„Das ist mein Spielplatz“ : Bahnhöfe zwischen Verfall und Aufbruch

Sülstorf: Der Berliner Taxifahrer Michael Böhmke sitzt mit Eisenbahnermütze in seinem Wohnzimmer im Bahnhof von Sülstorf.
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Sülstorf: Der Berliner Taxifahrer Michael Böhmke sitzt mit Eisenbahnermütze in seinem Wohnzimmer im Bahnhof von Sülstorf.

Die Bahn braucht viele Bahnhöfe nicht mehr, hat sie verkauft. Nicht wenige sind in traurigem Zustand. Es gibt aber auch mutmachende Geschichten. Im Kröpeliner Bahnhof ist Kultur eingezogen, in Sülstorf nippt der Besitzer in „seinem“ Schaffnerraum am Sundowner.

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16. Februar 2020, 20:00 Uhr

In Michael Böhmkes guter Stube erinnert alles an den Zweck, für den sein Haus 1889 gebaut worden ist. Bahn-Devotionalien füllen den 50 Quadratmeter großen Raum: Originale Weichenstellhebel, Positionslaternen, Modellzüge. Und mittendrin sitzt Böhmke auf dem Sofa und nippt an seinem abendlichen Cognac. An der Wand tickt die Bahnhofsuhr, die schon seit DDR-Zeiten dort hängt. Ein Fenster mit aufklappbarem Durchsprecher verbindet den einstigen Haupt-Schaffnerraum mit der Schalterhalle. Vor den großen Fenstern halten Züge der Nord-Süd-Linie Wismar-Ludwigslust-Cottbus.

Sülstorf: Der Berliner Taxifahrer Michael Böhmke steht mit Eisenbahnermütze auf dem Bahnsteig vor 'seinem' Bahnhof von Sülstorf. Im Hintergrund hält der Regionalexpress der Deutschen Bahn.
Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Sülstorf: Der Berliner Taxifahrer Michael Böhmke steht mit Eisenbahnermütze auf dem Bahnsteig vor "seinem" Bahnhof von Sülstorf. Im Hintergrund hält der Regionalexpress der Deutschen Bahn.

 

„Das ist mein Spielplatz“, sagt Böhmke und fügt mit Augenzwinkern hinzu: „Ich bin hier der Stationsvorsteher.“ Das historische Bahnhofsgebäude von Sülstorf im Landkreis Ludwigslust-Parchim hat, ehe Böhmke es 2018 kaufte, das Schicksal vieler nicht mehr benötigter Bahnhofsbauten in Deutschland durchlitten: Aufgegeben, verödet, dem Vandalismus anheimgefallen. Zu den besonders traurigen, weil großen und bedeutenden Fällen in Mecklenburg-Vorpommern gehört der denkmalgeschützte Bahnhof Hagenow-Land, wo die Strecke in Richtung Schwerin und Rostock von der Fernbahnlinie Hamburg-Berlin abzweigt.

Historisch wertvoll, aber privatisiert: Das Bahnhofsgebäude in Hagenow Land gehört schon lange nicht mehr der Bahn, es wurde verkauft. Der Konzern hat damit ein Problem weniger. Die Züge fahren um diese Insel herum. Der Investitionsbedarf ist sehr hoch.
Hirschmann
Historisch wertvoll, aber privatisiert: Das Bahnhofsgebäude in Hagenow Land gehört schon lange nicht mehr der Bahn, es wurde verkauft. Der Konzern hat damit ein Problem weniger. Die Züge fahren um diese Insel herum. Der Investitionsbedarf ist sehr hoch.
 

Der neoklassizistische Bau ist eine Perle und in der Hand von Privatleuten. Sie versuchen, die Immobilie zu verkaufen, sagt Hagenows Wirtschaftsförderer Roland Masche. Im Internet wird der 1846 erbaute Bahnhof mit 2500 Quadratmetern Wohn-/Nutzfläche für 225 000 Euro angeboten. Die Stadt kann nicht einsteigen. „Zu groß, zu teuer“, sagt Masche.

