Angriffe auf Kuherde : Erster Antrag auf Wolfs-Entnahme

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Mutterkuhhalter sieht sich durch Schutznahmen in Existenz bedroht

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18. Januar 2018, 05:00 Uhr

Wie diese Zeitung am Mittwoch erfuhr, hat ein Landwirt aus Potsdam-Mittelmark den ersten „Antrag auf Entnahme“ eines Wolfsrudels beim Landesumweltamt gestellt. Der Mutterkuhbetrieb mit 200 Tieren schütze sich durch alle von der Wolfsverordung als zumutbar eingestuften Maßnahmen. Die Weidetiere würden durch 5-litzige Elektrozäune geschützt. Der Betrieb kümmere sich um „permanente Pflege und Freihaltung der bodennahmen Litze“ und die Beseitigung von Geburtsresten, die über den Geruch das Raubtier anlocken könnten.

Dennoch komme es weiter zu Tierverlusten – der Landwirt schreibt, er sei durch die Verluste in Existenznot geraten. „Da ich die Verluste des Vorjahres nicht mehr durch betriebliche Rücklagen ausgleichen kann und eine Aufnahme von Fremdkapital nicht möglich ist, wird es mir zum Ende dieses Jahres nicht mehr möglich sein, meinen Wirtschaftsbetrieb aufrecht zu erhalten.“

Laut der Ende 2017 erlassenen Brandenburger Wolfsverordnung ist in diesem Fall die Entnahme von Wölfen zulässig – durch Tötung, Betäubung oder Umsiedlung.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski sprach vom Praxistest der Wolfsverordnung. Er erwarte nicht, dass der Antrag des Landwirtes Erfolg haben werde. Der Landwirt mache geltend, dass wiederholte Übergriffe des Wolfsrudels seine betriebliche Existenz gefährden. „Hier helfen nur Schutzjagden mit dem Ziel das Rudel zu entnehmen und den Wölfen klar zu machen, dass ihnen in Orten und in der Nähe von eingekoppelten Nutztieren Gefahr droht.“ Der CDU-Antrag auf Einführung von Schutzjagden wurde vom Landwirtschaftsausschuss auf Februar vertagt.

Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Beate Jessel, betonte im Ausschuss, man sei beim Wolf bundesweit noch lange von einer Größe entfernt, die ein langfristiges Überleben der Art sichern würde. Aus Sachsen wisse man, dass Herdenschutz funktioniere. Die Maßnahmen böten keinen hundertprozentigen Schutz, aber Übergriffe auf Weidetiere ließen sich minimieren. Überwinde ein Wolf die Schutzmaßnahmen, sei die Entnahme, also der Abschuss die einzige taugliche Maßnahme, sagte Beate Jessel.

Kommentar von Benjamin Lassiwe: Von Wölfen und Gesetzlosen

Nach einem Monat steht Brandenburgs Wolfsverordnung vor dem Praxistest. Der erste Landwirt stellte einen Abschussantrag. Und gleich für ein ganzes Rudel. Die Gründe sind durchaus nachvollziehbar. Nun sind Politik und Behörden gefragt, wie sie mit dem Problem umgehen sollen.

Dass Einzelabschuss möglich und in bestimmten Situationen, wenn andere Schutzmaßnahmen versagen, auch geboten sind, das räumt auch die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Beate Jessel, ein.

Die Entscheidung in Potsdam dürfte wichtige Anhaltspunkte für den künftigen Kurs im Umgang mit den Wölfen bieten. Deshalb muss dazu vieles abgewogen werden zwischen Naturschutz, EU-Recht, Wolfsverordnung und der Existenzsicherung von Landwirten.

Muss aber gleich ein ganzes Rudel geschossen werden? Tut es nicht auch eine Umsiedlung? Dafür gibt es deutschlandweit noch keinen Präzedensfall. Begleitende existenzsichernde Hilfen für den betroffenen Landwirt und ein Einzelabschuss könnten ein gangbarer Mittelweg sein.

Für die Entscheidung könnte auch ein Blick über die Landesgrenze nach Sachsen helfen, wo Wölfe schon ein Vierteljahrhundert zuhause sind. Für den Umgang mit dem Raubtier gibt es daher mehr Erfahrungen und ein eingespieltes Instrumentarium möglicher Schritte. Deshalb wird dort etwas unaufgeregter agiert.

Der gestrige Tag hat aber auch den gesellschaftlichen Dialog zum Thema Wolf vereinfacht. Mit dem Bauernbund hat sich ein Teilnehmer selbst ins Abseits gestellt. Wer erklärt, den Widerstand der Landbevölkerung gegen den Wolf organisieren und große Teile Brandenburgs zur wolfsfreien Zone machen zu wollen, verlässt den rechtsstaatlichen Boden. Die Forderung, „überall, wo Menschen und Weidetiere sind, müssen Wölfe konsequent gejagt werden“, lässt Politik und Behörden keinen Raum mehr für die Suche nach Lösungen mit dem Bauernbund. Die Interessenvertreterin der bäuerlichen Familienbetriebe im Land hat ihren Mitgliedern damit einen Bärendienst erwiesen.

Wie soll ein Kompromiss im Umgang mit Wölfen aussehen, bei dem ein Ausgangspunkt auf Gesetzesbrüchen beruht? Spätestens die Gerichte würden ein klares Stoppschild setzen.

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