Landkreis Barnim : Wo der Wolf heult

Imke Heyter, Chefin des Wildparks Schorfheide, steht vor einer interaktiven Videowand im Wolfsinformationszentrum.
Imke Heyter, Chefin des Wildparks Schorfheide, steht vor einer interaktiven Videowand im Wolfsinformationszentrum.

Das neue Wolfs- und Herdenschutzinformationszentrum im Wildpark Schorfheide soll aufklären – aber auch Konflikte darstellen.

nnn.de von
07. Dezember 2018, 05:00 Uhr

Da stellen sich einem förmlich die Nackenhaare in die Höhe: Wer das gestern eröffnete neue Wolfs- und Herdenschutzinformationszentrum im Wildpark Schorfheide (Barnim) betritt, steht urplötzlich im Dunklen, während Wolfsgeheul ertönt.

Wildparkchefin Imke Heyter kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Gleich zu Beginn spielen wir hier mit allen Klischees zum Thema Wolf“, sagt sie. Auf die kleine Provokation im Eingangsbereich der Einrichtung in Groß Schönebeck folgt im großen Ausstellungsraum jede Menge Information.

Auf einer riesigen, interaktiven Videowand gibt es den Wolf in Aktion zu sehen. Scherenschnittartig sind die europaweit streng geschützten Raubtiere im gemeinsamen Lebensraum mit dem Menschen dargestellt.

Über einen Lichtpunkt im Boden können Szenen zum Verhalten von Wölfen wie Zuneigung oder Unterordnung aktiviert werden. Auf der gegenüberliegenden Seite der Ausstellung geht es um die wichtigsten Fragen zum Umgang mit dem Wolf, seine Biologie und um Fakten zur Geschichte des vor 150 Jahren in Deutschland ausgerotteten Beutegreifers. Horizontal im Raum installiert ist eine Karte Brandenburgs, auf der sichtbar gemacht ist, wo die Tiere leben.

Aktuell gibt es in der Mark laut Landesumweltamt 37 freilebende Wolfsrudel. „Das Konzept gemeinsam mit dem Umweltministerium und versierten Berliner Ausstellungsmachern zu entwickeln, war viel Arbeit“, schildert Heyter. Die Wildpark-Chefin, bekennender Wolfsfan, hatte bereits vor zehn Jahren die Idee für ein Kompetenzzentrum zum Thema Wolf. „Das Interesse der Besucher ist enorm.“ Vor sieben Jahren hat Heyter Fördermittel aus dem Agrarfonds zur Entwicklung ländlicher Räume beantragt, rund eine Million Euro wurden bewilligt, dann wurde zwei Jahre gebaut. „Um die Akzeptanz des Wolfes zu erhöhen, braucht es Information, ohne irgendetwas schön zu reden“, lautet Heyters Credo. Bis zu 100 000 Besucher zählt ihre Einrichtung pro Jahr. Da sei so ein Infozentrum genau richtig angesiedelt, glaubt sie. „Das Infobedürfnis im Süden Brandenburgs, das am dichtesten von Wölfen besiedelt ist, dürfte größer sein. Dort wäre so ein Zentrum sinnvoller angesiedelt“, kritisiert dagegen Matthias Schannwell, Geschäftsführer des Brandenburger Landesjagdverbandes. Die Erwartungen der Jäger seien hoch. „Das Zentrum muss wertneutral aufklären, darf Konflikte und Probleme nicht verschweigen.“

Die Bejagung von Wild sei schwieriger geworden, da sich Reh und Hase auf den wieder eingewanderten natürlichen Feind Wolf inzwischen eingestellt hätten. „Jetzt ist es keine Seltenheit, dass sich größere Verbände aus 30 bis 50 Rehen auf Feldern sammeln, um den Wolf rechtzeitig zu bemerken. Dabei richten die Tiere auf den Äckern beträchtliche Wildschäden an“, erklärt Schannwell.

Der Wildpark beherbergt bereits seit vielen Jahren zwei Wolfsrudel: Eines lebt ungestört in seinem weiträumigen Gehege und dient ausschließlich der Forschung. Das andere besteht aus fünf Tieren, die mit der Flasche aufgezogen worden waren, dadurch an Menschen gewöhnt sind und nicht gleich Reißaus nehmen, sobald sich Besucher nähern.

Seit Jahren veranstaltet Heyter nächtliche Vollmond-Exkursionen zu den Wildpark-Wölfen. Die mehrstündigen Wanderungen inklusive Raubtierfütterung sind meist ausgebucht. „Da kommen tatsächlich Besucher, die mehr über den Wolf wissen wollen, wirklich interessiert sind und ihn nicht einfach verteufeln.“ Ähnliche Erwartung hat sie nun für das Infozentrum. „Wer den Wolf hasst, den wird auch unser Infozentrum nicht umstimmen“, zeigt sich die 46-Jährige realistisch. „Dass wir Tierhalter den Wolf nicht mögen, ist bekannt und wohl auch verständlich. Eigentlich brauchen wir mehr Schutz“, sagt Knut Kucznik, Vorsitzender des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg. Dieser Konflikt dürfe auch in dem neuen Zentrum nicht verschwiegen werden, sagt der Schäfer.

Gemeinsam mit dem Umweltministerium hat er ein ergänzendes Projekt entwickelt: Ab Frühjahr wird vom Zentrum aus, das auf dem Dach des Wildpark-Besucherhauses ist, eine Weide mit einer gemischten Herde aus Schafen, Ziegen, Rindern und Pferden zu beobachten sein. Bewacht wird sie von Herdenschutzhunden und begrenzt von wolfssicheren Zäunen. Es dient zu Anschauungszwecken, auch bei Seminaren, die ab 2019 für Tierhalter und Jäger im Zentrum angeboten werden sollen. Dazu gehört auch ein kleines Büro für die Brandenburger Wolfsbeauftragte Valeska de Pellegrini, die zumindest tageweise in Groß Schönebeck für Beratungen zur Verfügung stehen wird.

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