Klimawandel : Land unter im Paradies

Das Dorf Narikoso: Wegen des steigenden Meerwassers müssen mehrere Häuser umgesiedelt werden.
1 von 2
Das Dorf Narikoso: Wegen des steigenden Meerwassers müssen mehrere Häuser umgesiedelt werden.

Für zwei Wochen hat in Bonn der alljährliche Klimagipfel getagt. Zum ersten Mal hatte einer der kleinen Pazifikstaaten den Vorsitz, die unter der Erderwärmung besonders zu leiden haben: Fidschi. Wie sieht es dort eigentlich aus?

nnn.de von
24. November 2017, 05:00 Uhr

Für zwei Wochen hat in Bonn der alljährliche Klimagipfel getagt. Zum ersten Mal hatte einer der kleinen Pazifikstaaten den Vorsitz, die unter der Erderwärmung besonders zu leiden haben: Fidschi.

Die letzten 20 Jahre kam Kelepi Saukitoga aus seinem Dorf nie wirklich heraus. 1997 wurde sein Vater, ein Beamter, nach Narikoso versetzt, einem kleinen Nest auf Ono, einer von mehr als 300 Fidschi-Inseln, damals noch eine richtige Südsee-Idylle mit viel Strand und Palmen. Mit dem Boot sind es viereinhalb Stunden bis nach Suva, der Hauptstadt. Hier in der katholischen Kirche hat Saukitoga geheiratet, hier wurde er Bürgermeister. Hier lebt der 40-Jährige nun mit Frau Muriani und vier Söhnen im eigenen Haus, direkt am Meer. Aber lange wird das nicht mehr so sein. Denn die Saukitogas müssen umziehen, weil der Meeresspiegel steigt und steigt und steigt. Man könnte auch sagen: wegen des Klimawandels. Inzwischen steht bei der Familie zweimal pro Tag, wenn Flut ist, der Südpazifik am Haus. Mit schrecklicher Regelmäßigkeit ist Land unter.

