Eurofighter-Absturz über Malchow : Das Flugzeugunglück wirkt nach: „Bei uns sind alle geschockt“

Ein Wrackteil eines Eurofighters liegt auf der Spielwiese des Kindergartens.

Ein Wrackteil eines Eurofighters liegt auf der Spielwiese des Kindergartens.

Der Schrecken sitzt noch tief. Am Montag stürzten zwei Kampfflugzeuge über der Mecklenburger Seenplatte ab. Wie knapp die Region einer großen Katastrophe entging, wird am Tag erneut deutlich.

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25. Juni 2019, 20:00 Uhr

Fröhlich rennen die Kinder über den Spielplatz der Kita "Hütter Waldwichtel". Am Eingang sprüht ein Rasensprenger kühlendes Nass auf die von den Kindern gepflegten Beete. Ein idyllischer Sommertag in der kleinen Gemeinde Nossentiner Hütte, könnte man meinen. Doch entging der Ort in der Mecklenburgischen Seenplatte nur knapp einer Katastrophe, als am Montag zwei Eurofighter der Luftwaffe zusammenstießen und abstürzten.

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Wie knapp, das wird auch am Dienstagmorgen noch einmal deutlich. Auf dem Spielplatz, der direkt an das abgezäunte Kita-Gelände grenzt, findet ein Gemeindearbeiter beim Rasenmähen ein etwa 50 Zentimeter langes Flugzeug-Bauteil. Das offenkundig abgerissene, stark zerbeulte Stück lag etwa 40 Meter entfernt von den Spielgeräten der Kinder.

Ein Wrackteil eines Eurofighters liegt auf der Spielwiese desKindergartens.
Christophe Gateau/dpa

Ein Wrackteil eines Eurofighters liegt auf der Spielwiese des Kindergartens.

 

"Wir können von Glück reden, dass wir so davon gekommen sind", sagt die Leiterin der Kita, in der sonst 45 Kinder spielen. Einige Eltern hätten ihren Nachwuchs wegen der Ereignisse am Vortag abgemeldet. Ein paar Kinder sahen den Absturz eines der beiden Kampfjets vom Fenster aus. "Wir werden darüber reden. Kindgerecht", sagt die Leiterin.

Knapp einer Katastrophe entgangen

Nachdem der Eurofighter in geringer Höhe den Ort überflogen hatte, bohrte er sich gut einen Kilometer vom Dorf entfernt in ein Kornfeld. "Bei uns sind alle Einwohner geschockt", sagt Birgit Kurth. Die 57-Jährige ist Bürgermeisterin in Nossentiner Hütte und bei ihr laufen alle Fäden im Dorf zusammen. "Wir sind nur ganz knapp einer großen Katastrophe entgangen, das wird den meisten erst einen Tag später klar."

Der Pilot hatte sich retten können. An der Absturzstelle sind auch am Dienstag - streng abgeschirmt - zahlreiche Bundeswehrangehörige dabei, den Acker nach Trümmern abzusuchen und Vermessungen vorzunehmen. Zum Teil tragen sie Schutzanzüge. Auch auf dem Gemeinde-Sportplatz, am Friedhof von Nossentiner Hütte und auf mehreren Wohngrundstücken fanden sie Teile.

Ein Mitarbeiter der Flugsicherheit der Bundeswehr mit einem Schutzanzug trägt ein Trümmerteil auf einem Feld.
Christophe Gateau/dpa

Ein Mitarbeiter der Flugsicherheit der Bundeswehr mit einem Schutzanzug trägt ein Trümmerteil auf einem Feld.

 

Der andere Kampfjet - beide waren bei Luftkampfübungen kollidiert - war etwa vier Kilometer östlich, Richtung Jabel, am Waldrand zu Boden gegangen. Dessen 27 Jahre alter Pilot kam ums Leben. An der Suche nach Wrackteilen und der Sicherung der Absturzstellen waren nach Angaben der Luftwaffe am Dienstag mehr als 300 Soldaten beteiligt.

Maschine hat Häuser knapp verfehlt

Besonderes Glück glaubt eine Familie aus dem kleinen Nossentin zwischen den beiden Absturzstellen gehabt zu haben. "Wir waren zu Hause und haben das brennende Flugzeug abstürzen sehen", sagt die Frau. Die Maschine habe knapp mehrere Häuser verfehlt. "Da habe ich gleich an meine Kinder gedacht." Die beiden drei und sechs Jahre alten Sprösslinge seien zur Absturzzeit in der "Waldwichtel"-Kita gewesen, wo in der Nähe die andere Maschine abstürzte. "Wir feiern am 24. Juni alle jetzt noch einmal Geburtstag", sagt die Mutter.

Viele Straßen in der Region sind von der Bundeswehr abgesperrt. Soldaten durchkämmen das mehrere Quadratkilometer große Absturzgebiet, zu dem auch Wasserflächen gehören.

Mitarbeiter der Flugsicherheit der Bundeswehr untersuchen ein Wrackteil eines Eurofighters auf der Spielwiese des Kindergartens neben einem Fußballtor.
Christophe Gateau/dpa

Mitarbeiter der Flugsicherheit der Bundeswehr untersuchen ein Wrackteil eines Eurofighters auf der Spielwiese des Kindergartens neben einem Fußballtor.

