Geflüchtete : Endlich wieder zusammen

Zusammen in Alt Ruppin: Shumay, Feven und Letemichael Tweldebrhan (von links) sind nach Jahren der Trennung nun wieder zusammen. Die junge Familie möchte sich hier ein Leben aufbauen.
Zusammen in Alt Ruppin: Shumay, Feven und Letemichael Tweldebrhan (von links) sind nach Jahren der Trennung nun wieder zusammen. Die junge Familie möchte sich hier ein Leben aufbauen.

Shumay Tewldebrhan floh 2014 aus Eritrea. Jahre kämpfte er dafür, seine Frau und seine Tochter nach Deutschland zu holen

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13. März 2020, 05:00 Uhr

In der Wohnung von Shumay Tewldebrhan in Alt Ruppin (Ostprignitz-Ruppin) steht nicht viel – im Wohnzimmer zwischen Postern von eritreischen Heiligen eine blaue Couch, eine Couchtisch, ein Teil einer Schrankwand und ein Fernseher. Dafür sind seine vier Wände derzeit gefüllt mit viel Freude. Denn der 27-Jährige war nach der Flucht aus Eritrea sechs Jahre von seiner Frau und seiner Tochter getrennt. Seit Sonntag ist die Familie wieder zusammen – dafür hat er gekämpft. Jetzt ist Shumay Tewldebrhan glücklich. Er freut sich darüber, seine Frau Letemichael und seine Tochter Feven wieder bei sich zu haben. „Sie haben mir sehr gefehlt“, sagt der Familienvater.

Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf in Eritrea, in dem er als Bauer und zeitweise als Automechaniker tätig war. Nicht nur von den klimatischen Bedingungen hängt dort das Leben der Familien ab, sondern auch von der Regierung. „Dort herrscht ein totalitäres Regime“, sagt Katrin Davis, die sich seit Jahren um Shumay Tewldebrhan und andere Flüchtlinge kümmert. Jede Familie müsse dort ein Mitglied für den Militärdienst stellen – nicht zuletzt weil Äthiopien und Eritrea mit kleinen Unterbrechungen seit Jahren einen Grenzkrieg führen. Die Nicht-Regierungsorganisation Freedomhouse bezeichnete das Land zuletzt als hermetischen Polizeistaat.

Im September 2014 hält es Shumay Tewldebrhan nicht mehr in seinem Heimatdorf. In einer Nacht- und Nebelaktion verlässt er seine junge Frau und seine kleine Tochter, um in Europa für alle nach einem besseren Platz zum Leben zu suchen. „Ich habe ihnen vorher aber nichts davon gesagt“, erzählt er nachdenklich. Denn das Ausreisen aus dem Land sei illegal. Einen richtigen Pass, wie ihn jeder Deutsche kennt, gebe es dort nicht. Über die Berge flieht er nach Äthiopien, wo er zuerst neun Monate in einem Auffanglager Zuflucht findet und Dokumente erhält. Von dort geht es weiter zwei Wochen durch den Sudan, die Wüste und nach Libyen. Nach insgesamt gut einem Jahr erreicht er Deutschland.

In München wird er dann von der Polizei aufgegriffen und letztlich der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt zugewiesen. Diese wiederum schickt ihn in das Übergangswohnheim in Klosterheide, wo er auch das erste Mal auf Katrin Davis trifft, die für „Einstieg Oberhavel“ und „Einsetzen statt Aussetzen Ruppin“ Geflüchtete betreut. Für Shumay Tewldebrhan hat sich seither alles gut entwickelt. Er spricht gut Deutsch und lernt jeden Tag ein wenig mehr. Denn er hat im Altmetallhandel von Matthias Köppen in Kränzlin einen Job gefunden, der ihm Spaß macht und der ihm dabei hilft, seine Ziele zu erreichen. Das war nicht nur ein Aufenthaltstitel, sondern auch eine eigene Wohnung und der Nachzug seiner Frau und seiner Tochter.

