Schichtdienst auf den Schienen : Ein Leben wie Jim Knopf

´Auf einer Streckenlänger von insgesamt 1200 Kilometer ist die Odeg unterwegs.  Fotos: Lisa Kleinpeter
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´Auf einer Streckenlänger von insgesamt 1200 Kilometer ist die Odeg unterwegs. Fotos: Lisa Kleinpeter

Kaum noch jemand will Lokführer werden – für Jörg Dingler ist es ein Traumberuf

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12. Februar 2018, 11:50 Uhr

Langsam setzt sich die Odeg in Bewegung. Pünktlich um 6.40 Uhr rollt die grün-gelbe Bahn aus dem Schweriner Hauptbahnhof in Richtung Rehna. Vor ihr leuchten die Schienen im Schein des Vollmonds. Links und rechts des Führerstands verwischen die Lichter der Stadt zu langen Linien, bevor die Dunkelheit den Wagen verschluckt. „Ich glaube, die jungen Leute wollen alle keinen Schichtdienst mehr machen oder am Wochenende arbeiten“, meint Jörg Dingler. Seit zehn Jahren fährt der 46-Jährige für die Ostdeutsche Eisenbahn Gesellschaft (Odeg). Mittlerweile ist er auch als Ausbilder tätig. Die Arbeit mache Spaß, sagt er. „Doch momentan haben wir nicht genug Fahrer.“

Einmal wie Jim Knopf und Lukas mit der Lokomotive Emma das Lummerland verlassen und in die weite Welt aufbrechen. Für viele Kinder war das lange ein Traum. Lokführer zu sein, der Berufswunsch. Doch es hat sich ausgeträumt. Auf den Schienen arbeiten, will heute kaum noch jemand. Deutschlandweit fehlen mehr als 1200 Lokführer, klagte Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) kürzlich. Immer wieder fielen deshalb Züge aus. „Oft wird der Mangel auch durch Überstunden ausgeglichen“, sagt Weselsky.

Seit 5.25 Uhr ist Dingler mit dem Regioshuttle RS1 unterwegs. Mit an Bord: der Auszubildende Frank Hofmann. Der 31-Jährige ist in seine Unterlagen vertieft. „Es ist so viel zu lernen“, sagt er. Heute muss er erst später die Steuerung übernehmen. Parchim – Rehna – Parchim – Hagenow und wieder Parchim stehen heute auf der Fahrtenliste von Dingler und Hofmann. Zwei Motoren, 700 PS, ein strenger Zeitplan und Platz für 177 Menschen. Viele Pendler nutzen morgens die Verbindung auf dem Weg zur Arbeit. Dingler sitzt im Führerstand wie in einem Cockpit. Überall blinken Lichter, leuchten Knöpfe. Der 46-Jährige betätigt Schalter und Hebel. Alle 30 Sekunden muss er mit dem Fuß ein Pedal unter dem Pult treten. So signalisiert er dem Bordsystem, dass er wach ist. Sollte er das nicht tun, wird nach kurzer Zeit automatisch eine Notbremsung eingeleitet. „Die Azubis sitzen am Anfang immer so da: ...“, sagt Dingler und wippt mit seinem Fuß in der Luft auf und ab, als tippe er den Takt zu einem schnellen Lied. „Das Treten hat man schnell drauf. Aber die Ausbildung ist nicht einfach. Man muss richtig lernen dafür.“

Dingler selbst kam als Quereinsteiger zur Odeg. Vorher war er im Landschaftsbau tätig, fuhr dort auch Lkw. Als ein Freund ihm von der Möglichkeit zur Umschulung zum Triebfahrzeugführer erzählte, überlegte er nicht lange. „Das war die beste Entscheidung“, meint der Mecklenburger. „Dass ich mal Triebfahrzeugführer werde, habe ich mir nicht träumen lassen. Aber ich habe mich schon immer sehr für die Technik interessiert. Die Arbeit macht Spaß. “

In zehn bis 15-monatigen Qualifikationen bereitet die Odeg Quereinsteiger auf den Beruf vor, teilt Unternehmenssprecherin Katharina Hoffmann mit. „Am Markt sind Triebfahrzeugführer rar. Schicht- und Wochenendarbeit machen den Beruf wenig attraktiv. Die Konkurrenz aus dem Verwaltungs- und Dienstleistungssektor ist groß.“ Deshalb sei die regelmäßige Ausbildung notwendig, so Hoffmann. Derzeit schule das Parchimer Unternehmen 30 Teilnehmer zum Triebfahrzeugführer bei der Odeg um. Noch einmal 65 Teilnehmer werden hier für andere Eisenbahnunternehmen wie Vlexx und Agilis ausgebildet.

Nächste Haltestelle Gadebusch. Inzwischen liegen Schwerin, Groß Brütz und Lützow hinter der Odeg. „Ich mag es nicht, wenn man Bummelbahn sagt“, meint Dingler. „Das ist viel Verantwortung.“ Auf dem Teilabschnitt fährt der Wagen mit 100 Stundenkilometer durch die Landschaft. Selbst bei einer Vollbremsung bräuchte der Dieseltriebwagen bis zu 100 Meter, um zum Stehen zu kommen. Bei Glätte und Nässe noch mehr. Auf der Strecke durch Westmecklenburg gibt es viele unbeschrankte Bahnübergänge. Hier warnt nur ein Andreaskreuz Fußgänger und Autofahrer vor herannahenden Zügen.

Immer kurz vor so einem Übergang muss Dingler ein akustisches Signal abgeben. So genannte Pfeifftafeln am Rande der Schienen mit einem großen „P“ darauf erinnern ihn daran. „Man braucht eine gute Streckenkenntnis und gute Augen“, meint Dingler, als er den Knopf drückt. Bei Nebel oder Regen ist die Strecke schlecht einsehbar. Ein kurzes Hupen ertönt. Nicht immer reicht das.

Erst im Januar wurde ein 18-jähriger Radfahrer auf einem unbeschrankten Bahnübergang in Neubrandenburg von einem Zug erfasst und getötet. Dingler selbst musste noch nichts dergleichen miterleben. Zum Glück, wie er betont: „Andere Kollegen haben so etwas schon mitgemacht“, sagt er. Die Sorge fährt mit. „Seit ich Triebfahrzeugführer bin, achte ich ganz anders auf Bahnübergänge. Auch wenn ich mit dem Auto unterwegs bin“, schildert er.

In der Theorie würden die angehenden Triebfahrzeugführer auf solche Situationen vorbereitet werden. Wenn zum Beispiel ein Baum oder auch ein Fahrzeug auf den Schienen liege, sollte man möglichst nach dem Einleiten der Notbremsung nach hinten in den Zug laufen, schildert Dingler. „Aber ob man das in so einer Situation kann?“

2016 starben laut der DB Netz AG 29 Menschen bei Unfällen an Bahnübergängen in Deutschland. 157 erlitten bei insgesamt 140 Unfällen teils schwere Verletzungen. Insgesamt geht die Zahl der Unglücke jedoch zurück. Das liegt auch daran, dass die Übergänge immer sicherer gestaltet werden.

7.37 Uhr. Ein goldener Schimmer am Horizont lässt Häuser und Dörfer erahnen. In fünf Minuten erreicht die Odeg Rehna. Pünktlich. „Dort ist nicht viel Zeit“, erklärt Jörg Dingler. Während die Passagiere aus- und einsteigen, muss er einmal durch den kompletten Zug laufen. Dann geht es wieder zurück Richtung Parchim. Zwei Motoren, 700 PS, ein strenger Zeitplan und Platz für 177 Menschen. Keine Bummelbahn.

Lokführermangel bei der Bahn

Die Deutsche Bahn will in diesem Jahr 19 000 neue Beschäftigte einstellen. „Darunter sind allein über 1000 Lokführer und Lokführer-Azubis“, sagt Bahn-Personalvorstand Martin Seiler. Darüber hinaus werden 4000 Auszubildende und dual Studierende gesucht.

Seiler begründete die Einstellungsoffensive mit dem Wachstum und digitalen Ausbau des Konzerns. Zudem gingen viele Mitarbeiter in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Bereits länger bekannt ist der Engpass bei Lokführern. Hier bemühen sich die Deutsche Bahn und auch ihre privaten Wettbewerber seit geraumer Zeit verstärkt um Nachwuchs. Trotz erster Erfolge bleibt es eng. Nach früheren Angaben der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) gibt es besonders im Güterverkehr große Probleme, wo Züge oft stehen blieben, weil schlichtweg der Lokführer fehlt. Gefahren würden die Güter dann erst, wenn wieder Personal verfügbar sei.

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