Grimmen: Blick auf einen Teil des unter Denkmalschutz stehenden Bahnhofsgebäude aus dem Jahr 1881.
Bernd Wüstneck/zb/dpa

Grimmen: Blick auf einen Teil des unter Denkmalschutz stehenden Bahnhofsgebäude aus dem Jahr 1881.

 

Anders die Lage in Grimmen: Dort versucht die Stadt den deutlich kleineren Bahnhof zu übernehmen. Nachdem die Bahn den einst stimmungsvollen Backsteinbau mit schmückendem Fachwerk aufgab, steht er leer. Der Bahnhof mit rund 600 Quadratmetern Wohn-/Nutzfläche aus der Zeit um 1900 ging an Privatleute. Doch nichts tat sich, sagt Bürgermeister Benno Rüster. Es gibt Vandalismusschäden. „Wir haben gelitten beim Zuschauen.“ Jetzt will der Verwaltungschef der vorpommerschen Kleinstadt mit rund 9800 Einwohnern handeln. „Man könnte zum Beispiel ein Vereinshaus daraus machen“, sagt er. „Ich will mir in nächster Zeit einmal anschauen, was andere mit alten Bahnhöfen gemacht haben.“ Alles sei rettbar.

Eine Fahrt nach Kröpelin bei Rostock könnte sich lohnen. Dort hat ein Verein mit Hilfe eines Mäzens aus Berlin den historischen Bahnhof zu einem lebendigen Kulturzentrum gemacht. Man expandiert. Der Bahnhof im acht Kilometer entfernten Neubukow, ebenfalls an der Strecke Wismar-Rostock gelegen, wurde hinzugekauft. Dort soll eine Kunstakademie entstehen, sagt Vereinschef Hubertus Wunschik.

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Mecklenburg-Vorpommerns Landeskonservatorin Ramona Dornbusch freut sich über das Engagement für historische Bahnhofsgebäude: „Bahnhöfe sind Teil des historischen Fern- und Nahverkehrssystems und vermitteln mehr als 150 Jahre Verkehrs- und Kulturgeschichte.“ Bahnhöfe seien oft prägende Gebäude im Ortsbild. Ihr Wunsch: „Ein Bewusstsein und gesellschaftliche Wertschätzung für diese zu Unrecht teilweise vernachlässigten oder sogar aufgegebenen Zeugnisse zu schaffen.“ Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein seien die Bahnhofsgebiete Empfangssalons der Städte, begehrte Wohn- und Geschäftslagen, Handels- und Kulturzentren gewesen. Mehr als 200 Bahnhofsgebäude und Bahnarbeiterhäuser in MV stehen unter Denkmalschutz.

Die 1889 eröffnete, 13 Kilometer lange Strecke von Ludwigslust nach Holthusen bei Schwerin zeigt alle Facetten der gegenwärtigen Lage.

Während Michael Böhmke seinen Bahnhof in Sülstorf liebevoll herrichtet und zu besonderen Anlässen der Öffentlichkeit zugänglich macht, stimmen andere Bahnhöfe an der Strecke, etwa Rastow und Lüblow, Denkmalschützer und Eisenbahnfreunde eher traurig. Sie stehen leer. Im Bahnhof Rastow, den ein Immobilienmakler im Internet als „Märchenbahnhof zum Wachküssen“ anpreist, sind die Scheiben eingeschlagen.

Die schönen Rotklinker-Bögen geben dem Haus seinen besonderen Charme.
Katja Müller
Die schönen Rotklinker-Bögen geben dem Haus seinen besonderen Charme.
 

Böhmke kann ehemalige Bahnhofsgebäude an Nebenstrecken durchaus zum zumindest zeitweisen Wohnen empfehlen: Die Bausubstanz sei sehr solide und die modernen Nahverkehrstriebwagen machten kaum Geräusche.

Laut werde es nur, wenn leere Güterzüge vorbeidonnerten, das Schlafzimmer befinde sich deshalb hinten hinaus. Die Verkehrsanbindung sei phänomenal. „Ich bin mit dem Zug in zwei Stunden in Berlin und in einer Stunde an der Ostsee“, sagt Böhmke.

Dann lehnt er sich zurück, nippt am Cognac und schaut aus den großen Fenstern wie einst die echten Stationsvorsteher über die Gleise in die weite mecklenburgische Landschaft.

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