Brandenburgs reichste Gemeinde : BER-Start bleibt ihm verwehrt

Im Schönefelder Rathaus: der parteilose Bürgermeister Dr. Udo Haase.
Im Schönefelder Rathaus: der parteilose Bürgermeister Dr. Udo Haase.

Schönefeld als reichste Gemeinde Brandenburgs treibt eigene Verkehrsplanungen auch am Land vorbei voran / Langjähriger Bürgermeister tritt ab

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15. August 2019, 05:00 Uhr

Der alte Bahnhof von Schönefeld ächzt unter den Rollkoffern. Im breiten Mittelgang überschreien sich Touristen, die zum Flughafen drängen. Nimmt man die entgegengesetzte Richtung, stößt man auf ein kleines Schild: „Rathaus“. Nach einer Treppe findet man sich inmitten von Brachen wieder. Ein Stück weiter führt eine vierspurige Straße mit grünem Mittelstreifen vorbei an der neuen Feuerwehr, einer Schwimmhalle und einem viergeschossigen weißen Klotz, der Gemeindeverwaltung. Im dritten Stock sitzt Udo Haase und blickt über eine Grundschule, freie Flächen und über Neukölln hinweg bis zum Fernsehturm.

Aber wenn der Bürgermeister seinen Blick schweifen lässt, sieht er keine Brachen und Ödnis, sondern eine blühende Stadt mit Wohnungen, noch mehr Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Parks. Selbst gestalten kann er das nicht mehr. Am 1. September wird ein Nachfolger gewählt, Haase tritt nicht noch einmal an.

1990 kam der frühere Dolmetscher für Russisch und Mongolisch eher zufällig in die Kommunalpolitik. Er wurde ehrenamtlicher Bürgermeister von Waßmannsdorf (heute ein Ortsteil von Schönefeld), obwohl er eigentlich noch im Prenzlauer Berg wohnte. Später wurde er stellvertretender Amtsdirektor  des neuen Amtes Schönefeld, Amtsdirektor und nach Bildung der Großgemeinde Bürgermeister. Eigentlich, so berichtet der 67-Jährige, wollte er schon 2011 aufhören. Aber dann hat es ihn doch gereizt, die Eröffnung des neuen Flughafens BER mitzuerleben. Er konnte damals nicht ahnen, dass auch die nächste achtjährige Amtszeit für die Fertigstellung nicht ausreichen würde. Jetzt sieht es ganz nach Ende 2020 als Eröffnungstermin aus.

„Es fällt mir unglaublich schwer, jetzt aufzuhören“, räumt er unumwunden ein. Nach der Aufhebung der Altersbegrenzung durch den Gesetzgeber hätte er noch einmal antreten können, hat dann aber darauf verzichtet. Immerhin, die Weichen sind gestellt, die Masterpläne, wie sich Schönefeld entwickeln soll, längst verfasst.

Die Dörfer, die heute Schönefeld bilden, hatten 1990 zusammen rund 5000 Einwohner. Heute sind es 16 300. Mehr als 2000 neue Wohnungen sind im Bau oder noch in der Planung. Und das scheint nicht das Ende der Fahnenstange. Vor allem Berliner drängen in die Flughafengemeinde, die bis auf drei Ortsteile so gut wie frei von Fluglärm ist. Aber auch Firmen drängen nach Schönefeld. Jüngstes Beispiel Amazon, das 900 neue Arbeitsplätze in Flughafennähe schaffen will.

Der Boom hat Schönefeld zur reichsten Kommune des Landes gemacht. 60 Millionen fließen jährlich als Kreisumlage in die Kasse von Dahme-Spreewald, 40 Millionen gehen als „Reichensteuer“ in den kommunalen Finanzausgleich für alle Gemeinden. 37 Millionen Euro investiert die Gemeinde, die keine Landeszuweisungen erhält, allein in diesem Jahr in seine Infrastruktur.

Am romantischen Dorfanger entsteht ein Gymnasium, das nach Fertigstellung an den Kreis vermietet wird. Eigentlich hätte dieser als Schulträger selbst bauen müssen. Aber das dauert den Schönefeldern zu lange. Sie wollen gleich das ganze Areal entlang der Bahn entwickeln, unter anderem mit einem Eventcenter mit 4000 Sitzplätzen.

Noch teurer wird der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Die Gemeinde hat aus eigener Tasche einen S-Bahnhof  auf halber Strecke zwischen dem alten Bahnhof und dem BER gebaut. Ein zusätzlicher Regionalbahnhof  in einem neuen Gewerbe- und Wohngebiet ist mit der Bahn vereinbart, die Kosten trägt die Gemeinde. Größtes Vorhaben aber ist die Verlängerung der Berliner U-Bahnlinie 7 von Neukölln zum BER. Sechs neue Haltestellen würden entstehen, fünf auf der Gemarkung Schönefeld. Im Büro von Udo Haase gibt es Karten der künftigen Linie und kühne architektonische Vorstellungen, wie sie über die Bahntrassen hinweggeführt werden könnte.

Haase ist überzeugt, dass es nur so gelingt, die Verkehrsströme rund um den Flughafen und in die Gewerbegebiete zu meistern. Dabei macht er keinen Hehl aus seinem Ärger, dass er und die Bezirksbürgermeister von Neukölln und Treptow-Köpenick mit den Ideen vorpreschen müssen und die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg  sich zurückhalten. „Ich hätte mir mehr gewünscht, dass der Ministerpräsident für sein wichtigstes Infrastrukturvorhaben kämpft“, sagt er in Richtung Dietmar Woidke. Wo die Politik sich mit Visionen zurückhält, liefert sie der Schönefelder Bürgermeister.

Selbstverständlich brauche man eine dritte Start- und Landebahn, sagt er klipp und klar. Schon für Havariefälle. Er rechnet damit, dass in zehn Jahren Flugzeuge weitgehend lärmfrei starten und landen können. Überall werde an Brennstoffzellen und E-Flugzeugen geforscht. Jetzt müsse man sich darauf einstellen und die Planungen vorantreiben. Dass er damit aneckt, weiß der parteilose Kommunalpolitiker.

Für Ärger sorgte auch seine Einstellung zum Bau von Sozialwohnungen. Schönefeld hat in den vergangenen Jahren 160 solcher Wohnungen errichtet, die laut Haase von Sozialhilfeempfängern aus Neukölln bezogen wurden. Wer in Schönefeld Arbeit sucht, findet welche und kann sich auch Wohnungen leisten, sagt der Bürgermeister. Außerdem könne sich auch die reichste Gemeinde nicht alles leisten. Das Bauland ist teuer, die Baufirmen auch. Geht es nach Haase, muss Schönfeld weiter erst einmal in seine Infrastruktur, in Kitas und Schulen investieren. Und sozialer Wohnungsbau sei Ländersache, so Haase.

Kritiker werfen ihm vor, vorwiegend als Stadtplaner unterwegs zu sein und das Geld nicht zur Senkung der Kita-Gebühren auszugeben. Auf jeden Fall könne er stur sein, vor allem wenn es darum geht, die Interessen seiner Gemeinde durchzuboxen. Die Amazon-Arbeitsplätze hätte das Land gern in Richtung Lausitz angesiedelt. Für Haase kein Thema. Wenn seine Nahverkehrspläne mit schnellen Anbindungen in alle Richtung umgesetzt werden, könnten Lausitzer schnell nach Schönefeld kommen, zum Flughafen oder als Pendler zum Arbeiten, so sieht seine Vision für die rasant wachsende Gemeinde aus.


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