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Lesertelefon Spielsucht : Spieler muss Konsequenzen spüren

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wenn Menschen ihr ganzes Geld in der Spielhalle verzocken, sind Angehörige oft ratlos. Beim Lesertelefon gaben Experten Antworten zum Thema Glücksspielsucht.

Während unserer Telefonaktion meldeten sich gestern vor allem Angehörige von Spielsüchtigen. Hier eine Übersicht der häufigsten Fragen:

Unser Sohn, ledig, 38 Jahre alt, ist fast täglich in der Spielhalle und hat schon Schulden gemacht. Welche Möglichkeiten haben wir als Eltern, ihn zu einer Therapie zu bewegen?
Um eine Therapie zu starten, müsste Ihr Sohn für sich entscheiden, nicht mehr spielen zu wollen, sondern sich in seinem Leben andere Ziele setzen. Außerdem müsste er bei der Entwöhnung vom Spiel Hilfe zulassen.

Können wir denn gar nichts tun, damit er mit dem Glücksspiel aufhört?
Das Einzige was Sie machen können: Nutzen Sie eine ruhige Stunde und schildern Sie ihm ganz sachlich, was Sie beobachten. Bleiben Sie dabei möglichst in der Ich-Form. Sie können ihm auch sagen, dass Sie Angst haben, dass er sein Leben ruiniert und ihn bitten, sich Hilfe zu suchen. Aber was er dann tut, können Sie nicht beeinflussen. Er ist ein erwachsener Mann und hat ein Recht auf eigene Entscheidungen. Ist die ganze Situation für Sie sehr bedrückend, sollten Sie für sich selbst Hilfe holen. Die finden Sie bei Familienberatungsstellen, zu finden zum Beispiel unter www.dajeb.de, oder bei einer Angehörigenberatung, die viele Suchtberatungsstellen anbieten. Unter www.check-dein-spiel.de finden Sie die Adressen.

Mein Bruder verspielt in letzter Zeit das ganze Geld am Computer. Er fragte mich, ob ich ihm etwas für die Miete borgen könnte. Sollte ich das tun?
Auf keinen Fall. Er muss die Folgen des Glücksspiels spüren, sonst wird bei ihm nie die Einsicht reifen, dass das Spiel für ihn ein Problem ist. Wenn Sie ihm Geld borgen, wäre das in etwa das Gleiche, als wenn Sie einem Alkoholiker eine Flasche Wodka hinstellen und sagen: Trink nicht so viel.

Ich spiele seit etwa fünf Jahren, habe dabei schon viel Geld verloren. Für meine neue Partnerin würde ich auf das Spiel verzichten. Wie kann ich mich für die Spielhallen sperren lassen?
Der einfachste Weg wäre, Sie gingen direkt zu den Spielhallen, die Sie vor allem besuchen und bitten dort um ein Hausverbot. Oft wird das aber nicht streng kontrolliert … Der auf lange Sicht bessere Weg wäre, eine Beratung in Anspruch zu nehmen, um herauszufinden, woher der Drang nach dem Spiel kommt und wie man sein Leben so verändern könnte, dass man andere Ziele als die Spielhalle hat. Bei www.check-dein-spiel.de finden Sie Adressen von Beratungsstellen in Ihrer Nähe.

Wo wird Glücksspielsucht therapiert?
Die Therapie kann ambulant – meistens in einer Suchtberatungsstelle oder beim Psychotherapeuten – sowie stationär in einem Fachkrankenhaus durchgeführt werden. Die ambulante Therapie zieht sich über mehrere Monate hin, je nach Situation der Betroffenen. In der Regel wird pro Woche ein Therapiegespräch vereinbart. Die Suchtberatungsstellen helfen, einen geeigneten Therapieplatz zu finden und die Kostenübernahme zu klären.

Wie lange dauert eine stationäre Therapie und was passiert da?

Die Therapiedauer ist abhängig vom persönlichen Therapieverlauf, vom Klinikkonzept und der Kostenzusage. Mit Hilfe bewährter psychotherapeutischer Methoden werden Ursachen und Folgen der Erkrankung beleuchtet und Alternativen zum Glücksspielverhalten erlernt. Ein weiterer Schwerpunkte ist der Umgang mit Geld.

