Interview mit Paul Maar : „Kinder haben keine Geheimnisse mehr“

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Sams-Autor Paul Maar über Wünsche, Ängste und den Wandel der Kindheit.

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09. Dezember 2017, 16:00 Uhr

Herr Maar, Sie haben vor fünfzig Jahren mit dem Schreiben für Kinder begonnen. Lacht ein Kind heute über andere Dinge als ein Kind damals?
Nein. Meistens lese ich ja in Bibliotheken oder Buchhandlungen aus meinem neuesten Buch vor. Aber manchmal hatte ich Lust, stattdessen aus meinen „uralten“ Büchern vorzulesen, etwa aus „Der tätowierte Hund“. Dabei stellte ich zufrieden fest, dass die Kinder bei allen Wortspielen und Wortverdrehungen genauso lachten wie vor 48 Jahren.

Sie erreichen Kinder wie kaum jemand sonst. Woran, glauben Sie, liegt das?

Diese Ihre Behauptung höre ich natürlich gern. Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir zwei Gründe ein: Ich scheine mir meinen kindlichen Humor bewahrt zu haben und muss über dieselben Dinge lachen wie Kinder. Manchmal sitze ich leise lachend am Schreibtisch, weil mir eine besonders witzige Formulierung eingefallen ist. Wenn ich sie Erwachsenen vorlese, ruft sie höchstens ein gnädiges Lächeln hervor. Umso mehr freut es mich, wenn dann bei Lesungen die zuhörenden Kinder genau bei dieser meiner Lieblingsstelle in lautes Lachen ausbrechen. Ein zweiter Grund könnte sein, dass meine Leser spüren, dass ich immer auf ihrer Seite stehe und nie den besserwissenden, belehrenden Erwachsenen hervorkehre.

Durch Briefe, Lesungen, Werkstattgespräche stehen Sie im direkten Kontakt mit Kindern und bekommen so auch deren Sorgen und Nöte mit. Was ängstigt Kinder im 21. Jahrhundert?

Es sind dieselben Ängste, die auch Erwachsene verspüren. Kinder sind viel wacher und informierter, als manche Erwachsene denken, und sprechen von einer möglichen Klimakatastrophe, von ihrer Angst vor einem Krieg oder vor Terror. Sie schreiben mir aber auch von ihren privaten Sorgen. Meist über den Umweg der Samswünsche. Ein typischer Brief lautet etwa so: Hallo Paul Maar, ich habe deine Samsbücher schon ganz oft gelesen. Nachts, wenn ich nicht einschlafen kann, stelle ich mir vor, dass das Sams zu mir kommt und sagt: „Du hast einen Wunsch frei!“ Dann weiß ich, was ich sage: „Ich wünsche, dass Papa von dieser doofen Frau weggeht und wieder zu uns in die Familie kommt.“ Ein anderer Brief, der kürzlich ankam: „Wenn ich ein Sams hätte, würde ich wünschen, dass unser Hund wieder lebendig wird und meine Oma auch.“

Hat sich Kindheit als solche in Ihren Augen zum Negativen oder Positiven hin verändert?

Wenn ich an meine unbeschwerte Kindheit denke, wo wir die Nachmittage unter uns verbracht hatten, ohne Aufsicht der Eltern, die von unseren wilden, teils gefährlichen Spielen in den Weltkriegs-Ruinen nichts oder wenig wussten, Eltern, die so sehr mit dem Aufbau ihrer Existenz beschäftigt waren, dass die Kinder eher nebenher liefen, dann bedauere ich die heutigen wohlbehüteten, immer gut beaufsichtigten Kinder ein wenig. Sie haben im Gegensatz zu den Jahren meiner Kindheit genug zu essen (jedenfalls die meisten), ein Fernsehprogramm, das nicht nur aus zwei Sendern besteht, meistens ein Smartphone – aber sie haben keine Geheimnisse mehr.

Was würde Ihnen das Sams zum 80. Geburtstag wohl wünschen?

Da müssen Sie das Sams selbst fragen. Es ist ja so unberechenbar in seinen Wünschen.

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