Mobbing unter Kindern : Macht euch groß!

Die Arme in die Luft, sich groß machen - so lernen Kinder, sich stark zu fühlen.
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Die Arme in die Luft, sich groß machen - so lernen Kinder, sich stark zu fühlen.

Für Eltern ist es der blanke Horror, wenn das eigene Kind gemobbt wird. Sie können aber selbst viel tun, um das Selbstbewusstsein ihres Kindes zu stärken.

nnn.de von
28. Januar 2018, 05:00 Uhr

Jürgen Rüstow reißt die Arme in die Luft und streckt die Finger aus. Sieben Kinder zwischen vier und fünf Jahren tun es ihm gleich. „Macht euch groß, so groß ihr könnt“, ruft er. Danach bittet er sie, durch den Raum zu gehen. Sie sollen jedem, dem sie begegnen, die Hand reichen. „Stellt euch dabei aufrecht hin und schaut euch in die Augen.“

Rüstow ist Persönlichkeitstrainer. Schon die Kleinsten sollen lernen, wie sie am besten mit Konfliktsituationen umgehen. Warum das Ganze? „Damit sie nicht zu Opfern werden“, erklärt der Coach – „und nicht zu Tätern.“ Beides liegt nah beieinander. Wer permanent gepiesackt wird, haut mitunter selbst drauf, wenn er die Gelegenheit dazu bekommt.

„Wehret den Anfängen“ ist auch das Motto von Carsten Stahl. Er gibt Anti-Mobbing-Kurse an Schulen. „Früher fing Mobbing erst in der Grundschule an“, sagt er. „Heute geht es im Kindergarten schon los.“ Deswegen hält auch Stahl es für wichtig, das kindliche Selbstbewusstsein von Anfang an zu stärken.

Babys werden für fast alles gelobt – das erste Anheben des Kopfes, das erste Umdrehen, die ersten Krabbelbewegungen. „Aber irgendwann nimmt das ab“, sagt Rüstow. Und das sei falsch. „Die Eltern sollten das nicht einfach abtun, sondern äußern, dass das Kind etwas Tolles geschafft hat.“

Wichtig für ein gesundes Selbstbewusstsein sei zudem die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Das fängt früh an, sagt Rüstow. Dann nämlich, wenn ein Kind etwas nicht möchte, das die Eltern von ihm verlangen. „Das Kind bockt, heißt es dann. Ich mag dieses Wort schon nicht.“ Ein typischer Fall: Das Kind möchte der Oma kein Küsschen geben. Den Eltern ist das häufig peinlich. „Aber da lohnt es sich, nachzugeben“, rät der Coach. Denn: Nur so lernt das Kind, dass sein Gefühl etwas Wert ist und dass seine Entscheidungen respektiert werden. Das gilt vor allem, wenn es um den eigenen Körper geht.

Auf diese Weise stärken Eltern ihre Kinder zum Beispiel für den Fall eines sexuellen Übergriffs. Meist findet ein solcher in der Familie oder im Bekanntenkreis statt, „und häufig sind es zunächst nur Berührungen“, sagt Rüstow. Aber die Kinder spüren instinktiv, dass das nicht in Ordnung ist. Haben sie gelernt, dass ihr Gefühl sie nicht trügt und dass sie „Nein“ sagen dürfen, tun sie das viel eher, als wenn ihnen immer alle Entscheidungen abgenommen wurden.

Besonders gefährdet, Opfer zu werden, sind schüchterne, zurückhaltende Kinder. Täter schauen unbewusst: Wer scheint schwächer zu sein als ich? Genau da setzt Rüstow mit seinem Training an. „Man kann kleinen Kindern nicht erklären: ,Fühl dich mal stärker.’ Die müssen das spüren.“ Deswegen macht er Rollenspiele mit den Kindern. Aufrecht hinstellen, sich groß machen, dem anderen in die Augen schauen und laut sprechen – solche Dinge übt er schon mit den Kleinsten.

Das hilft nicht nur dabei, selbst nicht zum Opfer zu werden, sondern stärkt Kinder auch, damit sie sich einmischen. „Manche werden Opfer, andere Täter – aber die meisten schauen einfach weg oder lachen mit.“ Mutige Kinder schaffen es, Stopp zu sagen, wenn andere gehänselt werden. Und wenn da keiner mehr ist, der lacht, wird das Gepiesacke für die Täter irgendwann öde.

Eine Garantie dafür, dass das eigene Kind niemals Opfer von Mobbing wird, kann es aber nicht geben, betont Stahl. „Fast jeder wird in irgendeiner Form damit konfrontiert“, ist seine Erfahrung. Deshalb ist entscheidend, dass das Kind sich traut, mit den Eltern, Lehrern oder Erziehern zu sprechen, wenn es sich im Klassenverband unwohl fühlt.

Rüstow rät Eltern, schon im Kleinkindalter abendliche Gespräche über den Tag zu etablieren. Dabei sollte Schönes, aber auch Frustrierendes zur Sprache kommen.

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