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Umweltschutz : Müllabfuhr für die Weltmeere

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hunderttausende Tonnen Plastik treiben in den Ozeanen. Sie töten Fische, Vögel, Schnecken und sogar Menschen. Forscher suchen nach Lösungen.

nnn.de von
erstellt am 02.Jan.2016 | 15:52 Uhr

Als Charles Moore seine folgenschwere Entdeckung machte, war er gerade mit seiner Yacht auf dem Heimweg. Er hatte an einem Segelrennen teilgenommen und fuhr nun zurück von Honolulu auf Hawaii nach Long Beach in Kalifornien. Plötzlich kreuzte sein Boot inmitten von Plastiktüten, Plastikflaschen, Folien, Deckeln und Planen. Anstelle des unberührten Ozeans war bis zum Horizont nur noch Plastik zu sehen.

Moore und sein Team waren 1997 auf das gestoßen, was später als „The Great Pacific Garbage Patch“ bekannt werden sollte – zu Deutsch: die große pazifische Müllstelle. Der von Moore entdeckte gigantische Müllteppich mitten im Pazifik hat, so sollte es sich später herausstellen, in etwa die Größe Mitteleuropas. Mittlerweile sind vier weitere derartige Garbage Patches aufgetaucht. Sie befinden sich in Äquatornähe, immer dort, wo verschiedene Meeresströmungen von Norden und Süden aufeinandertreffen und gigantische Strudel bilden. Das Plastik stammt zu etwa 80 Prozent vom Land: Teilweise wird es von Deponien ins Meer geweht, teilweise über Flüsse hineingespült. Die restlichen 20 Prozent stammen von Schiffen, die Fischernetze verlieren, denen bei Stürmen Container über Bord gehen oder die vielfach auch einfach illegal ihre Abfälle ins Meer kippen. „Wir gehen davon aus, dass allein im Jahr 2010 zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Müll ins Meer gelangten“, sagt Melanie Bergmann, Biologin am Alfred-Wegener-Institut für Polarund Meeresforschung in Bremerhaven.

Diese Schätzung bezieht sich auf alle Müllarten. Wie hoch der Plastikanteil ist, lässt sich schwer beziffern. Forscher vom 5 Gyres Institute aus Monterey im USBundesstaat Kalifornien haben für eine in „PLOS ONE“ veröffentlichte Studie zumindest versucht, die Menge an Plastik zu ermitteln. Sie kamen auf 270  000 Tonnen – genug, um damit 38  500 Müllwagen zu füllen. Die Studie bezieht sich allerdings ausschließlich auf die an der Wasseroberfläche treibenden Plastikabfälle. Wie viel Material auf dem Meeresboden liegt, untersuchten die Forscher nicht. Anderen Untersuchungen zufolge soll sich dort aber der Löwenanteil des Mülls befinden, nämlich bis zu 70 Prozent. Die Menge des größer, denn die industrielle Kunststoffproduktion wächst immer weiter. „Sie stieg beispielsweise zwischen den Jahren 2012 und 2013 um etwa vier Prozent auf 299 Millionen Tonnen an”, sagt Meeresforscherin Bergmann.

Für Tiere und Mikroorganismen ist Plastikmüll sehr gefährlich: Delfine und Meeresschildkröten verfangen sich in Netzresten und ersticken qualvoll. Seevögel fressen das Plastik und verenden daran. So sterben zum Beispiel auf den Midway-Inseln jedes Jahr ein Drittel der Küken der dort brütenden 1,5 Millionen Laysan-Albatrosse, weil ihre Eltern sie versehentlich mit Plastik füttern – die Tiere verhungern mit prall gefüllten Mägen voller Müll.

Auch für Menschen wird der Plastikmüll gefährlich, denn er gelangt zunehmend in die Nahrungskette: Muscheln, Krabben und Fische verwechseln das von Wellen, Salzwasser und UV-Licht zu kleinen Körnchen zersetzte Plastik mit Plankton und fressen es – die enthaltenen Schadstoffe reichern sich dadurch in ihren Körpern an. Auf diese Weise landen sie letztlich auch auf unseren Tellern – mit unabsehbaren Folgen.

Die in Plastik enthaltenen Zusatzstoffe wie etwa Weichmacher sind teilweise krebserregend. Wie lässt sich dieses immer bedrohlicher werdende Problem lösen? Forscher und Naturschutzorganisationen in aller Welt verfolgen unterschiedliche Ansätze. Weit verbreitet sind von lokalen Initiativen organisierte Sammelaktionen an Stränden. Sie finden inzwischen weltweit statt, gelten aber eher als Möglichkeit, das Problem ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen.

Denn das Wasser befindet sich durch Meeresströmungen und die Gezeiten in einem ständigen Austausch: Wenn man bei einer Sammelaktion am Ende des Strandes angekommen ist, kann man eigentlich wieder von vorne anfangen, weil die nächste Flut schon wieder neues Plastik angespült hat. Also muss schon etwas passieren, bevor der Müll am Strand landet.

Es gibt viele Versuche: Die Meeresschutzorganisation KIMO etwa hat die Initiative „Fishing for Litter“ ins Leben gerufen. Rund 150 Gemeinden und Behörden in Ländern an der Nord- und Ostsee haben dazu einen Verbund gegründet, der an Fischer Müllsäcke verteilt, mit denen sie das Plastik sammeln sollen, das anstelle von Fischen in ihren Netzen landet. In vielen Häfen Nordeuropas gibt es Sammelcontainer für die kostenlose Entsorgung des auf diese Weise aus dem Meer gefischten Mülls.

In Deutschland kümmert sich der Naturschutzbund (Nabu) um die Entsorgung der Abfälle, die die Fischer mitbringen. Doch angesichts der gigantischen Müllmengen in den Ozeanen können auch solche Ansätze nicht mehr als ein kleiner Beitrag zur Lösung des Problems sein. Vielversprechender klingt das Projekt „The Ocean Cleanup“, das der erst 20-jährige Niederländer Boyan Slat ins Leben gerufen hat. Er hat eine Konstruktion entworfen, die auf dem Wasser schwimmt und den Meeresströmungen folgt. Dabei sammelt sie mithilfe von mehreren Hundert Meter langen, schlauchartigen Fangarmen, die auf dem Wasser treiben, Plastik und anderes Treibgut von der Wasseroberfläche. Dieses wird dann mithilfe eines Förderbandes in Sammelbehälter befördert. Die Energie dafür liefern Solarzellen auf den treibenden, rochenförmigen Inseln. Nach Jahren der Entwicklung und des Crowdfunding soll die erste Sammelkonstruktion im kommenden Jahr vor der Küste Japans zu Wasser gelassen werden. Die erste Einsatzphase ist auf die Dauer von zwei Jahren ausgelegt. Dann wird sich zeigen, ob der ambitionierte Plan wirklich in großem Stil funktioniert. Geht er auf, soll eine Vielzahl der Sammelstationen am Meeresgrund verankert werden und die existierenden Strömungen ausnutzen, um den Plastikmüll einzusammeln.

Innerhalb von zehn Jahren könnten so etwa die Hälfte des Mülls aus dem pazifischen Müllstrudel eingesammelt werden, hofft der Erfinder. Das Plastik könnte dann recycelt oder in Müllheizkraftwerken verbrannt werden. Der Haken an den Müllkraken von Boyan Slat ist allerdings, dass auf diese Weise, wenn überhaupt, eben nur der Teil des Plastiks aus dem Wasser geholt werden kann, der an der Wasseroberfläche schwimmt. Der Plastikmüll, der in den Tiefen der Ozeane treibt oder auf den Meeresboden gesunken ist und von dort in die Nahrungskette geraten kann, wird mit dieser Methode nicht erwischt. Manche Wissenschaftler wie etwa der amerikanische Meeresbiologe Tracy Mincer von der Woods Hole Oceanographic Institution im US-Bundesstaat Massachusetts verfolgen den Ansatz, mithilfe von plastikfressenden Mikroorganismen den schwimmenden Abfall loszuwerden.

Mikroorganismen, die von Plastik leben können, hat er bereits entdeckt – nun geht er der Frage nach, was passiert, wenn die Mikroben das Plastik verdaut haben. Möglicherweise bleiben ja am Ende nur kleinere Plastikpartikel übrig, vielleicht werden sogar die im Plastik enthaltenen Schadstoffe durch den Verdauungsvorgang erst freigesetzt. Im Umweltbundesamt jedenfalls glaubt man nicht an die Lösung, dass Mikroorganismen die Meere einfach sauber fressen können. „Bei der Zersetzung geben Kunststoffe giftige und hormonell wirksame Zusatzstoffe wie Weichmacher, Flammschutzmittel und UV-Filter in die Meeresumwelt oder den Organismus ab, der sie aufnimmt“, warnen die Umweltexperten. „Mikroorganismen sind nicht in der Lage, die Kunststoffe vollständig zu zersetzen.“

Neben all den verschiedenen Ansätzen, die Weltmeere vom Plastikmüll zu säubern, muss aber schlicht auch die Ursache des Problems bekämpft und die Menge des ins Meer gelangenden Plastiks deutlich verringert werden. Dazu gehört vor allem ein verantwortungsbewussterer Umgang mit Kunststoffen. „Kunststoffe sollten wieder als wertvolle Ressource betrachtet und nicht sorglos beispielsweise in Einmal-Verpackungen eingesetzt werden, weil diese scheinbar am billigsten sind“, erklärt AWI-Biologin Bergmann. „Würden die Kosten von Umweltfolgen, Säuberungsaktionen und Unfällen in der Schifffahrt mit eingepreist, wären solche Produkte keinesfalls so preisgünstig und ein verantwortungsvollerer Umgang eine wünschen werte Folge.“ Zudem können regulatorische Maßnahmen wie etwa ein Verbot oder die Besteuerung von Plastiktüten dazu beitragen, die Menge des Plastikmülls zu verringern. In Wales und Irland waren nach der Einführung einer Abgabe auf Plastiktüten deutlich weniger Plastiktüten im Umlauf, was sich auch in einer merklich geringeren Anzahl von Plastiktüten an irischen Stränden widerspiegelte. Bergmann berichtet: „Sogar einige weniger wohlhabende Länder wie Ruanda oder Somalia haben inzwischen Plastiktüten verboten“.

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