Kinderbücher : Plumpe Botschaften verderben den Spaß

Etwas gelernt beim Lesen? Aber hoffentlich auch Spaß gehabt!
Etwas gelernt beim Lesen? Aber hoffentlich auch Spaß gehabt!

Viele Kinderbücher belehren allzu penetrant – und verderben den Spaß. Dabei waren pädagogische Bücher für Kleine die gefeierten Wegbereiter des Genres.

nnn.de von
06. Januar 2018, 16:00 Uhr

Leo will nicht aufräumen. Und nicht draußen spielen. Er will auch nicht schlafen, nicht teilen und sich nicht die Zähne putzen. Außerdem sagt er nicht die Wahrheit und trödelt mal wieder. Ist Leo ein Revoluzzer? Nicht wirklich, denn am Ende macht Leo alles genau so, wie seine Eltern es ihm sagen: Zähne putzen, einschlafen, sich beeilen.

Die Bilderbücher von Leo Lausemaus sind Bestseller. Und sie sind ein Paradebeispiel für Kinderbücher mit pädagogischer Botschaft, von denen es auf dem Buchmarkt wimmelt. Da lernen die Kleinen, dass man traurig wird, wenn man seiner Freundin die Puppe klaut und es viel lustiger ist, wenn alle mitspielen dürfen. Weshalb man nicht so schusselig sein darf oder sich einfach mal trauen muss vom Drei-Meter-Brett zu springen. Da wird Mut gemacht, dass sich die Balken biegen und auf Teufel komm ’raus ein Ende mit Moral gestrickt.

Und dann sitzt man da und stellt sich die schale Frage: Will der Autor den Kindern eine spannende Geschichte erzählen? Will er sie packen, beglücken, atemlos machen? Oder will er sie belehren: Du, du, du! „Es ist ein Fehler, wenn sich Kinderliteratur nicht der allgemeinen Kreativität und künstlerischen Freiheit zuwendet, sondern der einfallslosen, unverhüllten Absicht“, findet die Autorin und Kinderbuchexpertin Birgit Dankert.

Allerdings: „Dass Literatur bestimmte Lebensweisheiten transportiert, gehört zu Tradition und Eigenart der Kinder- und Jugendliteratur, die ihre Existenz überhaupt berechtigen“, führt sie weiter aus.

Denn erst im 20. Jahrhundert kamen Bücher auf den Markt, die sich an Kinder, wie sie leben und fühlen, wendeten. Zuvor hatten Geschichten wie die vom grausigen „Struwwelpeter“ kaum Unterhaltungswert, sondern stark moralistische oder religiöse Botschaften. Doch nun trat mit der Entdeckung der Lebens- und Gefühlswelt auch das soziale Lernen in den Vordergrund.

Erstmals lasen die Kleinen: Das ist dein Leben und deine Verantwortung, und hier liest du, wie das funktioniert. Wenn du abgibst, gewinnst du Freunde. Wenn du geizt, vielleicht nicht. „Die Reihen zu sozialem Lernen – hab’ keine Angst, Teilen ist gut, helft einander – sind mal sehr gefeiert worden“, erklärt Birgit Dankert. Denn die Geschichten waren nicht mehr auf Strafe oder Sünde, sondern auf Einsicht getrimmt. Sie zielten auf die Individualität und Eigenverantwortung und zeigten den Kindern, dass ihr Tun Konsequenzen hat. Und zwar andere als die schallende Ohrfeige von Mama oder Papa.

Inzwischen aber haben Bücher, die pädagogisch-plump daherkommen, oft einen Beigeschmack. Das liege aber genau daran, sagt Birgit Dankert: an der Plumpheit. Denn natürlich steckt letztlich auch in der anarchischen „Pippi Langstrumpf“, im einfältigen und doch lebensklugen „Pu der Bär“ oder im abenteuerlichen „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ eine Botschaft.

Auch sie vermitteln den Wert von Freundschaft, Solidarität, Mut und Toleranz. Mit dem Unterschied, dass sie großartig geschrieben sind. Unendlich fantasievoller, witziger, spannender und klüger als eine Leo Lausemaus.

Von „beschränkten Fähigkeiten“ spricht Birgit Dankert daher angesichts pädagogischer Bücher, die wie ein Selbstzweck wirken. Und: „Dass es so viele davon gibt, hat auch mit Marktgesetzen zu tun. Sowas verkauft sich einfach gut.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen