Insekten : Das große Krabbeln im Winter

Distelfalter legen bei ihren Wanderungen mehrere Tausend Kilometer zurück.
Distelfalter legen bei ihren Wanderungen mehrere Tausend Kilometer zurück.

Lassen die milden Temperaturen mehr Insekten überleben wie der Volksmund meint?

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06. Februar 2020, 05:00 Uhr

Kuscheln, dunkle Farben und Alkohol, Insekten haben verschiedenste Strategien entwickelt, um den Winter zu überstehen. Milde Witterung schadet dabei manchmal mehr als sie beim Überleben hilft. „Der weit verbreitete Gedanke, dass milde Winter mehr Insekten überleben lassen, ist überwiegend ein Trugschluss“, sagt Jörg Müller, Biologe der Heinz Sielmann Stiftung. „Viele Ruhestadien von Insekten fallen in milden, feuchten Wintern Schimmelpilzen zum Opfer. Es gibt sogar viele Arten, die im Winter Kälte benötigen“, erklärt der Biologe. Er nennt als Beispiel einige Feuerfalter-Arten, die gerade deutschlandweit deutlich seltener werden. „Sogar für viele ausgesprochen wärmeliebende Arten ist ein kalter Winter nicht schädlich. Gelege von Gottesanbeterinnen überstehen kurzzeitig sogar minus 60 Grad“, sagt Müller.

Bienen rücken im Winter zusammen, ernähren sich von Vorräten und wärmen sich gegenseitig. Dabei bildet das Bienenvolk eine Kugel um die Königin und beheizt diese mit mindestens 25 Grad durch die geballte Körpertemperatur. Dabei wird auch der Honig erwärmt. Damit alle gut durchkommen und vom Honig naschen können, wird regelmäßig , der Platz von innen nach außen und wieder zurück getauscht. So kühlt keine Biene komplett aus,jede darf mal an den Honig und sich ärmen.

Dieses Zusammenrücken ist aber eher die Ausnahme, so Müller. „Auf den von uns untersuchten Flächen kommt das sonst nur bei den Feuerwanzen vor“, sagt der Biologe, der in der Kyritz-Ruppiner Heide die dort vorkommenden Insektenarten erforscht. Auch in der kalten Jahreszeit trifft er dort viele Insekten an.

Der weiße Grasbär ist auch im Winter aktiv. Der Schmetterling, der zu den Nachtfaltern gehört, überwintert als Raupe, erklärt Müller. An milderen Tagen kann man die schwarzen Raupen beim Fressen an Heidepflanzen und Gräsern sehen. Die schwarze Farbe ermöglicht ein besonders effektives Abspeichern der Sonnenstrahlen.

Eine ähnliche Strategie verfolgen die Wintermücken, die man auf Waldlichtungen in Schwärmen in der Sonne tanzen sehen kann. Die langen schmalen, mit dunklen Äderchen durchzogenen Flügel wirken wie Sonnenkollektoren. Die Wintermonate bergen für die kleinen Moos fressenden Tiere den Vorteil, auf wenig Fressfeinde zu stoßen.

Zu den größten winteraktiven Insekten zählt der Kleine Frostspanner, ein Nachtfalter mit 2,5 Zentimetern Flügelspannweite. Die Männchen fliegen bis in den Dezember hinein und paaren sich mit den flugunfähigen Weibchen. Die Winterzeit bringt ihnen zwei Vorteile. Sie müssen sich nicht vor gefräßigen Fledermäusen fürchten, die halten Winterschlaf. Und die Luft ist nicht mit den Pheromonen, also Duftstoffen, anderer Schmetterlingsarten geschwängert. So findet sich die angebetete Partnerin leichter.

Die meisten Insekten überwintern als Puppe im Boden, in Laub und Moos. Manche verlassen sich nicht auf äußere Umstände, sie werden selbst aktiv, so der Zitronenfalter. Um zu verhindern, dass die Körperflüssigkeit gefriert, was ihm erheblich schaden würde, lagert er Zucker oder Alkohole und Glycerin als Frostschutzmittel ein, verhindert so ein Durchfrieren.

Bei Hummeln, Wespen und Hornissen stirbt im Herbst das ganze Volk, nur die befruchtete Königin überlebt. Sie überwintert an einem geschützten Ort. Wenn sie im Frühjahr ausfliegt, trägt sie ihr ganzes Volk bei sich. Sie gründet dann einen neuen Staat, im Herbst wiederholt sich der Kreislauf. Libellen dagegen legen ihre Eier im Wasser ab. Dagegen ziehen sich manche Käfer und Ameisen bis 1,50 Meter tief in die Erde zurück.

Manche Insekten halten es wie die Zugvögel und fliegen in den Süden, nach Südwestdeutschland oder Ostfrankreich. Der Distelfalter will weiter weg. Er pflanzt sich das ganze Jahr hindurch fort und so ist die Wanderung auch ein Generationenprojekt. Die im Herbst abziehenden Tiere fliegen bis Frankreich oder Spanien. Der Nachwuchs schafft es dann bis Nordafrika und dessen Nachwuchs kehrt im Frühjahr wieder nach Europa zurück.

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