Bei Vollmond ist es am schlimmsten. Nur noch ein oder zwei Zentimeter, und das Wasser schwappt über die Schwelle. Wie die hundert anderen Dorfbewohner hat Saukitoga immer schon mit dem Meer gelebt. Das geht auf Ono auch nicht anders. Schon wenn man in den Nachbarort will, ist man aufs Boot angewiesen: Straßen gibt es keine. Ein paar Jahre lang fuhr er auch jeden Tag zum Fischen hinaus. „Wir haben auf Fidschi ein Sprichwort: „Das Wasser trennt die Inseln nicht, es verbindet sie“, sagt er, den Jüngsten auf dem Arm. „Aber irgendwann ist es für uns zum Feind geworden.“ Jetzt will er mit seiner Familie nur noch weg. Das Fundament seines Hauses ist kaputt. Überall sind Risse. In den Mauern steckt die Feuchtigkeit. An der Küchendecke wuchern Pilze. Die Erde draußen schlägt Blasen, so schwer ist sie getränkt. Der Boden ist völlig versalzen. Hier wächst schon lange nichts mehr. Vom Müllhaufen nebenan schwimmt Dreck heran. Es ist eine ekelhafte Brühe, die näher und näher kommt. Von Südsee-Träumen ist man hier inzwischen ziemlich weit entfernt. Die Saukitogas werden nun in eine neue Unterkunft ziehen, etwa hundert Meter weiter im Inselinneren. Vor allem aber: auf einem Hügel. Mit ihnen sollen im Lauf des nächsten Jahres sechs andere Familien neue Häuser bekommen. „Es ist schwer, das Haus zu verlassen, in dem unsere Kinder geboren wurden“, sagt der vierfache Vater. „Aber es geht nicht mehr.“ Die Flucht vor den Auswirkungen des Klimawandels ist hier kein Einzelschicksal. Narikoso – 28 Häuser, zwei Kirchen, ein Kindergarten und sogar ein kleiner Laden – wird bald anders aussehen. Die Gemeinde ist eines von insgesamt 42 Dörfern, die Fidschis Regierung auf absehbare Zeit ganz oder teilweise verlegen wird. Experten schätzen, dass es mehr als hundert sein werden. Mit drei Komplett-Umzügen wurde der Anfang schon gemacht. Fidschi gehört zu den Ländern, die unter dem Treibhauseffekt besonders zu leiden haben. Seit 1993 stieg der Pazifik-Spiegel hier pro Jahr um durchschnittlich sechs Millimeter – also fast schon 15 Zentimeter, mehr als im weltweiten Mittel. Wenn nichts getan wird, wird das Wasser zum Ende des Jahrhunderts vermutlich 1,40 Meter höher stehen. Aber selbst wenn das Pariser Klimaabkommen von 2015 ganz umgesetzt würde, wären es noch 65 Zentimeter. Auf manchen von Fidschis Inseln verlief die Küstenlinie vor ein paar Jahren noch 25 Meter weiter draußen. Zudem wird das Wetter extremer. Vergangenes Jahr nahm ein Wirbelsturm, wie es ihn hier noch nie gegeben hatte, 44 Menschen das Leben. Steigende Wassertemperaturen gefährden die Korallenriffe und damit auch die Fische. Trotzdem ist das Interesse im Rest der Welt gering – zumal es Fidschi in der Region noch verhältnismäßig gut geht. Das Eine-Million-Einwohner-Land hat immerhin Hügel und richtige Berge. Andere Inseln wie Kiribati ragen an ihrem höchsten Punkt nur wenige Meter aus dem Wasser. Ihnen droht auf absehbare Zeit im wahrsten Sinne der Untergang. Nun allerdings hat Fidschi zumindest vorübergehend mehr Aufmerksamkeit erhalten. Das liegt daran, dass es als erster kleiner Inselstaat den Vorsitz des jährlichen Klimagipfels geführt hat. Eigentlich hätte die zweiwöchige Konferenz COP23 (Conference of Parties, Konferenz der Parteien, Nummer 23) auch hier beginnen müssen. Tatsächlich fand der Gipfel aber 16000 Kilometer weiter statt, in Bonn. Für 25000 Teilnehmer reichen trotz Südsee-Tourismus die Zimmer nicht. Zudem – Stichwort CO2-Bilanz – hätte es sich wohl auch nicht gut gemacht, wenn so viele Klimaschützer zu Verhandlungen einmal um die halbe Welt geflogen wären. Wichtigster Grund ist aber, dass am Rhein das UN-Klimasekretariat seinen Sitz hat. Nach dessen Satzung findet der Gipfel in Bonn statt, wenn sich in der Weltregion, die eigentlich an der Reihe wäre (dieses Mal: Asien), kein Gastgeber bereit erklärt. China und Japan lehnten ab. Und so führte Fidschi den Vorsitz, und Deutschland war Co-Gastgeber.

Der Bürgermeister von Vunidogoloa, Sailosi Ramatu
Der Bürgermeister von Vunidogoloa, Sailosi Ramatu
 

Die Zusammenarbeit mit Fidschi, wo nach zwei Militärputschen ein bulliger Ex-General namens Frank Bainimarama mit harter Hand regiert, lobt man in der Bundesregierung sehr. Zudem engagieren sich die Deutschen in dem Inselstaat mit einer Reihe von Projekten. Auch bei der Umsiedlung von Narikoso hilft die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die zu 100 Prozent dem Bund gehört. Kosten: 325 000 Euro. GIZ-Regionalchef Wulf Killmann sagt: „Eine Umsiedlung kann nur die allerletzte Lösung sein. Da gibt es sehr viel, das die Leute am Ort hält. Viele Orte haben zum Beispiel keine Friedhöfe: Oma und Opa liegen im Garten.“

