wirken die Eindrücke der Gesellschaft derart auf uns ein, dass bereits Mädchen und Jungen im Alter von zweieinhalb Jahren gelernt haben, welche Farbe für welches Geschlecht gesellschaftlich akzeptiert ist?

Die britischen Forscherinnen mutmaßen, dass die Präferenz von Frauen für Rottöne evolutionär begründet sein könnte: Laut der Jäger-Sammler-Theorie seien Frauen früher für das Sammeln von reifen Früchten zuständig gewesen. Um solche rötlichen Früchte oder Beeren besonders gut finden zu können, sei es plausibel, dass das weibliche Gehirn sich angepasst habe.

Eine andere mögliche Erklärung sei, dass das Gehirn von Frauen sensibler auf emotional bedingte veränderte Rötungen der Gesichtshaut reagiere. Dies sei beim Betreuen von anderen Menschen besonders wichtig – einer Aufgabe, die historisch gesehen eher bei der Frau liege.

Allerdings schreiben die Autorinnen, dass es sich dabei um Spekulationen handele und ebenso der kulturelle Kontext oder persönliche Erfahrungen Einfluss auf die Farbpräferenz haben könnten.

War rosa schon immer eine Mädchenfarbe?

Falls die Farbpräferenzen von Männern und Frauen tatsächlich evolutionäre Gründe haben sollten, so wäre eine naheliegende Vermutung, dass sich die Rot-Blau- oder Rosa-Blau-Zuordnung zu den Geschlechtern in historischen Dokumenten wiederfinden lässt. Dies ist aber nur teilweise der Fall.

Eine der wenigen quantitativen Forschungsarbeiten zu diesem Thema stammt von Marco Del Giudice, Forscher am Institut für Psychologie der US-amerikanischen University of New Mexico. Del Giudice untersuchte historische Buchtexte im Google Books Ngram Viewer , einer Sammlung von insgesamt rund acht Millionen digitalisierten Büchern. Er durchsuchte Bücher in britischem und amerikanischem Englisch aus den Jahren 1881 bis 2000 nach Phrasen wie "pink for a girl" und "pink for a boy" oder "blue for a girl" und "blue for a boy". Dabei fand er fast ausschließlich Ergebnisse, die der Zuordnung "Blau für Jungen und rosa für Mädchen" entsprachen.  

 

Doch Del Giudice untersuchte auch historische Zeitungsartikel und fand dort ein anderes Ergebnis: In einem digitalen US-amerikanischen Zeitungsarchiv, das fast 12 Millionen digitalisierte Zeitungsseiten aus den Jahren 1789 bis 1924 enthält, filterte er 27 sinnvolle Einträge zum Thema heraus. In diesen kam die heutige Pink-Blau-Zuordnung ebenso häufig vor wie das genaue Gegenteil, also eine Zuschreibung von Blau für Mädchen und Rosa für Jungen.

Zu diesem Ergebnis passt auch ein Dokument, das Jo Paoletti, emeritierte Professorin für Amerikastudien an der Universität Maryland, in ihrer Arbeit zitiert: In einem Artikel der "Time" vom 19. November 1927 wird diskutiert, wo in den USA Blau eine beliebte Jungenfarbe ist und wo hingegen Rosa als typisch jungenhaft gilt.  

Paoletti kritisiert zudem an del Giudices Bücherauswertung, dass sie andere wichtige Quellen der Zeit, wie etwa Bekleidungskataloge, Fotos oder Geburtsanzeigen nicht berücksichtigt.

War Rosa früher eine typische Jungen-Farbe?

Im Internet finden sich mehrere Quellen, die besagen, die Zuschreibung von Rosa und Blau sei früher einmal genau andersherum gewesen: Rot sei die Farbe der herrschenden gewesen, also eine männliche Farbe, die sich zum Beispiel in der roten Farbe von Königsmänteln wiederfinde. Rosa, das sogenannte "kleine Rot", sei daher Jungen zugedacht gewesen. Blau hingegen sei in der christlichen Tradition die Farbe Marias und somit für Mädchen bestimmt gewesen.

Jungfrau Maria auf einem Bild des italienischen Malers Giovanni Battista Salvi da Sassoferrato (entstanden zwischen 1640 und 1650)
Jungfrau Maria auf einem Bild des italienischen Malers Giovanni Battista Salvi da Sassoferrato (entstanden zwischen 1640 und 1650)

Jo Paoletti, die jahrzehntelang zu Geschlechterunterschieden bei Kinderkleidung geforscht hat, warnt jedoch vor falschen Schlussfolgerungen: Ihre Forschung sei oft dahingehend missinterpretiert worden, dass früher ein genau umgekehrter Farbcode galt, sagt sie. Dabei habe es vor dem 20. Jahrhundert je nach Land und kulturellem Kontext unterschiedliche Konventionen gegeben. Dabei habe es sich nie um eine derart universelle und strikte Trennung gehandelt, wie es sie heute gebe.

Auch weist Paoletti darauf hin, dass vor dem 20. Jahrhundert farbige Kleidung gar nicht so verbreitet war, wie es heute der Fall ist. So trugen beispielsweise sowohl männliche als auch weibliche Babies in den USA und Europa im 19. Jahrhundert vor allem weiße oder leinenfarbene Kleidchen. Diese erlaubten ein leichtes Wickeln und ließen sich bei hohen Temperaturen waschen, ohne dass die Farben verblassten.

Franklin Roosevelt im Jahr 1884.
Franklin Roosevelt im Jahr 1884.

"Die Zuschreibung der Farben zu den Geschlechtern ist nichts, was auf die Ur- und Frühgeschichte zurückgeht", sagt auch Petra Lucht, Soziologin und Professorin an der Technischen Universität Berlin. Schließlich sei die Zuweisung über viele Jahrzehnte hinweg uneinheitlich und in manchen Kontexten auch anders herum gewesen. "Es gibt daher meiner Meinung nach keinen Grund per se, dass nun gerade blau Jungen zugeschrieben wird und rosa Mädchen", sagt Lucht.

Die Zuschreibung der Farben zu den Geschlechtern hätte auch anders sein können Petra Lucht, Soziologin und Professorin an der TU Berlin

Während die Zuordnung von Rosa und Blau in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch variierte, verfestigte sie sich in der zweiten Hälfte immer mehr. Angestoßen durch die Frauenbewegung in den 1960er Jahren, erlangte Unisex-Kinderkleidung zwar zwischenzeitlich eine gewisse Popularität. Doch spätestens in den 1980er Jahren setzte sich der Rosa-Blau-Code endgültig durch.

Inzwischen bestimmt er nicht nur die Bekleidungs- und Spielzeugabteilungen für Kinder, sondern auch immer mehr andere Produkte wie Lebensmittel oder Bücher. Beispiele dieses sogenannten Gendermarketings sammeln die Autoren der Seite "Die Rosa-Hellblau-Falle". So wurde beispielsweise der Klett-Verlag im Jahr 2017 mit einem Negativpreis für absurdes Gendermarketing ausgezeichnet. Der Verlag hatte seine "Geschichten zum Lesenlernen" in einer blauen Jungen-Variante mit Polizisten und Piraten sowie eine rosa Mädchen-Variante mit Pferden und Prinzessinnen herausgegeben.

Bleibt die Frage, was der Auslöser für die Entwicklung hin zur heutigen Rosa-Hellblau-Konvention war. Jo Paoletti schreibt zu dazu: "Stark geschlechtsspezifische Kleidung und Spielzeuge sind nicht 'traditionell'. Sie sind auch nicht notwendig, es sei denn, das Ziel ist es, Profit zu maximieren, indem man die Leute dazu zwingt, eine Jungen- und eine Mädchenvariante von Dingen zu kaufen, die sonst geteilt oder weitervererbt worden wären."


Weitere Informationen im Internet:

Die US-amerikanische Moderatorin Danielle Bainbridge gibt in Ihrer Youtube-Sendung "The Origin of Everything" einen anschaulichen Überblick über die Historie von Kinderbekleidung (in englischer Sprache):


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