LEBE!MANN : Mythos Midlifecrisis - Wenn Best-Ager in der Krise stecken

Diplom Psychologin Christina Schulenburg klärt den Mythos auf.

Diplom Psychologin Christina Schulenburg klärt den Mythos auf.

Ab 40 fängt es an. Männer, die ab diesem Alter einen Lebenswandel erfahren, bewusst oder unbewusst, tun dies wegen der „Midlifecrisis“. Psychotherapeutin Christina Schulenburg steht uns Rede und Antwort zu diesem Mythos.

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21. Oktober 2021, 00:01 Uhr

Ab 40 fängt es an. Männer, die ab diesem Alter einen Lebenswandel erfahren, bewusst oder unbewusst, tun dies wegen der „Midlifecrisis“. Zumindest sagt man das so. Da gönnt man sich von dem hart erarbeiteten Geld das Traumauto, fährt einmal öft  er in den Urlaub oder nutzt die Zeit, Dinge auszuprobieren, an die man sich sonst nicht herangetraut hätte. Vielleicht macht die Laune einige Höhen und Tiefen mit, aber ist das so schlimm? Wir hatten einige Fragen und Psychotherapeutin Christina Schulenburg stand uns Rede und Antwort.

Frau Schulenburg, bei Männern in den mittleren Jahren spricht man schnell von einer Midlifecrisis, sobald sie ihr Leben umkrempeln oder mal einen schlechten Tag haben. Gibt es die Midlifecrisis wirklich als psychologische Krankheit oder handelt es sich hier eher um einen Alltagsmythos?

Es ist auf keinen Fall eine psychiatrische Diagnose. Meist erfolgen solche Veränderungen infolge anderer Erkrankungen wie zum Beispiel einer Depression. Die „Midlifecrisis“ beschreibt meist eine Vielfalt depressiver Symptome und wird dann als Synonym eingesetzt, da er sozial „verträglicher“ scheint. Es gibt durchaus Forschung in die Richtung, die steckt aber noch in den Kinderschuhen, da ist noch viel herauszufinden. Das, was man alles zu dem Bild einer Midlifecrisis zählen mag, erlebt man durchaus im klinischen Alltag, bezeichnet es aber nicht so als Diagnose. Dahinter steckt aber sehr viel mehr. Grundlegende Probleme, mit deren Bewältigung man vielleicht überfordert ist und die sich vielleicht einfach in dem Augenblick häufen.

Man spricht ja meist bei Männern von Midlifecrisis und bei Frauen äquivalent von den Wechseljahren. Ist das gleichzusetzen oder bekommen Frauen auch eine Midlifecrisis?

Gleichzustellen sind die Wechseljahre dem auf gar keinen Fall. Dabei handelt es sich um ein rein hormonelles Problem, das sich auch mit vollkommen anderen Symptomen abzeichnet als eine sogenannte Midlifecrisis. Diese können Frauen aber genauso wie Männer bekommen, die Symptome sind dann nur anders. Bei Frauen treten diese generell früher auf. Frauen kämpfen in dieser Zeit mit ständig wechselnder Stimmung, einem gewissen Selbstwertverlust oder auch Zukunftssorgen. Männer hingegen haben es dann eher mit gereizter Stimmung zu tun und einem Selbstbild, das sich nicht festigt. Häufig geht das Ganze dann einher mit einem Abbau der körperlichen Leistungsfähigkeit. Diesen gibt es zwar auch bei Frauen, Männer erleben aber zumeist die Diskrepanz zwischen der früheren und heutigen Leistungsfähigkeit sehr viel negativer, da das Selbstbild oft auf dieser körperlichen Leistungsfähigkeit beruht.

Ist das Ganze ein rein psychisch ausgelöstes Problem oder gibt es da auch biologische Ursachen?

