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Homöopathische Mittel : Keine Kügelchen, bitte!

vom
Aus der Onlineredaktion

Homöopathische Mittel sollen bei Kindern gegen so ziemlich alles helfen. Was für ein Unsinn! Ein Meinungsbeitrag

nnn.de von
erstellt am 11.Jun.2017 | 08:00 Uhr

Einmal fiel unsere Tochter aus dem Buggy und mit dem Kopf auf die Straße. Sie schrie wie am Spieß, und innerhalb von Sekunden hatte sie eine dicke Beule. Nach ein paar Minuten waren die Tränen weg. Nach einer Stunde auch die Beule.

Ich erzählte die Geschichte ein paar Mal im Bekanntenkreis. Und mehrmals hieß es: „Ach, so schnell war die Beule weg – ganz ohne Globuli?“ Globuli? Bei einer Beule? Wieso sollte man das tun?

Die Antwort ist: Homöopathische Mittel sollen gegen so ziemlich alles helfen, auch und vor allem bei Kindern. Bettnässen und Blutergüsse, Fieber und Flugangst, Heimweh und Insektenstiche, Sonnenbrand, Windpocken und Zerrungen. Heilpraktiker oder Apotheker raten Eltern gar dazu, den Kleinen Globuli gegen blaue Flecken zu geben. Ganz abgesehen davon, dass ich meinen Kindern nicht vorleben möchte, dass man gegen jedes Wehwehchen eine Arznei einwirft – was ist schlimm an blauen Flecken?!

Über Homöopathie staune ich immer wieder: Obwohl ihre angebliche Wirkweise abstrus ist, ist sie in unserer Gesellschaft akzeptiert. Dabei, mal ehrlich: Eine Krankheit mit einem Mittel bekämpfen, das dieselben Symptome hervorrufen soll wie die Krankheit selbst? Dessen Wirkung sich angeblich verstärkt, je mehr man es verdünnt? Und wenn Wasser nur richtig geschüttelt wird, erinnert es sich an einen Wirkstoff, der mal drin war, und heilt uns damit? Ja, sind wir denn von allen guten Geistern verlassen?! Ist denn die Aufklärung nie passiert, dass wir einem widerlegten Hokuspokus aus einer Zeit vertrauen, in der Ärzte Aderlass betrieben und obskure Substanzen zu „Medizin“ zusammenrührten?

Wir beschweren uns über alternative Fakten, bauen aber auf Zuckerkugeln – ohne wissenschaftliche Grundlage! Zur Erinnerung: Bei der C12-Potenz (1 zu 1024; entspricht einem Tropfen im Atlantik) liegt die Wahrscheinlichkeit nur bei 50 Prozent, dass noch ein Molekül vorhanden ist; bei C30 (1:1060) entspricht die Verdünnung der eines Tropfens in der Masse einer Milliarde Galaxien – und es geht bis 1:102000.

Auch diese Logik sollte stutzig machen: Wenn das Leiden nach Einnahme homöopathischer Mittel schlimmer wird, handele es sich um die natürliche „Erstverschlimmerung“; wenn es besser wird, haben sie gewirkt. Dabei ist die Studienlage eindeutig. Globuli wirken nicht besser als Placebos – selbst die Techniker Krankenkasse, die die Mittel immerhin bezahlt, räumt ein, dass ihr kein Wirksamkeitsnachweis vorliegt.

Trotzdem sind die Zuckerpillen gerade bei Eltern beliebt, denn schließlich wollen sie das Beste für ihr Kind – und das möglichst schonend. Globuli hätten so gut wie keine Nebenwirkungen, sagen ihre Befürworter. Natürlich nicht, schließlich haben sie auch keine Wirkung! Es sei denn, man pfuscht bei der Verdünnung und es sterben zehn Kinder, wie in den USA – das Gift der Tollkirsche sollte gegen Schmerzen beim Zahnen helfen.

Vor allem aber wird es gefährlich, wenn Eltern zugunsten homöopathischer Mittel auf Schulmedizin verzichten: In Italien starb jüngst ein Siebenjähriger, weil er gegen seine Mittelohrentzündung nur Globuli bekommen hatte.

Bedenken sollte auch, wer von sanfter Arznei empathischer Heilpraktiker schwärmt, dass dahinter eine millionenschwere Industrie steht. Weil der Forschungsaufwand für die Kügelchen gleich null ist und sie quasi nur aus Zucker bestehen, ist die Herstellung spottbillig – und die Gewinnspannen sind märchenhaft. Ebenso wie die Versprechen: Globuli aus der Plazenta etwa sollen besonders wirksam sein, weil der Mutterkuchen der „Seelenbruder“ des Kindes sei. Und sie sind besonders teuer: Zehn Gramm kosten bis zu 300 Euro.

Aber es ist schwierig, gegen jemanden zu argumentieren, der von einem Erfolg berichtet. Welcher tatsächlich in dem – gerade bei Kindern – mächtigen Placebo-Effekt begründet ist. Oder darin, dass gerade harmlose Krankheiten, für die Kügelchen gern gegeben werden, nun mal meist spontan heilen. Auch ich bekam als Kind die Zuckerpillen gegen meine Neurodermitis. Dabei reagierte die nur auf das Wetter. Ich hatte längst aufgehört, die Mittel zu nehmen, als das Ekzem von selbst verschwand.

Ich finde es nicht schlimm, wenn Eltern ihren Kindern Globuli geben. Fast jede Mutter, die ich kenne, tut es zumindest ab und zu. Aber ich wundere mich. Neulich gab mir eine Apothekerin gegen die Bindehautentzündung meiner Tochter Augentropfen. Ich sah erst zu Hause, dass sie homöopathisch waren. „Wenn man das sofort gibt, wirkt es!“, riet meine Schwägerin. Am Abend war Töchterchens Auge wieder in Ordnung. Die Tropfen hatte ich nicht gegeben.

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