30 Jahre MV : Das Westauto-Würstchen-Wunder

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So alt wie MV – die Spedition Wernicke fing mit einem schrottreifen Mazda an und zum 30. Firmenjubiläum bremst Corona fast 40 Riesenlaster

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25. März 2020, 05:00 Uhr

„Sie verlassen mit diesem kapitalistischen Auto sofort das Betriebsgelände!“ Mit diesem Satz beginnt eine außergewöhnliche Unternehmerkarriere. Das kapitalistische Auto ist ein Mazda 626, der auf dem Weg zum Schrottplatz noch für ein Jahr in die DDR abbiegt. Hinterm Lenkrad der verrosteten Karre sitzt Dirk Wernicke. Heute rollt der Schriftzug „Wernicke“ auf dutzenden 40-Tonnern über unsere Straßen und Autobahnen – wenn Corona sie nicht bremst.

9. November 1989, 22.30 Uhr. Der Grenzer schaut ungläubig auf die Personalausweise. Dirk Wernicke und sein Kumpel sind die ersten, die nach Lübeck wollen. „Wir haben im Schweriner Achteck gefeiert. Und als überall getuschelt wurde ‚Die Grenze ist auf‘, bin ich nach Hause getobt, Perso geholt, Stulle geschmiert und mit dem Trabi nach Lübeck“, erinnert sich der heute 50-Jährige. Doch Schabowskis Mauerfall-Pressekonferenz überfordert an diesem Abend so manchen Grenzposten. Der Uniformierte verschwindet mit den Ausweisen. Warten? Oder Abhauen? Die Minuten fühlen sich an wie Stunden. Dann werden die beiden einfach durchgewunken.

Weit kommen die Schweriner nicht. Schon der McDonalds gleich hinterm Schlagbaum wird zur Endstation West. Die Gäste dort starren sie an wie Marsmännchen. Dann fallen alle Hemmungen.

„Die haben uns eingeladen und sind mit ihren Burgern wie die Verrückten durch meinen Trabi geklettert.“ Wernickes Augen leuchten. Und obwohl die Stulle von Zuhause nicht mal angebissen wird, geht’s satt und glücklich zurück in die DDR.

Dort ist nichts mehr wie es war. Am nächsten Wochenende tuckert der gletscherblaue Trabi zur Verwandtschaft nach Ahrensburg bei Hamburg. Zurück geht’s im „kapitalistischen“ Mazda 626, der eigentlich verschrottet werden soll. Als Wernickes Chef bei der Schweriner Baustoffversorgung am nächsten Morgen die silberne Rostlaube entdeckt, sieht er rot. Der „Klassenfeind“ im volkseigenen Betrieb! Erst fliegen Worte, dann Türen. Dirk Wernicke dreht sich um und kehrt nicht mehr zurück.

Ein Parkplatz als Goldgrube

Nun sitzt der gelernte Wirtschaftskaufmann zwar im Westauto, steht aber vor dem Nichts. Warum hat er nicht doch studiert mit seinem 1,0-Durchschnitt? „Ich habe die Tage in der Schule gezählt. Ich wollte arbeiten, Geld verdienen, fertig“ blickt Dirk Wernicke zurück. Doch jetzt kommt es ganz dicke: Die DDR fordert noch 7000 Mark Einfuhrzoll für den klapprigen Mazda. Ein Wunder muss her.

Die schnelle Lösung: Klapptisch, Gaskocher und Würstchen aus dem Konsum. Als auch die Westdeutschen im Dezember endlich ohne Visa und Zwangsumtausch in den Osten strömen, empfängt sie Dirk Wernicke vor den Toren der Bezirksstadt auf einem Parkplatz. Mit Kaffee und Würstchen für eine DDR-Mark. „Natürlich haben die großzügig mit Westgeld bezahlt. Ich glaube, so viel wie an den zwei Wochenenden habe ich nie wieder verdient.“ Dank Wechselkurs reicht es für den Mazda-Zoll.

Vor ein paar Tagen fuhren die 40-Tonner noch reihenweise vom Hof. Wie es jetzt mit seiner Spedition weitergeht, weiß Dirk Wernicke noch nicht.
Volker Bohlmann
Vor ein paar Tagen fuhren die 40-Tonner noch reihenweise vom Hof. Wie es jetzt mit seiner Spedition weitergeht, weiß Dirk Wernicke noch nicht.
 

Von nun an holt er nachts Zeitungen und bunte Blättchen aus Hamburg. Als er hört, dass DDR-Unternehmer Westautos nicht verzollen müssen, zahlt er am 1. April 30 Mark Gebühr für einen Gewerbeschein, holt sich seine 7000 Ostmark zurück – und ist mit 19 Jahren der jüngste Unternehmer der Stadt.

Als sich im Oktober 1990 der Landtag konstituiert, Schwerin zur kleinen Hauptstadt wird, reicht der Mazda längst nicht mehr. In Ratzeburg kauft Wernicke mit einem Packen D-Mark einen alten Ford Transit. Der erste Fahrer wird eingestellt – und bleibt 29 Jahre. Zeitungen, Leute, Baustoffe, alles wird jetzt durch die Gegend kutschiert. Die Badewannen für den fünften Stock auf dem Schweriner Großen Dreesch spürt Wernicke noch heute im Rücken.

