Kita-Betreuung : „Es fehlen noch paar Schippen“

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Brandenburg hat die Zahl der Betreuer in den Kitas deutlich aufgestockt / Doch die Situation in den Kitas entspannt sich nur langsam

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03. Januar 2018, 05:00 Uhr

„Mir fehlen 11 von 34 Betreuern wegen Krankeitsfällen“, sagt der Leiter der Potsdamer Kita „Sonnenschein“, René Klostermann. „Im Herbst und Winter sind es die schwierigsten Monate, da haben wir stets die meisten Krankmeldungen.“ Die Folge: Gruppen mit sonst jeweils maximal 15 Kindern müssen zusammengelegt und von einer Fachkraft mit einer Helferin betreut werden. „Da können wir nur noch betreuen, und der Auftrag zur Bildung und Erziehung bleibt weitgehend auf der Strecke“, sagt Klostermann.

Seit zwei Jahren hat die Brandenburger Landesregierung den sogenannten Betreuungsschlüssel in den Kitas schrittweise verbessert. Zunächst wurde in den Krippen aufgestockt, so dass bei den bis zu Dreijährigen rein rechnerisch eine Kraft nur noch fünf statt sechs Kinder betreuen muss. Seit August 2017 wird der sogenannte Betreuungsschlüssel bei den Kindergartenkindern von 1:12 auf 1:11 gesenkt.

Dafür hat das Land seinen jährlichen Zuschuss seit 2015 um mehr als 110 Millionen Euro auf knapp 371 Millionen Euro erhöht. Im kommenden Jahr soll die Summe auf 386,5 Millionen Euro und 2019 auf insgesamt 418 Millionen Euro steigen. „Der Weg ist richtig“, urteilt Klostermann. „Aber jetzt brauchen wir noch zwei bis drei Schippen drauf.“

Denn im bundesweiten Vergleich liegt Brandenburg bei der Nutzung von Krippen und Kitas zwar ganz weit vorn: 57,2 Prozent der Kinder bis drei Jahre sind in einer Krippe, im Kindergartenalter bis sechs Jahre sind es sogar 97,1 Prozent. Doch bei der Betreuung der Kinder ist Brandenburg selbst mit einem Schlüssel von 1:5 beziehungsweise 1:11 noch weit hinten. Im Bundesdurchschnitt beaufsichtigte nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Stand März 2016 in den Krippen rechnerisch eine Fachkraft 4,3 Kinder und in den Kindergärten 9,2.

Dennoch: Auch die Eltern in der Kita „Sonnenschein“ erkennen die Fortschritte der vergangenen Jahre an. „Es gibt weniger Lücken bei der Betreuung“, sagt Kristian Wefers, der gerade seine fünfjährige Tochter in die Kita gebracht hat. Ganz wichtig seien für die Kinder Bezugspersonen, betont der 43-jährige Vater Daniel Dräger. „Sowohl frühmorgens als auch abends sind nun Betreuer da, die den Kindern bekannt sind.“ Weiter draußen auf dem Land kommen die Verbesserungen allerdings nicht immer an. „Wir könnten noch eine Fachkraft einstellen“, sagt Andrea Bartha-Fontaine, die im havelländischen Roskow die Kita „Kinderland Fantasia“ leitet. „Aber ich suche schon seit einem Jahr vergebens.“ Daher müssten alle sechs Erzieherinnen und Erzieher 40 Stunden arbeiten, obwohl sie das gar nicht wollten. In der Branche sind 32-Stunden-Verträge üblich, die bei Personalbedarf aufgestockt werden können.

Besonders ärgert sich die Leiterin über eine neue Berechnung der Landesverwaltung. „Unser Azubi wurde früher als 70-Prozent-Kraft gerechnet – jetzt wird er zu 80 Prozent gerechnet“, sagt Bartha-Fontaine. „Damit wird ein Teil des Zuwachses wieder zunichte gemacht.“ Die zuständige Referentin der Bertelsmann Stiftung, Kathrin Bock-Famulla, vermutet, dass die Bildungsverwaltung damit ein Stück weit über ein gravierendes Problem hinwegtäuschen will. „Ich habe den Eindruck, dass man sich so die Zahlen etwas schöner rechnet, weil man im Ministerium den Fachkräftemangel nicht eingestehen will.“ Dieser Fachkräftemangel hat aus Sicht von Verdi-Gewerkschaftssekretärin Anna Sprenger gleich mehrere Ursachen. „Die Ausbildung wurde Ende der 1990er Jahre für etwa zehn Jahre deutlich heruntergefahren“, sagt Sprenger. „Bei den Erzieherinnen fehlt daher weitgehend die Altersgruppe zwischen Ende 30 und Ende 40.“ Zudem habe der Beruf keinen besonders hohen gesellschaftlichen Status mehr, trotz gestiegener Anforderungen.

„Die Erzieherinnen haben wegen des Fachkräftemangels oft deutlich mehr Kinder zu betreuen als vorgesehen, hinzu kommen höhere Vorgaben bei der frühkindlichen Bildung und mit der Inklusion“, meint Sprenger. „Das ist für viele junge Leute nicht so attraktiv.“

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