Denn Ehe und Familie haben in Deutschland einen besonderen Stellenwert, der verfassungsrechtlich geschützt ist. Das gilt auch für Einwanderer. Nachdem klar war, dass er in Deutschland bleiben darf, sind auch seine Frau und seine Tochter nach Äthiopien geflohen. Mit ihnen konnte er nur Kontakt über das Telefon halten und sie unterstützen, indem er ihnen Geld schickte.

Aber gerade der Familiennachzug gestaltet sich besonders schwierig, erzählt Katrin Davis. Sie spricht diesbezüglich von Verzögerungspolitik: „Bis 2015 war der Familiennachzug für Flüchtlinge aus Eritrea kein Problem. Jetzt sollen die Ehepartner eine standesamtliche Heiratsurkunde vorlegen.“ Das Problem: In Eritrea gibt es keine standesamtlichen Eheschließungen, sondern nur
kirchliche nach eritreisch-orthodoxem Ritus. Erfasst werden Ehen, die dort oft in sehr jungen Jahren geschlossen werden, nicht. „Aber hier setzt man die deutschen Maßstäbe an“, sagt sie.

Shumay Tewldebrhan hat dennoch alle Hebel in Bewegung gesetzt. Er versichert schriftlich, dass er mit Letemichael verheiratet ist und hat das übersetzen lassen. Zudem haben alle drei DNATests gemacht, um beweisen zu können, dass Feven ihre Tochter ist. Verzögert wird alles aber noch, weil die Behörden in Äthiopien den Fall aufgrund einer Vielzahl von Anträgen nicht so schnell bearbeiten können.

2018 kommt der Rückschlag. Die Ausländerbehörde lehnt Shumay Tewldebrhans Antrag auf Familiennachzug ab. Das ist für ihn und Katrin Davis aber auch gleichzeitig der Grund, rechtlich gegen die Entscheidung vorzugehen. Ende Januar kommt es zum Prozess am Berliner Verwaltungsgericht. Der Neuruppiner legt dem Richter nicht nur sämtliche Versicherungen und DNA-Tests, sondern auch Hochzeitsfotos vor. Was für die Behörden fraglich ist, ist für den Richter eindeutig: Shumay, Letemichael und Feven Tewldebrhans gehören zusammen.
Der Prozess endet mit einem
Vergleich. Der 27-Jährige muss die Kosten des Verfahrens tragen, dafür dürfen Frau und Tochter nach Deutschland einreisen.

„Da flossen natürlich erst
einmal Tränen bei allen“, sagt Katrin Davis. Für das alles hat der junge Mann bereits mehr als 2500 Euro bezahlt. Für die Flugtickets, die
nochmals gut 1000 Euro kosteten, hat Katrin Davis bei viele Mitstreitern Spenden gesammelt, so beim DGB und „Einsetzen statt Aussetzen“.

Am Sonntag war der große Augenblick der Familienzusammenführung in Berlin am Flughafen Tegel. „Nach fast sechs Jahren Trennung. Es war sehr rührend“, so Davis. Nicht nur Shumay Tewldebrhan war gekommen, sondern auch zwei Freunde, die sich zur Feier des Tages in Schale geworfen und Blumen mitgebracht haben. Am Abend wurde gemeinsam gefeiert.

Die Aufregung der ersten Tage hat sich wieder etwas gelegt. Jetzt stehen für die Familien Behördengänge an. „Es muss Kindergeld beantragt werden, wir müssen zum Sozialamt und zum Jobcenter“, sagt Davis. Der 27-Jährige möchte zudem, dass seine Frau schnell Deutsch lernt und seine Tochter bald zu Schule geht. Sie wird nächste Woche acht Jahre alt
– ein Geburtstag, den ihr Vater diesmal nicht verpassen wird. Er selbst macht gerade seinen Führerschein, weil er nicht dauerhaft mit dem Bus oder dem Rad zur Arbeit fahren möchte. Die Theorie ist schon bestanden.

Das Glück des Wiedersehens mit der Familie haben nicht alle Geflüchteten. Katrin Davis sind in Ostprignitz-Ruppin sieben weitere Fälle bekannt, bei denen die eigentlich zugesicherte Familienzusammenführung noch nicht geklappt hat.

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