Als ein Hamburger Verlag 1993 seinen Fuhrpark abstößt, beweist der Kleinunternehmer Mut: neue Fahrzeuge, neue Fahrer. Die Spedition in Leezen wächst. Im Sommer 1997 sitzt der Chef in einem der zehn Wernicke-Laster, die beim Oder-Hochwasser Hilfsgüter nach Polen bringen.

Der Moment, um alles hinzuschmeißen

Im Jahr 2000 wird ein Gebäudekomplex mit Lagerhalle in Schwerin Süd frei, Wernickes Lkw rollen nun dort vom Hof. Als sich Mecklenburg-Vorpommern 2004 den Werbespruch „MV tut gut“ verpasst, glaubt auch der Spediteur, es in seiner Heimat endlich geschafft zu haben. Nur vier Jahre später steht er kurz davor, alles hinzuschmeißen.

„Die Wirtschaftskrise 2008 war wirklich heftig. Meine Branche spürt ja sofort, wenn es bergab geht. Der Preisdruck war eigentlich wirtschaftlicher Selbstmord, Kurzarbeit unvermeidlich. Ich musste mehrere Lkw stilllegen, acht Leute entlassen“, blickt der Spediteur kopfschüttelnd zurück. Alle acht werden später wieder eingestellt.

Dieter Bohlen, leere Laster und alte Scheiben

Vielleicht liegt hier das Erfolgsrezept des Unternehmers Wernicke – Verlässlichkeit. Die Firma entwickelt sich Schritt für Schritt, die Mitarbeiter sind im Durchschnitt länger als zehn Jahre hier und die meisten Großkunden langjährige Partner. Im Raucherraum erzählen Fotos von Betriebsfeiern, die eher wie Familienfeste wirken. Und: Am Wochenende wird nicht gearbeitet; das ist in dieser Branche ein Luxus.

Der Firmenchef trennt sich nicht gern von etwas. Auf einem meterlangen Regal türmen sich tausende alte Scheiben von Fahrtenschreibern. Die sind seit mindestens 14 Jahren außer Dienst. Sie wirken wie ein verstaubtes Kunstwerk. Im Büro hängt ein „Danke Dirk“-Plakat“ der Mecklenburger Handball-Stiere. Wernicke marschiert als Sponsor seit 20 Jahren den Weg durch alle Ligen mit, jubelt und leidet bei den Spielen.

Auf der Heimfahrt dröhnt Modern Talking aus dem Autoradio. Der Schweriner ist selbst sechs Jahre an einem Tonstudio in Hamburg beteiligt. Er lernt Dieter Bohlen kennen und Thomas Anders von Modern Talking singt sogar auf seinem 25. Firmenjubiläum.

Viel lieber würde Dirk Wernicke jetzt über Musik reden. Aber es geht um Biodiesel, Lkw-Maut, fehlende Arbeitskräfte und am Ende nur noch um Corona. Beim Thema Wirtschaftspolitik winkt Wernicke ab. „Uns fehlt hier das produzierende Gewerbe. Dazu die weiten Strecken. Wenn wir östlich der A 19 unterwegs sind, fahren die Wagen meist leer zurück.“ Dennoch müssen ständig neue Aufträge her.

Verantwortung wiegt mehr als ein 40-Tonner

In normalen Zeiten würde Dirk Wernickes Firma in einer Woche 30-jähriges Jubiläum feiern. Zieht der Chef auch in Corona-Zeiten noch eine zufriedene Bilanz? „Nee, nochmal würde ich den Wahnsinn nicht machen. Da werde ich lieber Straßenbahnfahrer.“ Das sagt ein erfolgreicher Spediteur, der noch vor kurzem auf der Liste zum Unternehmer des Jahres stand?! 70 Mitarbeiter, 38 Riesenlaster, Lagerhallen auf 3600 beheizbaren Quadratmetern, meist voll bis unters Dach…

Doch Erfolg frisst Zeit und Kraft. Manchmal sogar das Privatleben. Dirk Wernicke weiß genau, dass Verantwortung mehr wiegt als seine 40-Tonner. Täglich die Frage, wie hältst du den Laden am Laufen? „Ich zahle faire Löhne, aber finde trotzdem keine Fahrer. Guck dir doch die Lkw auf den Autobahnen an. Dänische gibt’s schon gar nicht mehr, dafür litauische, rumänische… Da fahren Jungs für 500 Euro im Monat. Das darf nicht sein. In ein paar Jahren siehst du vielleicht keinen deutschen Laster mehr auf der Straße. Und seit Corona weiß ja gar keiner mehr, wie und ob es weitergeht.“

Obwohl es in ihm brodelt, spricht Dirk Wernicke ruhig und leise. Dass Polen die Grenze dicht gemacht hat, trifft ihn hart. Schließlich warten auf dem Mitarbeiterparkplatz viele polnische Kennzeichen. Doch fast alle Polen erscheinen am Montag zur Arbeit. Nur zwei Lagerarbeiterinnen müssen ihre Kinder betreuen, keiner meldet sich krank. Darum bleiben zunächst nur drei bis fünf Lkw am Tag stehen.

Trotzdem beantragt der Firmenchef Kurzarbeit. „Was passiert, wenn die polnischen Fahrer wieder bei ihren Familien sind. Das bedeutet für sie zwei Wochen Quarantäne. Dann wird es eng. Und was ist, wenn jetzt auch noch die Baumärkte schließen? Dann fallen ganz wichtige Aufträge weg.“

Seit Dienstag sind auch die Baumärkte dicht. Dirk Wernicke hofft, dass das 30. Firmenjubiläum am 1. April nicht das letzte sein wird.

 

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