Lego : Geschäfte mit fehlenden Steinchen

Ein von der Firma Flix Brix entworfenes Baustein-Set liegt in einer Kiste voller Lego-Steine.
Ein von der Firma Flix Brix entworfenes Baustein-Set liegt in einer Kiste voller Lego-Steine.

Lego-Steine sind die Welt von Sebastian Groth / Er kauft die bunten Klemmbausteine gebraucht und sortiert sie, bevor er sie weiterveräußert

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19. Mai 2020, 05:00 Uhr

Sabine Gesche wühlt in einem Kasten mit gelben Kunststoff-Steckköpfen für Lego-Figuren. Jeder hat ein anderes Gesicht. „Ein Kunde möchte ein bestimmtes Exemplar, das im Aussehen seinem Vater gleichen soll“, erklärt die Mitarbeiterin der Firma Flix Brix in Gosen (Oder-Spree). Sie und drei Kollegen eilen im Gewerbegebiet des Ortes durch drei Kellerräume, die vollgestopft sind mit Kästen voller gebrauchter Lego-Plastikbausteine unterschiedlichster Farben, Formen und Größen.

Was auf den ersten Blick wirkt wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, habe System, erklärt Firmenchef Sebastian Groth. „Wir haben etwa 20 000 verschiedene Lego-Steine. Die sind alle sortiert, katalogisiert und digital erfasst“, erklärt der 32-Jährige und verweist auf Tablets, mit denen die Mitarbeiter für die Suche nach dem vom Kunden gefragten Stein ausgerüstet sind. Zwei, drei Klicks genügen, um das richtige Regal und den Kasten zu finden. Die Vorbereitung war eine aufwendige Sisyphus- und Programmierarbeit, mit der der Pharmareferent vor Jahren im eigenen Keller begonnen hat.

Am Anfang waren drei Kisten voller gebrauchter Lego-Steine, die ihm ein Freund überließ. „Als ich begann, die Sets zusammenzubauen, stellte ich fest, dass Teile fehlen“, erinnert sich der Gosener. Die bei kleinen Händlern zu besorgen sei aufwendig und teuer gewesen. Daher gründete Groth 2014 seine Firma im Nebenerwerb, begann mit 500 verschiedenen Steinen, die er kaufte, wusch und neu anbot. Inzwischen hat er drei Vollzeit- und 14 Teilzeitbeschäftigte und sein Unternehmen am Markt etabliert. Der Handel laufe ausschließlich über das Internet, sagt er. Neben seiner Firmen-Website hat Groth die Fanseite Steinchenfans.de, über die sich etwa 1500 Liebhaber und Sammler austauschen.

„Da gibt es eine riesige Fangemeinde, vor allem für Steine älterer Baureihen“, erläutert der Firmenchef. Sie zu unterscheiden sei eine Kunst, denn vor 2004 hatten die bunten Steine andere Farben. „Wenn ein Sammler alte Sets hat, müssen die Ersatzteile dazu passen“, so Groth, der auch eine private Sammlung besitzt, zu der Raritäten der Star-Wars-Reihe und Technik-Miniaturen wie ein Space Shuttle gehören.

Normalerweise gebe es im Frühling eine Flaute bei Bestellungen, sagt Groth. In Corona-Zeiten aber sei alles anders. Mit Beginn der Ausgangsbeschränkungen mehrten sich die Anfragen. „Da werden die bunten Lego-Steine vom Dachboden oder aus dem Keller geholt, um Kinder zu Hause zu beschäftigen.“ Oft stellten Eltern oder Großeltern dabei fest, dass ein bestimmter Stein fehle oder gleich mehrere, um Raumschiff oder Rennauto bauen zu können. „Und dann wenden sie sich an uns“, erzählt der 32-Jährige, der Vater zweier Töchter ist.

Diese Art „konstruktiven Spiels“, zu der auch Puzzles gehören, sei für Kinder entwicklungsfördernd, sagt Entwicklungspsychologin Birgit Elsner von der Universität Potsdam. „Es schult räumliches Denken und motorische Koordination. Das Gehirn wird trainiert, durch Detailinformationen größere Zusammenhänge zu erkennen.“ Zudem entstehe durch das Zusammensetzen vieler Teile ein Produkt, es werde etwas geschaffen, erklärt die Wissenschaftlerin, warum das Bauen mit Steinen auch Erwachsene so fasziniert.

Da kann Ines Schroth nur zustimmen. Sie ist Betriebsleiterin der Ankerstein GmbH in Rudolstadt. Die Manufaktur stellt mit Pausen seit 140 Jahren Bausteine her, die schon in der Jugend von Nobelpreisträger Albert Einstein eine wichtige Rolle spielten, heißt es auf der Webseite der Firma. Seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie gebe es verstärkt Anfragen nach bestimmten Bausätzen, erzählt Schroth. Sowohl Eltern für ihre Kinder als auch Erwachsene mit Modellbau als Hobby hätten im Online-Shop eingekauft. „Ich habe den Eindruck, Kontaktverbote sorgen dafür, dass die Leute zu Hause bleiben, sich kreativ beschäftigen und ihre Fantasie ausleben“, so Schroth. Digital sei eben nicht alles. „Hier zählt haptische Erfahrung, Erfahrung mit allen Sinnen, man fühlt und riecht die Bausteine.“

„Das Bauen mit Lego-Steinen verbindet die ganze Familie“, bestätigt Guido von Bronewski. Der Hamburger Familienvater hat seine Leidenschaft durch seine Kinder wiederentdeckt. Er leitet das Forum der „Steinchenfans" und bestellt oft bei Flix Brix. „Es ist toll, dass es Firmen wieFlix Brix gibt, weil ich meine alten Sets oder ganze Serien vervollständigen kann.“

Groth hat inzwischen ein weiteres Standbein für seine „bunten Steinchen“ gefunden: Er kreiert neue Bausets inklusive Anleitungen nach Kundenwunsch, nutzt dafür seinen großen Fundus und entwickelt am Computer die Modelle dazu. So lasse sich ein Mann aus Mannheim (Baden-Württemberg) gerade 120 Baustein-Sets fertigen, welche die Mini-Skyline seiner Heimatstadt darstellen.

Mehrere IT-Firmen beauftragten Groth mit großen Figuren, die sie als Deko auf Messen brauchten. Andere Unternehmen lassen sich Heizungsanlagen oder Firmenwagen in Miniatur zusammenstellen. Dass ihm der Nachschub an Steinen ausgehen könnte, befürchtet Groth nicht. „Weltweit gibt es etwa 760 Milliarden Lego-Steine, die im Umlauf sind. Ich habe gerade 1,5 Tonnen aus Österreich geordert.“ Bei Haushaltsauflösungen fielen immer wieder Teile an, ebenso auf Flohmärkten. Oder Besitzer bringen die bunten Steine direkt zu ihm.

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