Kinderwunsch : Wenn nichts fruchtet

Und wieder nicht schwanger: Ist der Babywunsch groß, wird jeder negative Test zur Enttäuschung.
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Und wieder nicht schwanger: Ist der Babywunsch groß, wird jeder negative Test zur Enttäuschung.

Wer eine Kinderwunschbehandlung will, hat es in Deutschland nicht leicht – die Regeln sind streng. Viele suchen Hilfe im Ausland. Das aber birgt Risiken.

nnn.de von
12. Januar 2018, 21:00 Uhr

Sina und Ralf Kaufmann (Namen geändert) wussten immer, dass sie Kinder wollen. Gleich nach ihrer Hochzeit im Jahr 2014 hörten sie auf, beim Sex zu verhüten. Als es nicht klappte, trösteten sich die beiden in den ersten Monaten damit, dass es nun mal bis zu einem Jahr dauern kann, bis eine Frau schwanger wird. Als das Jahr vergangen war, ahnten sie, dass etwas nicht stimmte. Sie zögerten. Und besuchten dann doch eine Kinderwunschklinik. Was blieb ihnen noch?

Im Jahr 2015 wurden in Deutschland etwa 58 000 Frauen in Kinderwunschzentren behandelt. Das heißt nicht, dass es immer an der Frau liegt, wenn ein Paar ohne Kinder bleibt. Etwa zu gleichen Teilen liegen die Ursachen bei der Frau, dem Mann oder beiden. Medizinisch ist inzwischen im Prinzip alles lösbar. Babys können mit Spendersamen oder fremden Eizellen erzeugt werden. Oder mit Spendersamen und fremden Eizellen.

Leihmütter können sie austragen. Die Angebotspalette der weltweiten Fortpflanzungsindustrie ist riesig. Sina und Ralf Kaufmann leben nicht in Kalifornien, wo man Leihmütter findet, oder in Spanien, wo Kliniken mit ihrem Angebot an Spendereizellen werben. Sondern in Bielefeld. Die Angebotspalette in Deutschland ist ziemlich schmal. Hier gilt das Embryonenschutzgesetz von 1990, darin sind die Regeln größtenteils festgeschrieben. Die Gesetze sind auch deutlich strenger als in Tschechien, Israel oder Großbritannien.

Für Paare wie die Kaufmanns gibt es hier nur einen klar definierten, knappen Katalog an reproduktionsmedizinischen Möglichkeiten: Sie können den Samen des Mannes durch Insemination an die Frau übertragen lassen. Sie können Eizellen der Frau entnehmen und durch In-vitro-Fertilisation (IVF) oder Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) im Reagenzglas befruchten lassen. Dazu spritzt die Frau in der Regel etwa zwei Wochen lang Hormone, mit dem Ziel, mehrere Follikel mit Eizellen reifen zu lassen. Diese werden dann zum Eisprung punktiert und im Reagenzglas mit dem Samen des Mannes zusammengebracht. Bei einer ICSI wird das Spermium unter der Lupe in die Eizelle gespritzt. Bis zu drei befruchtete Eizellen oder Embryonen dürfen dann maximal in einem Zyklus übertragen und übrige Eizellen im Vorkernstadium eingefroren werden – für einen späteren Versuch. Auch die Übertragung von Spendersamen ist unter bestimmten Voraussetzungen in Deutschland erlaubt, so verhält es sich nach eingehender Beratung und Zustimmung der Ethikkommission auch mit Präimplantationsdiagnostik.

Nicht erlaubt sind dagegen die Eizellspende, die Leihmutterschaft und die anonyme Samenspende. Bei der Eizellspende stellt eine Frau ihre Keimzellen einer anderen zur Verfügung, damit die befruchtet und der Empfängerin eingesetzt werden können. Eine Eizellspende wäre aber Schätzungen zufolge für etwa 2000 bis 3000 deutsche Frauen im Jahr die einzige Möglichkeit, schwanger zu werden. Die in Deutschland erlaubten Kinderwunschbehandlungen helfen ihnen nicht. Eine dieser Frauen ist Sina Kaufmann. Die Büroangestellte ist 28 Jahre alt, bei ihr wurde nach zahlreichen Untersuchungen festgestellt, dass in ihren Eierstöcken keine Follikel reifen – und damit keine Eizellen.

Deshalb waren Kaufmanns Versuche, auf natürliche Art schwanger zu werden, jahrelang gescheitert. Auch eine Hormontherapie brachte bei der jungen Frau keinen Erfolg. In Deutschland gilt Sina Kaufmann inzwischen als austherapiert, ihre einzige legale Option ist die Adoption. „Die Diagnose war ein Schock für mich. Ich würde alles tun, um ein eigenes Kind auszutragen“, sagt sie. Und ja, sie würde für diesen großen Wunsch auch das Gesetz umgehen. „Die Eizellspende ist meiner Meinung nach aus merkwürdigen Gründen in Deutschland ausgeschlossen“, sagt der Medizinrechtsanwalt Holger Eberlein, der sich seit 25 Jahren mit dem Thema auseinandersetzt und einige prominente Rechtsstreits dazu geführt hat.

Das Hauptargument gegen die Eizellspende lautet: Es sei unklar, ob das Kindswohl zu Schaden komme. Wissenschaftliche Untersuchungen aus Ländern, in denen Eizellspenden legal sind, zeigten aber, dass eine solche Spende dem Kindswohl nicht schade. „Trotzdem ändert der Gesetzgeber es nicht – und treibt so jedes Jahr Tausende Betroffene ins Ausland“, sagt Eberlein. Dort ist der medizinische Standard aber oft schlechter als in Deutschland, die Paare müssen die Kosten zudem komplett selbst tragen.

