Talent aus Ueckermünde : Abkehr vom Eitelkeiten-Jahrmarkt

Schriftsteller Uwe Saeger  sieht den Literaturbetrieb eher mit großer Skepsis.
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Schriftsteller Uwe Saeger sieht den Literaturbetrieb eher mit großer Skepsis.

Uwe Saeger ignorierte einst den Rat eines Verlages, Lehrer zu werden und blieb bei der Schriftstellerei – eine gute Entscheidung

nnn.de von
03. Januar 2018, 12:00 Uhr

Der Schriftsteller Uwe Saeger kehrt sein Inneres nach außen. Dabei weiß er, er sollte das nicht tun. Denn: „Der Autor ist sein Text, er selbst sollte verborgen bleiben“, sagt Saeger während einer Lesung in Ueckermünde aus seinem Band „Melzervariationen“. „Ich bin es hier nicht. Ich bin Melzer“, bestätigt er, nachdem er aus zwei Erzählungen über den „halbwegs gescheiterten“ Schriftsteller Frieder Melzer gelesen hat und der Zuhörer dazu neigt, diesen Typen eher nicht kennenlernen zu wollen.

Saeger dagegen kommt sympathisch daher. Schlank und trotz seines Alters noch etwas jungenhaft, das wellige Haar mit der 70er-Jahre-Frisur ergraut. Mit verblüffender Offenheit redet er über seine Dunkeljahre, seine Lügen, seine Trinkerkarriere, seine Niederlagen. Dabei war er noch keine 40 Jahre alt, als er, der in der DDR blieb, 1987 in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. 1993 folgte der Grimme-Preis für Fernsehsendungen. Heute feiert Saeger, der in Ueckermünde unweit seines jetzigen Wohnorts geboren wurde, seinen 70. Geburtstag.

An seinem 27. Geburtstag, so erinnert er sich, hat ihm der Aufbau-Verlag Berlin alle seine Manuskripte zurückgegeben und ihm geraten: „Versuchen Sie, ein erträglicher Lehrer zu werden.“ Lehrer – das war sein Beruf. Er hasst es, wenn Gleichaltrige und vermeintlich Gleichgesinnte Nähe herstellen wollen als „wir 68er“. „Ich bin kein 68er“, sagt er. „Ich war 1968 20 Jahre alt und habe in Greifswald studiert.“ Die Betonung liegt auf Greifswald.

Saeger blieb nicht lange im Schuldienst. Er schrieb, seit jeher ausschließlich per Hand mit Kugelschreiber: Theaterstücke, Drehbücher, darunter einen „Tatort“, vor allem aber Bücher wie „Nöhr“ (1980), „Warten auf Schnee“ (1981), „Das Überschreiten einer Grenze bei Nacht“ (1988), „Landschaft mit Dornen“ (1993), „Laokoons Traum“ (2002), „Ebeil“ (2010), „Faust Junior“ (2013).

„Ich hatte etwa  20 Verlage“, sagt er. Sein Alkoholkonsum machte ihm das berufliche Fortkommen nicht leichter. Er erinnert sich an eine Lesung bei Hinstorff in Rostock, einem renommierten DDR-Verlag. Er war betrunken. Franz Fühmann habe ihn beiseite genommen und ihm eingebleut, er müsse wenigstens das Lesen üben. Er tat es.

Im November 1987, nach dem Bachmann-Preis, kam der Piper-Verlag auf ihn zu. Er sei wieder nicht nüchtern gewesen und habe den Verlagsvertretern gesagt: „Ihr bestimmt doch nicht, was Literatur ist.“ „Doch, das tun wir“, war die Antwort. Klatsch. Saeger akzeptiert mittlerweile häufig achselzuckend, was Verlage wollen. Nur eines nicht: Buchmessen. „Ich möchte nie wieder zu einer Messe fahren, ich habe mich da von Anfang an deplatziert gefühlt“, sagt er und schiebt nach: „Auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten.“

Aus Anlass von Saegers Jubiläum veranstaltet das Literaturzentrum Neubrandenburg im Januar eine Feier. Saeger würde sich gerne drücken, aber das geht nicht. Er übergibt dem Literaturzen-trum seinen sogenannten Vorlass. Zu den Beständen des Archivs gehören unter anderem die literarischen Nachlässe von Hans Fallada, Brigitte Reimann und Helmut Sakowski.

Geschäftsführerin Erika Becker listet auf: „Das Archiv Uwe Saegers hat einen Umfang von circa 30 000 Blatt und enthält Handschriften und Bearbeitungen sowie verschiedene Fassungen seiner literarischen Texte.“ Dazu zählen unter anderem Novellen, Erzählungen, Kurzprosa, Theater-, Hörspiel- und Filmtexte sowie Briefwechsel etwa mit Verlagen, Institutionen und Schriftstellerkollegen, außerdem Reden, Essays, Tagebücher, Rezensionen. Den Ankauf haben die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Sparkasse Neubrandenburg ermöglicht.

Mit Uwe Saeger kommt Becker zufolge ein Autor ins Archiv, der in die DDR hineingeboren wurde und dessen Sicht auf die Gesellschaft sich von der vorhergehenden Generationen deutlich absetzt. „Er hat früh und illusionslos die realen DDR-Verhältnisse hinterfragt und die Beschädigungen des Individuums in dieser Gesellschaft deutlich gemacht“, erläutert sie. Seine Werke zeugten von erzählerischer Modernität und moralischer Rigorosität und verwiesen schonungslos auf existenzielle Probleme menschlichen Seins.

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