Von Samy Deluxe bis Donots : „Jamel rockt den Förster“: 1200 feiern gegen Neonazis

Einmal im Jahr kommen namhafte Rockbands in ein winziges Dorf im Nordwesten Mecklenburgs. 1200 Besucher strömen herbei, um gegen die rechtsextremen Nachbarn zu demonstrieren.

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24. August 2019, 12:15 Uhr

„Dieser Mittelfinger geht raus an die Nachbarschaft“, ruft Donots-Sänger Ingo Knollmann und die Hände von rund 1200 Zuschauern recken sich in den Himmel, dann stimmt die Rockband ihren nächsten Song an. „Die Nachbarschaft“, das sind eine Reihe Neonazis, die seit fast 20 Jahren im 40-Seelen-Örtchen Jamel bei Wismar (Landkreis Nordwestmecklenburg) leben.

Sven Krüger, ein bundesweit bekannter und vielfach vorbestrafter Rechtsextremist, gilt als so etwas wie deren Anführer. Auf seinem Grundstück weht vom Festivaleingang aus gut sichtbar eine schwarz-weiß-rote Fahne. Zwischen dem Konzertgelände und Krügers Grundstück steht die Polizei. Die Polizei geht einer Sprecherin zufolge davon aus, dass auf dem Grundstück des Rechtsextremisten Sven Krüger, um den herum sich die Szene des Ortes gruppiert, am Samstagabend wieder Neonazis zu einem „Grillen gegen Links“ zusammenkommen werden. 

Protest gegen Rechtsextremismus

Mit dem „Jamel rockt den Förster“ protestiert das Künstlerehepaar Birgit und Horst Lohmeyer gegen ihre Nachbarn - und dreht einmal im Jahr für zwei Tage die Macht- und Mehrheitsverhältnisse im Dorf um. 2004 zogen die beiden auf den alten Forsthof, auf dem heute das Festival stattfindet. Krüger und seine „Kameraden“ waren da schon da, die Anfeindungen ließen nicht lange auf sich warten. Ein trauriger Höhepunkt war das Jahr 2015, als bis heute unbekannt gebliebene Täter die Scheune der Lohmeyers bis auf die Grundmauern niederbrannten. „Es gibt einen Grund, warum das hier das wichtigste Festival ist: Eine No-Go-Area aufzubrechen, dafür braucht man einen geraden Rücken“, sagt Donots-Sänger Knollmann auf der Bühne.

Donots-Sänger Ingo Knollmann
Sarah Albrecht

Donots-Sänger Ingo Knollmann

 

„Gut, dass Leute aus der ganzen Republik da sind, Künstler und Ehrenamtliche und endlich die Schnauze aufmachen - das geht nur gemeinsam.“ Nach dem Brand damals kamen Die Toten Hosen zum Überraschungsbesuch, seitdem trat eine große Band nach der anderen auf, darunter Die Ärzte, Marteria, Beatsteaks und im vorigen Jahr Herbert Grönemeyer.

Künstler bis zum Auftritt geheim

Damit das ehrenamtlich organisierte „Forstrock“ davon nicht überrollt wird, bleiben die Bands bis zum Auftritt geheim. Trotzdem waren die Tickets für dieses Jahr schon im November ausverkauft, sagen die Lohmeyers. Neben den Donots spielen am Freitag die Elektropop-Band Großstadtgeflüster, die Rapper Max Herre und Megaloh und schließlich Samy Deluxe.

Samy Deluxe in Jameln
Sarah Albrecht

Samy Deluxe in Jameln

Tagsüber können sich die nach Veranstalterangaben rund 1200 Gäste an Infoständen zum Beispiel über Demokratieprojekte im ländlichen Raum, Seenotrettung im Mittelmeer oder antirassistische Initiativen informieren oder an Workshops teilnehmen. Auch Gewerkschaften und die Forstverwaltung des Landes sind vertreten - ihre Mitarbeiter grillen Wildwurst. Zudem spielen kleinere Bands, bis am Abend „die Großen“ übernehmen.

Demokratieaktie für die Lohmeyers

Zur Eröffnung am Freitag überreichte DGB-Chef Reiner Hoffmann den Lohmeyers eine Demokratieaktie im Wert von 5000 Euro. „Ich bin davon überzeugt, sie ist gut angelegt“, sagte Hoffmann. Die Demokratieaktie ist eine Initiative, die sich seit 2008 für ein demokratisches, freiheitliches und weltoffenes Mecklenburg-Vorpommern stark macht. „Forstrock“-Schirmherrin und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), sagte: „Wir sagen Horst und Birgit Danke, weil sie nicht nur an diesem wunderbaren Tag, sondern an 365 Tagen im Jahr Flagge zeigen gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Sie sind unsere Vorbilder, solche Leute brauchen wir.“

Politische Zerissenheit in der Gemeindevertretung

Das sehen offensichtlich nicht alle so. In der Gemeindevertretung von Gägelow, zu dem Jamel gehört, sitzt seit der Kommunalwahl im Mai auch Sven Krüger für eine rechte Wählergemeinschaft. Mit 281 Stimmen zog er in das Gremium ein, nur die lokale Politprominenz - Linken-Landtagsfraktionschefin Simone Oldenburg - erhielt mehr Stimmen.

Birgit Lohmeyer hatte sich für die SPD zur Wahl gestellt und scheiterte mit 37 Stimmen deutlich. „In wie vielen Köpfen hier rechtsextreme Straftäter als normale Menschen verankert sind, das hatte ich in der hohen Anzahl nicht erwartet“, hatte sie vor dem Festival gesagt. Der neue Bürgermeister Friedel Helms-Ferlemann (CDU) kam am Freitag zu Besuch. Er kündigte bereits an, einige Dinge anders machen zu wollen als sein Vorgänger, der immer wieder für einen zu laschen Umgang mit den Rechtsextremisten kritisiert worden war.

Eine Wiese in Jamels Dorfmitte war 2018 für 65 Euro im Jahr an einen der Neonazis verpachtet worden. Das kommunale Grasland diente unter anderem der Polizei als Abstellfläche für ihre Kontrollen, wenn auf dem Grundstück Krügers Neonazis feierten. Nachdem die Verpachtung öffentlich wurde, beschäftigte sich die alte Gemeindevertretung mit dem Fall - und bestätigte den Vertrag mit deutlicher Mehrheit.

Helms-Ferlemann will den Pachtvertrag nun prüfen und kündigen lassen, sagt er. Doch am Ende müssten wieder die Gemeindeverterter entscheiden.

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