Mein Bruder macht gerade eine Reha gegen seine Spielsucht. Was wird getan, damit er nach der Therapie nicht wieder in die Spielhalle läuft?
Schon gegen Ende zielt die Therapie auf eine gute Vorbereitung der Zeit nach dem Klinikaufenthalt ab. Es wird zum Beispiel besprochen, wie man einem Rückfall vorbeugen kann und wie man sich verhält, wenn es doch passiert. Im Anschluss an eine stationäre therapeutische Behandlung ist eine Nachsorgebehandlung unbedingt ratsam. Diese kann ambulant in einer wohnortnahen Einrichtung stattfinden.

Bekommt man während der stationären Therapie Krankengeld?

Personen die erwerbstätig sind, erhalten in der Regel für die Zeit der stationären Therapie Übergangsgeld, was mit Krankengeld vergleichbar ist.

Bei mir gibt es ganz in der Nähe eine Beratungsstelle für Glücksspielsucht. Wenn ich mich dorthin wende – ist dann gesichert, dass nichts von meinem Problem nach außen dringt?
Ja. Die Suchtberatungsstellen unterliegen, genau wie Ärzte, der Schweigepflicht.

Mein Sohn lässt mehr und mehr Geld im Casino. Seitdem ich ihm gesagt habe, dass ich fürchte, er sei spielsüchtig, hat er den Kontakt abgebrochen. War das falsch?
Oft kommt man weiter, wenn man den Betreffenden fragt, wie es ihm geht und wie er selbst sein Glücksspiel erlebt. Eine direkte Konfrontation mit der Aussage, dass er spielsüchtig ist, überfordert ihn in der Regel. Denn es ist ein langer Weg bis zu der Erkenntnis, dass man dem Glücksspiel verfallen ist.

Oft werden wir gegen Mitternacht von unserem Sohn (24) geweckt. Er kommt dann aus der Spielhalle, beklagt die Verluste und will nie wieder spielen. Aber ein paar Tage später geht es wieder los. Wir sind ratlos und enttäuscht und wissen nicht mehr weiter.

Es ist erwiesen, dass die Sucht nach dem Glücksspiel genauso stark sein kann, wie die Sucht nach Heroin oder anderen Stoffen. Die Spieler haben die Kontrolle über ihr Verhalten verloren. Spielsucht ist eine ernst zu nehmende Krankheit. Wahrscheinlich würde Ihr Sohn gern anders handeln, aber er schafft es nicht … Schildern Sie ihm in aller Ruhe, was sein Glücksspiel für die Familie bedeutet. Sagen Sie ihm auch, dass Sie nicht weiter unter seiner Spielsucht leiden möch-ten. Wenn er wirklich aus der Sucht heraus will, können Sie ihn auf Beratungsstellen verweisen, die ihn beim Weg aus dem Glücksspiel professionell begleiten würden.

Endlich hat meine Schwester begriffen, dass sie etwas gegen ihre Spielsucht tun muss. Aber bei den Suchtberatungsstellen gibt es gegenwärtig extrem lange Wartezeiten. Sie wollte sich gar nicht anmelden …
Es ist möglich, dass die Beratung nicht gleich stattfinden kann. Ihre Schwester sollte aber trotzdem einen Termin vereinbaren. Zur Überbrückung der Zeit bis zum Beratungsgespräch kann sie – wenn sie möchte – die Online-Beratung auf www.check-dein-spiel.de nutzen. Jeden Donnerstag gibt es hier auch von 15 bis 17 Uhr eine offene Chat-Stunde.

Nachdem er sehr viel Geld verloren hat, will mein Mann nicht mehr spielen. Eine Therapie lehnt er kategorisch ab. Nun hat ihn ein Kumpel mit zu einer Selbsthilfegruppe genommen. Kann das etwas bringen?
Selbsthilfegruppen stellen eine wichtige Ergänzung in der Suchthilfe dar. Die Gruppenmitglieder können sich gegenseitig stärken, um den Weg aus der Glücksspielsucht zu schaffen. Ihr Mann, der gerade beginnt, sich mit einem Ausstieg aus dem Glücksspiel zu beschäftigen, kann vom Austausch mit Menschen, die das Glücksspiel überwunden haben, profitieren. Außerdem ist das Wissen, dass man mit seinem Problem nicht allein dasteht, oft eine hilfreiche Erfahrung. Gelingt der Ausstieg so nicht, stehen Ihnen und Ihrem Mann spezielle Beratungsstellen für Glücksspielsucht offen.

Die Fragen beantworteten die Expertinnen Dr. Dorothee Köpsell und Brigitte Hennings vom Beratungstelefon zur Glücksspielsucht der BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) und des Deutschen Lotto- und Totoblocks.

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erstellt am 07.Jun.2017 | 20:50 Uhr

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