Bieszczady : Dem Wolf auf der Spur

Idyllisch: Den Bieszczady-Nationalpark kann man unter anderem mit der Kutsche erkunden.  Foto: Heidrun Lange
Idyllisch: Den Bieszczady-Nationalpark kann man unter anderem mit der Kutsche erkunden. Foto: Heidrun Lange

Der Mythos vom Wilden Osten, der in Polen in der Bieszczady beginnt, ist nichts anderes als wilde Natur

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08. Dezember 2018, 16:00 Uhr

Krakau | Der Wind rauscht über den Baumwipfeln, er kommt von den Waldkarpaten herüber, die von der Slowakei und der Ukraine begrenzt werden. Es ist die Bieszczady.

Der 1973 gegründete Park ist 292 Quadratkilometer groß und das reinste Naturparadies. Das Schutzgebiet befindet sich im polnischen Karpatenvorland. „4000 Tierarten leben im Nationalpark, darunter Wölfe, Luchse, Bären, Großwild und Wisente“, zählt Reiseleiter Leszek jene Tiere auf, nach denen Besucher immer als erstes fragen.

Eine Gegend nur für Naturliebhaber? Nicht nur. Es ist für Outdoorfreaks und Kulturliebhaber alles da. Die alten Holzkirchen zum Beispiel in Haczów und Blizne gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO. Von der Stadt Sanok gibt es Wander- und Radtouren in die Bergregionen des Bieszczady-Gebirges. Kurz nach Sanok verschwinden die letzten Häuser. Das Grün gewinnt die Oberhand. Viele Buchen und einige Tannen wachsen bis 60 Meter hoch, dazwischen gedeihen mannshohe Blattkräuter.

Über allen Baumwipfeln und Bergen erhebt sich der Tarnica, mit 1.346 Metern der höchste Berg der polnischen Karpaten. Dahinter folgen bis zur ukrainischen Grenze 300 Quadratkilometer unberührte Natur. Es ist das eigentliche Kernstück des kleinen, aber einzigartigen Parks, eine ideale Gegend, um auf Eigenbrötler zu treffen.

Waldemar Wikowsky verbringt viele Tage im Jahr hier in seiner Hütte bei Wetlina. Hütte? Der Künstler lacht: „Dann sehen sie sich mal um.“ Diese Abgeschiedenheit ist sein liebster Fleck. Zehn Jahre ist es her, seit sich einige Holzschnitzer zusammenschlossen und die Galerie ins Leben riefen. Mit Werkstatt im Freien. Lindenholz, Hobel, Schraubzwingen in allen Größen liegen auf dem Tisch. Holzspäne kringeln sich auf dem Fußboden. Im Innern stehen Skulpturen und andere Schnitzereien, jede ein Unikat.

Hinterm Holzhaus grast Hirsch Karo. So nennt ihn Waldemar. Denn er ist einer, der mit den Hirschen reden kann. Katerine, die Hirschkuh, die in zehn Metern Entfernung die Situation zu beobachten scheint, reagiert auf das Rufen ihres Namens. Futter bekommen die Wildtiere keines. Spricht er auch mit Wölfen und Bären? Waldemar zieht die Stirn in Falten und lacht spitzbübisch. Wölfe hat er fast noch nie zu Gesicht bekommen. Still und heimlich ziehen sie durch die Berge. Um die Hütte streichen sie so manche Nacht, ja und da hört er sie oft heulen. Morgens sieht man die frischen Abdrücke. Aber angegriffen haben sie in den zehn Jahren, die er hier herkommt, noch keinen. Und Braunbären sind ebenfalls eher vorsichtige Tiere. Ganz offensichtlich haben sich Mensch und Tier hier angepasst. Nur wenn die Wölfe wieder mal ein Schaf gerissen haben, dann sind sie verärgert. Touristen, die sich an die markierten Waldwege halten, werden Wolf & Co. kaum zu Gesicht bekommen.

Diese Abgeschiedenheit hat die Gegend der Aktion Weichsel zu verdanken. Ein unrühmliches Kapitel der polnischen Geschichte und eine schreckliche Zeit. Nach der Zwangsumsiedlung der Bewohner dieser Gegend wurden Häuser und Kirchen verbrannt, Friedhöfe zerstört. Ende der vierziger Jahre war Bieszczady fast entvölkert. Und genau darum steht man plötzlich vor einer Kirchenwand oder umgestürzten Grabsteinen. Auf Karten von Bieszczady sind die einstigen Dörfer verzeichnet, insgesamt 60 000 Menschen lebten hier.

An den Berghängen sind Terrassen erhalten, auf denen einst Apfel- und Kirschbäume standen. Jetzt haben sich Birkenwälder, Robinien und Ahorn breit gemacht. Ein Schreiadler sitzt auf einem der Bäume. Der Greifvogel ist in Europa fast ausgestorben, doch hier in diesem Schutzgebiet in den Auen und Laubhölzern hat er kaum Feinde.

Am Solina-Stausee, wo auch der Künstler Waldemar wohnt, hat sich in den letzten Jahren vieles verändert. Die Gäste kommen zwar noch nicht in Scharen, aber Jachten, Jollen und ein kleiner Ausflugsdampfer pendeln im Hafen. Es gibt Campingplätze und ordentlich ausgestattete Ferienobjekte. Vom See aus schlängelt sich der Fluss San durch eine dicht besiedelte, aber durchweg flache Gegend. Bestens geeignet für Familien. Ob beim Rafting oder Kanu fahren, paddeln kann man auf dem Wasser prächtig. Die Bewältigung von Strömungen fordert allerdings sportlichen Ehrgeiz heraus.

Heidrun Lange



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