 

Im Büro des Baumarkts, wo die Bürgermeisterin und Amtsleiterin arbeitet, klingelt ununterbrochen das Telefon. "Die Leute wollen wissen, ob und wie sie zu ihren Wiesen und Feldern kommen oder ob sie überhaupt durch Nossentiner Hütte fahren dürfen", sagt Ehemann Hartwig Kurth, der kräftig hilft, die Informationen zu verteilen.

"Tiefflüge passen nicht in die Region"

In die Trauer um den toten Piloten und die große Erleichterung, dass der Flugzeugabsturz in den Dörfern am Nordrand des Fleesensees keine zivilen Opfer forderte, mischen sich auch Forderungen nach einer Beschränkung oder gar einem Ende der Tiefflugübungen. "Wir wollen das Urlaubsland Nr. 1 sein. Da passen Tiefflüge in so einer Ferienregion nicht. Und auch viele Einwohner im Ort sind einfach genervt", sagt Bürgermeisterin Kurth. Sie fordert die Politik zum Handeln auf und steht damit nicht allein.

Birgit Kurth (Parteilos), Bürgermeisterin von Nossentiner Hütte, steht auf einer Wiese. Einer der Eurofighter ist knapp neben dem Dorf aufgeprallt.
Christophe Gateau/dpa

Birgit Kurth (Parteilos), Bürgermeisterin von Nossentiner Hütte, steht auf einer Wiese. Einer der Eurofighter ist knapp neben dem Dorf aufgeprallt.

 

Auch die Bürgermeisterin des benachbarten Ortes Silz, Almuth Köhler (CDU), und Norbert Möller (SPD), Bürgermeister im Heilbad Waren an der Müritz, sprechen sich für einen Verzicht auf militärische Übungstiefflüge in Urlauberregionen aus. "Man darf das gar nicht zu Ende denken, aber wir sind alle noch mal mit einem blauen Auge davongekommen", sagt Möller.

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Ihm sei klar, dass die Piloten irgendwo üben müssten. Man solle aber prüfen, ob gerade Tiefflüge über der Seenplatte mit Tausenden Touristen abgehalten werden müssten. Ein Bootstourist aus Nordrhein-Westfalen, der den Absturz vom Wasser aus erlebte, sagt jedoch: "Man möchte sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn die beiden Maschinen in einer dicht besiedelten Region wie dem Ruhrgebiet abgestürzt wären."

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Kurzmeldungen zum Thema

Kein Familientag

Nach dem Flugunfall von zwei Eurofightern in MV hat die Luftwaffe den Familientag beim Richthofengeschwader im ostfriesischen Wittmund abgesagt. Das sei aus Anteilnahme und Verbundenheit mit den Angehörigen des  tödlich verunglückten Kameraden geschehen, sagte ein Sprecher. Auf dem Stützpunkt in Wittmund sollte am Sonnabend die Gründung des Jagdgeschwaders 71 vor 60 Jahren gefeiert werden. Dabei waren auch Flugvorführungen von Eurofightern geplant.

Backhaus am Ex-Bunker

Militärischer Nachlass als Erlebnis: Umweltminister Till Backhaus hat gestern im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide zwei neue Umweltbildungsprojekte offiziell eröffnet. Der Park liegt nur wenige Kilometer von der Absturzstelle des einen der beiden Eurofighter am Ortsrand von Nossentiner Hütte entfernt. Die Ausstellung im und am Naturparkzentrum Karower Meiler war seit September 2018 modernisiert worden. Zudem entstand in der ehemaligen Munitionsbunkeranlage Bossow ein Naturerlebnispfad, der  die  Besucher über die Fledermäuse in den ehemaligen Bunkeranlagen informiert.

Empörung über Witz

Mit einem hämischen Tweet hat der AfD-Politiker Udo Hemmelgarn Kritik ausgelöst. „Jetzt haben wir noch ein taugliches Flugzeug! Das ,Gute’ daran ist, das es in der Zukunft keine weiteren Zusammenstösse in der Luft geben wird!“, schrieb der Bundestagsabgeordnete nach dem Unfall auf Twitter. Wenig später wurde der Tweet gelöscht. FDP-Fraktionsvize Alexander Graf Lambsdorff forderte ihn auf, sein Mandat niederzulegen: „Sie sind nicht würdig, über Einsätze unserer Soldaten abzustimmen.“  Auch private Twitter-Nutzer kritisierten den „Witz“.

Weiterlesen: AfD-Politiker nutzt Eurofighter-Absturz für Witz

Gerettet im Schleudersitz

Bei der Kollision der Kampfjets  haben beide Piloten  ihre Schleudersitze noch ausgelöst.  Schleudersitze wurden mit dem Aufkommen der ersten extrem schnellen Strahlflugzeuge entwickelt. Im Eurofighter sind nach Industrieangaben Mk16-Sitze des renommierten britischen Herstellers Martin Baker eingebaut, der mit seinen Produkten weltweit 93 Luftwaffen beliefert. Er gibt auf seiner Hompepage eine Bilanz von 7607 Menschen an, die durch seine Produkte gerettet wurden – der erste Pilot vor 70 Jahren. dpa

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