Und sollte es tatsächlich zu Problemen kommen, wird es schwierig, sein Recht einzufordern. Es gibt auch das Risiko, sich strafbar zu machen. Für fast alle Beteiligte. Ausgenommen ist die Frau, die sich die Eizellen einsetzen lässt. Klinge merkwürdig, aber so sei die Rechtslage, erklärt Holger Eberlein. „Die Frau wird nicht bestraft, aber alle, die sie in Deutschland unterstützen, gehen ein Risiko ein. Selbst der Ehemann, der seine Frau ins Ausland fährt, kann wegen Beihilfe zu einer Straftat belangt werden.“

Auch Ärzte in Deutschland, die die Frauen beispielsweise mit Hormonen auf die Eizellübertragung vorbereiten oder Ultraschalluntersuchungen durchführen, machen sich strafbar. Erst vor wenigen Monaten stand in Augsburg eine Sozialpädagogin vor Gericht, die Frauen im Rahmen einer Beratung mit tschechischen Kliniken in Kontakt gebracht hat. Sie wurde zwar zunächst freigesprochen, die Staatsanwaltschaft ist aber in Berufung gegangen. Anwalt Eberlein warnt betroffene Paare wie die Kaufmanns davor, den Schritt ins Ausland überhastet zu gehen. Man solle sich gut überlegen, wie stark der Kinderwunsch wirklich ist, und sich fragen, ob man bereit ist, das Risiko einzugehen.

Auch die Leihmutterschaft ist in Deutschland nicht erlaubt, aber natürlich finden deutsche Paare auch im Ausland den Kontakt zu Frauen, die fremde befruchtete Eizellen austragen und Kinder für zahlende Kunden zur Welt bringen. Etwa in den USA. Die deutschen Behörden stellen sich in der Regel nicht quer, wenn die Paare das Kind dann mit nach Deutschland bringen.

Wenn ein deutsches Paar von einer amerikanischen Leihmutter ein Baby austragen lässt und nach der Geburt einen US-Gerichtsbescheid vorlegen kann, der sie als Eltern nennt, müssen deutsche Standesämter das sogar akzeptieren. Das gilt eigentlich auch, wenn ein Bescheid aus einem anderen Land vorliegt, was bisher aber nur selten vorgekommen ist.

In den USA kostet eine Leihmutterschaft bis zu 250 000 Euro, diese Option ist damit für viele Paare einfach zu teuer. Schwierig ist auch die Situation gleichgeschlechtlicher Paare und von Singles. Lesbische Paare und alleinstehende Frauen können mithilfe einer Samenspende ein Kind bekommen. Im Falle eines Paares kann die Partnerin das Kind dann adoptieren. Die Frauen müssen aber mindestens in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft zusammen sein. In etlichen Bundesländern ist es Ärzten laut Berufsverordnung allerdings untersagt, lesbische und alleinstehende Frauen zu behandeln. „Das ist eine unhaltbare Situation, über die manche Ärzte deshalb auch hinwegsehen“, erklärt Eberlein.

Bleibt die Frage nach der Herkunft des Samens. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass jeder Mensch das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung hat – deshalb sind anonymisierte Samenspenden inzwischen verboten. Frauen oder Paare können sich auch eine private Samenspende organisieren. Der Medizinanwalt Holger Eberlein weist darauf hin, dass die Betroffenen sich dann aber selbst um alle Formalien kümmern müssen. „Und sie müssen auch noch einen Arzt finden, der die Insemination durchführt.“

Es gibt noch eine einzige weitere Möglichkeit der Reproduktionsmedizin, die in Deutschland erlaubt ist. Unter so speziellen Voraussetzungen, dass auch hier die Rechtslage kompliziert ist. Es handelt sich um die sogenannte Embryonenspende. Bei Kinderwunschbehandlungen bleiben oft Embryonen übrig, sie werden eingefroren, wenn ein Paar das möchte, für spätere Versuche oder Schwangerschaften. Diese Embryonen kann ein Paar einem anderen zur Verfügung stellen. Eizellen darf man nicht von fremden Frauen bekommen, aber fertige Embryonen? „In diesem Fall steht der Lebensschutz des Embryos über dem Kindswohl“, erklärt Eberlein.

Allerdings kommt es hier immer wieder zu Problemen. Im Frühjahr 2018 müssen sich vier Vorstandsmitglieder des Vereins Netzwerk Embryonenspende vor Gericht verantworten, weil sie unter anderem die Vermittlung von eingefrorenen Embryonen kommerzialisiert haben sollen. Holger Eberlein will weiterhin für eine Liberalisierung der Gesetze kämpfen. „Man kommt immer brockenweise weiter und erweitert den Rahmen. Aber eigentlich wäre ein modernes Reproduktionsgesetz mit Verfallsdatum nötig, das aktuell angepasst werden kann, und kein Strafgesetz wie das Embryonenschutzgesetz“, sagt er. Aktuell werde die Problematik ins Ausland verlagert.

Auch Sina Kaufmann ist schließlich ins Ausland gegangen. Über die genauen Umstände möchte sie nicht einmal anonym sprechen. Schließlich soll niemand, der an ihrer Lösung beteiligt war, noch Probleme bekommen. Die Zwillinge der Kaufmanns sind heute anderthalb Jahre alt.

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