A20 bei Tribsees : Video: Das Riesenloch in der Autobahn

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Foto: Stefan Tretropp

Das Loch war zunächst von 40 auf 95 Meter Länge gewachsen

nnn.de von
12. Februar 2018, 10:07 Uhr

Tief abgesackte Fahrbahnen, verbogene Leitplanken, die im teigigen Untergrund versinken  - die A 20 bei Tribsees sieht aus, als hätte ein Riese einen Wutanfall bekommen und kräftig zugetreten. Eine der wichtigsten Verkehrsadern des Tourismuslandes ist seit September ein Spielball der Natur: Erst langsam, Stück um Stück, versank die Fahrbahn Richtung Rostock auf knapp 100 Meter Länge im moorigen Untergrund, bevor jetzt am Wochenende auf gleicher Höhe die Gegenfahrbahn Richtung Stettin in sich zusammenbrach. In den vergangenen Wochen hatte sich auch unter dieser Fahrbahn ein Hohlraum gebildet. „Es war nur eine Frage der Zeit, dass auch die Gegenfahrbahn absackt“, sagte Ronald Normann vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr am Montag. 

Seit Oktober letzten Jahres ist die A 20 an der Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern komplett gesperrt. Eine provisorische Umleitung über Landstraßen stellt die umliegenden Ortschaften wie Langsdorf auf eine harte Belastungsprobe. „Bei uns liegen die Nerven blank“, sagt die Inhaberin der Langsdorfer Gaststätte „Zur Kastanie“, Erika Baumgart. „Es ist eine Katastrophe.“ 

Statt der erhofften Umsatzsteigerung sei das Gegenteil eingetreten. Stammgäste blieben aus. Frustrierte Autofahrer stoppten, um schnell die Toilette zu nutzen, ohne Geld zu zahlen.  An den Sommer - sagt Baumgart - wolle sie gar nicht denken. In der Tourismussaison fuhren bislang rund 25 000 Fahrzeuge pro Tag über das inzwischen gesperrte Stück Autobahn, im Winter rund 15 000 bis 18 000.

Die A 20 ist eine Hauptverkehrsachse zur mecklenburg-vorpommerschen Ostseeküste. Rügen und Usedom sind mit 6,5 Millionen sowie 5,4 Millionen Gästeübernachtungen pro Jahr die touristischen Hotspots im Nordosten. Nach Angaben des Chefs des Rügener Tourismusverbandes reisen rund 65 Prozent der Rügen-Urlauber über die Autobahn aus Richtung Rostock an. Auf die Insel Usedom kommen etwa 35 bis 40 Prozent der Gäste über die westliche A 20. Das Loch in der Straße sei eine „Hypothek für die Branche“, sagt Tobias Woitendorf, Vizechef des Landestourismusverbandes. Dennoch schauen die Touristiker nach vorn. Es bleibt ihnen ja auch nichts anderes übrig: „Wir haben volles Vertrauen in die Lösungskompetenz des Verkehrsministeriums“, zeigt sich der Chef des Rügener Tourismusverbandes, Knut Schäfer, zuversichtlich.  

Der Grund für das Desaster ist ersten Untersuchungen zufolge eine große Torflinse unter der Autobahn. Was genau im Boden geschah, ist allerdings weiter unklar. Spekuliert wird über die Verwendung zu schwacher Stützen, nicht überprüfter Techniken oder schlicht Fehlkalkulationen. Die Vermutung von Anwohnern, dass die Wiedervernässung am Fluss Trebel vor rund 20 Jahren Schuld an der Katastrophe sein könnte, wies jüngst das Umweltministerium zurück. Der jetzige Wasserstand sei fast identisch mit dem Wasserstand, der den A20-Planungen zugrunde gelegen habe.

Der Einsturz der Gegenfahrbahn am Wochenende hat laut den Experten des Verkehrsministeriums keine Auswirkungen auf die Planungen zur Reparatur der Straße. Bis die A 20 an dieser Stelle wieder befahrbar sein wird, werden allerdings Jahre vergehen - auch wenn das Ministerium Anreize für ein schnelleres Planen und Bauen setzen und Möglichkeiten für Fristverkürzungen im Vergabeprozess ausschöpfen will. Obwohl die Autobahn eine Bundesstraße ist, laufen beim Land als Baulastunterhaltungsträger die Fäden für die Reparatur zusammen. Und das sei auch gut so, sagt Verkehrsexperte Normann. „Wir machen das sicher schneller.“ 

Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) war jüngst von einer vollständigen Wiederherstellung der Autobahn bis zum Jahr 2021 ausgegangen. Die Kosten dafür werden auf etwa 100 Millionen Euro geschätzt. Die Autobahn muss demnach auf etwa 800 Meter Länge westlich und 100 Meter Länge östlich der Unglücksstelle zurückgebaut und durch ein Brückenbauwerk ersetzt werden. Inzwischen steht der Zeitplan für die europaweite Ausschreibung von Planungsleistungen. Bis 22. Februar können die Firmen ihre Angebote abgegeben.

Unterdessen arbeiten die Straßenbaubehörden an den Vorbereitungen für den Bau einer Umleitungsstrecke, die die Ortschaft Langsdorf entlasten soll. Doch ob diese kommt, bleibt ungewiss. Von den rund 25 Grundeigentümern habe einer dem Bau der Straße bislang nicht zugestimmt, sagte Normann. Die Straßenbauexperten hoffen auf Einsicht.

Sensationstouristen auf Selfie-Jagd an kaputter A 20

Sensationstouristen, die zur abgebrochenen Autobahn 20 bei Tribsees pilgern, Selfies schießen und in sozialen Netzwerken posten, machen den Straßenbaubehörden zunehmend zu schaffen. „Wir hatten bislang dank rechtzeitiger Sperrung der Autobahn Glück, dass niemand verletzt wurde“, sagte Ronald Normann vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr am Montag in Güstrow. Die Behörde überlege nun, Anzeige gegen Gaffer zu erstatten. Die Rechtslage sei in diesem Fall eindeutig. Die Abbruchstelle sei gesperrt, das Betreten verboten. Bereits am Wochenende waren Bilder von der abgebrochenen Gegenfahrbahn auf Facebook gepostet worden. Das Laufen auf diesem Stück Autobahn sei grob fahrlässig und äußerst gefährlich, sagte Normann.  

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