Genau hier setzt die aktuelle Forschung an und versucht, die Zusammenhänge näher herauszufinden. Es ist natürlich durchaus wahrscheinlich, dass eine veränderte Hormonlage Symptome auslösen kann. Psychologisch müssen wir bei der Diagnose aber immer von einem multifaktoriellen Modell der Krankheitsgenese ausgehen. Da können hormonelle Umstellungen eine Rolle spielen, aber natürlich auch äußere Umstände wie Arbeitsplatzverlust, Verlust von Bezugspersonen usw. Würde man das ganze ausschließlich hormonell begründen, würde sich der Zeitrahmen einer Midlifecrisis, wie man es allgemein definiert, einige Jahre nach hinten rücken. Wir wären dann nicht bei Anfang /Mitte 40, sondern bei Ende 50/ Anfang 60.

Man spricht ja oft   davon, dass Männer dann mehr Alkohol trinken, sich teure Autos kaufen oder fremdgehen. Sind das Anzeichen für eine Midlifecrisis, in Richtung von Symptomen gedacht?

Das sind dann doch eher die klischeemäßigen Anzeichen, von denen man im Volksmund spricht. Menschen, die sowas machen, haben dann eher grundsätzlich mit Selbstwertthemen zu kämpfen als mit einer Midlifecrisis. Situationen wie die, dass jemand urplötzlich seine Familie verlässt oder alles daran setzt, sein Leben komplett auf den Kopf zu stellen, erlebt man im klinischen Alltag selten bis eigentlich gar nicht. Sowas hat dann ganz andere Gründe. Man geht hier auch nicht nur von einem einfachen Symptom zur Diagnose über. Dafür braucht es viel mehr. Wenn man mehrere Symptome hat, betrachtet man diese gebündelt und diagnostiziert dann ein Syndrom und von diesem schließt man letztendlich auf die Diagnose. Darauf beruht dann die ganz individuelle Behandlung.

Treten solche Symptome willkürlich bei den Leuten auf, ohne dass man es vorhersehen kann oder gibt es bestimmte Auslöser beziehungsweise Trigger, die etwaige Veränderungen zutage treten lassen können?

Hier geht es dann viel mehr um Menschen, die bemerken, dass sie in einem bestimmten Alter nicht das erreicht haben, was sie früher dachten, dass sie es dann erreicht haben. Sie haben immer etwas anderes für sich selbst gewollt und beginnen dann, die Werte und Normen, die ihr Leben bestimmt haben, zu hinterfragen und umzustellen. Der ein oder andere merkt dann vielleicht, dass man sich in der Partnerschaft  auseinandergelebt hat. Eventuell bleibt der Erfolg im Beruf aus oder entwickelt sich einfach nicht so, wie man es sich erhoff t hat. Man orientiert sich neu und das wird dann im Volksmund als Midlifecrisis betitelt.

Wenn man jemanden kennt, der in so einer persönlichen Krise steckt, kann man demjenigen als Außenstehender helfen? Ihn irgendwie unterstützen, diese Zeit besser zu überwinden? Oder sollte man denjenigen lieber in Ruhe lassen?

Beides. Als Bekannter, Verwandter oder Freund kann man demjenigen schon helfen, indem man mit dem Betroffenen spricht und ihn ermutigt, zum Hausarzt oder Psychologen zu gehen. Gerade bei Symptomen, die man als Außenstehender wahrnehmen kann, macht es Sinn, denjenigen zu unterstützen, sich Hilfe zu suchen. Ganz wichtig ist allerdings, dass man keinen Druck ausübt. Vorwürfe oder ähnliches bringen da nichts oder machen es nur noch schlimmer. Wenn man die Midlifecrisis insbesondere als Sinnverlust versteht, ist es sehr hilfreich, zu erinnern, was man sich aufgebaut und im Leben erreicht hat. Das Selbstwertgefühl stärken, an schöne Momente erinnern, die man erlebt hat. Die guten Dinge hervorheben. Eine Therapie kann helfen, besonders in schlimmen Fällen mit beispielsweise Depressionen, aber die private Unterstützung in der Partnerschaft  oder Familie ist mindestens genauso wichtig.

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