Die großen Entscheidungen trifft hier in langen Beratungen der Ältestenrat. Talanoa heißt das, eine Art Palaver, in dem das Für und Wider gründlich abgewogen wird. In Narikoso sitzen die Leute – fast nur Männer – dazu im Gemeindehaus zusammen. Dazu gibt es Kava: ein arg bitteres Getränk, das aus Wurzeln gewonnen wird, angeblich entspannt und in der Farbe durchaus Ähnlichkeit mit der Brühe vor Saukitogas Haus hat. Auf die wichtigsten Verursacher der Erderwärmung, die großen Industriestaaten, sind die Männer nicht gut zu sprechen. Dass Donald Trump aus dem Pariser Abkommen aussteigen will, hat man auch hier mitgekriegt. „Ich hoffe, dass er zur Vernunft kommt“, meint Saimoni Vatu (52), ein Fischer. „Nicht einmal ein amerikanischer Präsident kann dem Klimawandel noch entgehen.“ Hier ist man sehr stolz darauf, dass Fidschi als erstes Land der Welt das Pariser Abkommen unterzeichnete und jetzt Gastgeber ist. Allerdings wissen die Leute, dass sie auch selbst Schuld am Anstieg des Meeresspiegels tragen. Auch auf Fidschi wurden über Generationen hinweg Mangrovenwälder an der Küste abgeholzt – um damit zu heizen, zu kochen, zu bauen. Vielerorts löst sich der Sandboden jetzt auf wie Strickzeug, aus dem jemand die Nadeln gerissen hat. Nichts mehr hält das Wasser auf. „Natürlich sind wir Teil des Problems“, gibt Vatu zu. „Die Leute haben sich einfach keine Gedanken gemacht.“ Inzwischen kostet es 1000 Fidschi-Dollar (etwa 410 Euro) Strafe, wenn man beim Abholzen erwischt wird, mehr als ein monatliches Durchschnittseinkommen. In Narikoso schneidet nun niemand mehr Holz aus den Mangroven heraus.

Trotzdem sind die Leute pessimistisch, was die Zukunft ihres 250 Jahre alten Dorfes angeht. Keiner glaubt, dass es mit der Verlagerung von sieben Häusern getan sein wird. „Eines Tages wird das ganze Dorf auf einem Hügel stehen“, meint Saukitoga. „Wenn es überhaupt noch Leute gibt.“ Im letzten Jahrzehnt sind etwa hundert Dorfbewohner – also genau so viel, wie es jetzt noch sind – auf andere Inseln gezogen. Zudem ist die Umsiedlung ja auch keine Garantie, dass das Leben besser wird.

Man sieht das in Vunidogoloa, einem Dorf auf Fidschis zweitgrößter Insel Vanua Levu, das als erste Pazifik-Gemeinde überhaupt komplett ins Inselinnere verlegt wurde. Das neue Dorf besteht aus zwei Dutzend grün gestrichenen Holz- und Wellblechhäusern im Einheitsstil, die auf einem Hügel um einen Mangobaum gruppiert sind. 150 Leute wohnen darin. Die Kosten – etwa 350000 Euro – haben sich Regierung und Dorfgemeinschaft in etwa geteilt. Der Fisch, den die Frauen auf offenem Feuer grillen, kommt jetzt nicht mehr aus dem Meer, sondern aus vier künstlichen Teichen in der Nähe.

Dorfoberhaupt Sailosi Ramatu, ein Mann von 57 Jahren im Rugbyhemd, hat schon eine gewisse Erfahrung darin, Besuchern seine Gemeinde zu zeigen. Als Sondergesandter von Fidschis Regierung ist er auch in Bonn dabei. „Wir waren uns alle einig darin, dass wir umziehen müssen“, behauptet Ramatu. Sein altes Haus unten am Meer steht jetzt leer. Die Fensterläden hängen schief, auf dem Boden stapelt sich der Müll. Wenn nicht gerade wieder einmal offizieller Besuch kommt, ist hier kein Mensch mehr unterwegs. Die drei Kilometer Fußweg zwischen altem und neuem Dorf sind zu weit.

Auch zum Fischen kommt keiner mehr. Jetzt macht man in Vunidogoloa in Ackerbau und Schweinezucht. „Das Dorfleben hat sich geändert“, gibt Ramatu zu. „Das wird eine Weile dauern, bis wir uns an alles Neue gewöhnt haben.“ Mehr will er nicht erzählen, was auch damit zusammenhängen mag, dass ein Mann aus Fidschis Informationsministerium danebensteht. Das Wort Zwangsumsiedlung hört hier keiner gern. Beim nächsten größeren Talanoa muss jetzt erst einmal entschieden werden, welche der sieben Familien welches neue Haus bekommt. Dann geht es vermutlich auch um die Neuigkeiten aus Nangara, der Nachbargemeinde weiter oben an der Küste. Dort baut eine Familie gerade neu – ein Haus direkt am Strand, allem zum Trotz.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen