Fehlende pädagogische Kompetenz : Mehr Seiteneinsteiger an Schulen

Eine Englisch-Lehrerin schreibt in einer Grundschule an die Tafel.
Eine Englisch-Lehrerin schreibt in einer Grundschule an die Tafel.

Lehrerverbände fordern Verdopplung der Vorqualifizierung und höhere Vertretungsreserve

nnn.de von
16. April 2019, 05:00 Uhr

Potsdam | An Brandenburger Schulen sind sie nicht mehr wegzudenken, bei vielen Eltern stoßen sie auf Skepsis: Berufswechsler und Arbeitslose, die nach einem Kompaktkurs als Seiteneinsteiger unterrichten. Um den Bedarf zu decken, könnte laut Bildungsministerium in den nächsten Jahren jede zweite neue Lehrkraft ein Seiteneinsteiger sein. „Die werden in die Schulen gedrückt, um alle Stellen zu besetzen“, so René Mertens, Elternsprecher am Fläming-Gymnasium in Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) und Mitglied im Landeselternrat.

Ende 2018 arbeiteten an den staatlichen Schulen der Mark zwölf Prozent der fast 20 000 Lehrkräfte ohne Pädagogikstudium, so das Bildungsministerium. Mitte 2017 lag die Quote bei 8,5 Prozent. An einigen Schulen der Sonderpädagogik unterrichtet bereits jede zweite Lehrkraft ohne Lehramtsstudium. Dabei sind an diesen Schulen Lehrer mit besonderem pädagogischen Kenntnissen und Geschick nötig.

Für Betreuungslehrer bedeuten Seiteneinsteiger eine zusätzliche Aufgabe und oft eine Belastung. Die Lehrerverbände warnen vor Überforderung der Pädagogen, denen bisher nur eine Stunde je Woche als Betreuungszeit angerechnet wird. Um Lehrer zu entlasten, fordern sie die Vorqualifizierung der Seiteneinsteiger von drei auf mindestens sechs Monate auszuweiten.

Während manche Eltern fürchten, dass Unterrichtsniveau könnte durch Lehrer ohne mehrjähriges didaktisches Studium sinken, warnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft vor zu viel Skepsis. „Das eigentliche Problem ist, dass die Politik versagt hat, weil zu wenig Pädagogen in den letzten Jahren ausgebildet wurden“, betont Landeschef Günther Fuchs. Nun müsse alles getan werden, Seiteneinsteiger zu qualifizieren und die Kernkompetenz der Schule zu stärken. „Dazu gibt es keine Alternative, der Lehrerarbeitsmarkt ist leer gefegt.“

Die Sorge vor Abstrichen am Unterrichtsniveau ist begründet. Nicht alle Seiteneinsteiger sind dem Schulalltag gewachsen. Laut Bildungsministerium wurden seit dem Vorjahr rund 100 Beschäftigungsverhältnisse mit Seiteneinsteigern vorfristig beendet.

Eine Entlastung der Lehrer und weniger Unterrichtsausfall wären laut Lehrerverbänden durch weniger Verwaltungstätigkeit und höhere Vertretungsreserve möglich. „Damit könnte der durch Krankmeldungen verursachte Unterrichtsausfall gesenkt werden“, sagt Hartmut Stäker, Präsident des Brandenburger Pädagogen-Verbands.

Nach seinen Angaben stiegen die Krankmeldungen der Lehrer auch durch Überforderung von 4,9 Prozent im Schuljahr 2006/2007 auf 7,7 Prozent im vergangenen Schuljahr. „Wir brauchen dringend Entlastung, so durch die Erhöhung der Vertretungsreserve von drei auf acht Prozent“, so Stäker. Auch durch Krankmeldungen war der Vertretungsbedarf im Vorjahr um 0,3 Punkte auf 11,2 Prozent gestiegen.

Das Bildungsministerium begegnet der Forderung mit dem Hinweis, der Unterrichtsausfall allgemeinbildender Schulen sei im vergangenen Schuljahr um 0,1 auf 2,0 Prozent des Stundensolls gesunken. Mit Oberstufenzentren fielen im Schuljahr 2017/2018 wie in den zwei Jahren zuvor 2,3 Prozent des Unterrichts aus.

Auch Eltern dringen auf bessere Qualifizierung der Seiteneinsteiger. „Die dreimonatige Vorqualifizierung gleicht einem Crashkurs“, so Mertens. Es müsse viel mehr getan werden. „Uns Eltern fehlt der große Plan, wie die Seiteneinsteiger so qualifiziert werden, dass sie wie vollwertige Lehrer unterrichten können.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen