Viel Ärger in Horst : Ein Einsatz pro Tag

Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Norstorf/Horst hat rund 600 Plätze.
Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Norstorf/Horst hat rund 600 Plätze.

Die Polizei rückt häufig ins Flüchtlingsheim Nostorf/Horst aus. Doch auch mehr Beamte vor Ort wären keine Lösung.

von
07. Juni 2017, 20:50 Uhr

Der Streit brach im Küchentrakt aus: Die Streithähne lieferten sich zunächst ein Wortgefecht. Dann griff der Mann aus Mauretanien nach einer Schüssel und schleuderte sie der Frau aus dem Senegal entgegen. „Auslöser für den Streit waren Unstimmigkeiten über den Küchendienst“, weiß Polizeisprecher Klaus Wiechmann über den Vorfall in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Nostorf/ Horst.

Der Schüsselwurf vor knapp einer Woche war der jüngste Einsatz der Beamten in Nostorf/Horst. Die Polizei wird im Durchschnitt fast täglich in die Einrichtung gerufen. In den ersten vier Monaten des Jahres listete das Innenministerium bereits 127 Einsätze in der Flüchtlingsunterkunft auf. „Die vielen Einsätze sind eine Belastung“, räumt der Leiter der zuständigen Polizeiinspektion in Ludwigslust, Hans-Peter Günzel, ein. „Die Aufnahmeeinrichtung ist aber kein Kriminalitätsschwerpunkt.“ Wer einen Blick in die Einsatzberichte wirft, wird häufiger auf Vorfälle wie die Schüsselattacke stoßen und selten auf schwere Verbrechen. Einen Tag vor dem Küchenkrach rückten die Beamten nach Nostorf/Horst aus, weil dort ein Splint an einem Fahrradsattel fehlte und als gestohlen gemeldet wurde. Auch ein herrenloser Plastikbeutel mit einer Wasserpfeife beschäftigte die Beamten bereits. Dazu kommen Konflikte unter Asylbewerbern und vereinzelt Streitigkeiten mit dem Personal.

Knapp 400 Männer, Frauen und Kinder sind nach Angaben des Polizeidirektors derzeit in der ehemaligen Kaserne untergebracht. Die Bewohner kommen aus dem Irak, der Ukraine, Marokko, Ägypten und Afghanistan. Sie können sich untereinander nicht verständigen und gehören verschiedenen Kulturkreisen und Religionen an. „Das birgt Konflikte“, sagt Günzel. Auch die fehlende Aussicht auf Asyl sowie Monotonie und Langeweile in der Unterkunft führten zu Spannungen unter den Bewohnern. „Nichtigkeiten wie zu laute Musik oder ein Problem bei der Essensausgabe können dann schnell zu einem Streit oder einem Handgemenge führen“, sagt der Polizeidirektor.

Zu einem der schwersten Vorfälle rückten die Ordnungshüter im April mit einem Großangebot an, als sich bei einer nächtlichen Auseinandersetzung 15 bis 20 Personen gegenüberstanden. Ein Flüchtling hatte einen anderen Bewohner mit einer Glasscherbe angegriffen. 30 Beamte aus MV, Schleswig-Holstein und Niedersachsen konnten den Massenauflauf friedlich beenden. „Vorfälle in diesen Dimensionen sind zum Glück selten“, sagt Polizeidirektor Günzel. Eine höhere Polizeipräsenz vor Ort ist aus seiner Sicht deshalb nicht erforderlich. Die Situation in Nostorf/Horst könnte aus Sicht des Landesflüchtlingsrates eher mit mehr Sozialarbeitern entspannt werden. „Das Gefühl der Unsicherheit ist für viele Flüchtlinge sehr belastend“, erklärt die Vorsitzende Ulrike Seemann-Katz. Der Stress könne Aggressionen auslösen und zu Suizidversuchen führen. Auf der nächsten Gesprächsrunde mit dem Innenministerium soll Nostorf/Horst deshalb noch einmal auf die Tagesordnung.

Liebe Leserinnen und Leser,
im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserer Webseite haben wir unter diesem Text die Kommentarfunktion deaktiviert. Leider erreichen uns zu diesem Thema so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Kommentare, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Wir bitten um Verständnis.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert