Sportfotograf : Ein Mecklenburger blitzt an der Piste

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Die Olympischen Winterspiele beginnen heute und Jens Büttner aus Pokrent bei Gadebusch schießt für unsere Zeitung Bilder von den Snowboard- und Freetyle-Akrobaten

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07. Februar 2014, 11:39 Uhr

Sorgsam zieht sich Jens Büttner seine Winterschuhe an und schnallt sich die Steigeisen unter die Sohlen. „Das ist ein Muss in Sotschi“, sagt der 47 Jahre alte Presse-Fotograf lachend. „Ich musste für die richtige Winterausrüstung ordentlich ein paar Outdoor-Läden abfahren, aber bei diesen kuriosen Anfragen haben die Verkäufer nur mit den Schultern gezuckt.“ Schließlich habe er sich Steigeisen im Internet bestellt.


Schon seit Anfang der Woche vor Ort


Von heute an steht der Mann aus Pokrent bei Gadebusch am Rande der Snowboard- und Freestyle-Skiing-Piste der Olympischen Spiele in Russland und schießt auch für unsere Zeitung Fotos von den Wettkämpfen. Seine ersten Schnappschüsse können schon bewundert werden. Die Olympischen Spiele beginnen zwar erst heute mit der Eröffnungsveranstaltung, doch er ist schon seit Anfang der Woche als Fotograf der Deutschen Presseagentur vor Ort.

In Sotschi arbeitet er im Auftrag der European Press Agency (Epa). Diese ist ein Zusammenschluss der nationalen Fotoagenturen in Europa, die ihre Produktionen austauschen. „So können wir gegenseitig auf das Material zugreifen“, erklärt Büttner. 40 dpa-Fotografen plus redaktionelle und technische Mitarbeiter sind in Sotschi im sprichwörtlichen Sinne am Start. „Die Techniker sind schon seit fast zwei Wochen hier, bauen alles auf und prüfen die Leitungen.“ Schließlich sollen die Bilder schnell bei den heimischen Redaktionen ankommen.


Durch die Formel 1 Sportfotograf


Vor knapp zwei Wochen hat Jens Büttner noch die Testläufe der Formel-1-Piloten in Spanien abgelichtet und heute ist er im Wintersport unterwegs. „Dies ist nun etwas ganz Neues für mich“, witzelt er. Bei der Formel 1 hat er seine Karriere als Sportfotograf auch begonnen – vor ungefähr acht Jahren. Dass er einmal bei Olympia landet, hätte er sich als Schüler nicht vorstellen können. Vor nunmehr 30 Jahren entdeckte er seine Liebe für den Fotojournalismus bei einem Praktikum als Fotograf bei einer Lokalzeitung in Thüringen. „Vor dem Studium habe ich dann ein Volontariat bei der Zentralbild-Redaktion von ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Anm. der Red.) in Berlin gemacht und bin dann zum Studieren nach Leipzig gegangen.“ Büttner absolvierte vier Semester im Direktstudium Journalismus an der Leipziger Uni. Weitere vier absolvierte er bei ADN Zentralbild. „Fotografie lernt man nicht im Hörsaal, sondern nur in der Praxis.“


Von der Großstadt aufs Dorf und zu Olympia


Nach der Neugründung der Bundesländer im Osten ging es für ihn von Berlin nach Mecklenburg-Vorpommern – in die Landeshauptstadt Schwerin. Später zog es ihn nach Pokrent. „Meine Frau und ich dachten uns, wenn schon Mecklenburg, dann ziehen wir auch aufs Dorf“, sagt er schmunzelnd in immer noch unüberhörbarem Thüringer Dialekt. Hier oben im Norden liebe er vor allem die Freiheit in seiner Arbeit. „Nur offizielle Pressetermine zu fotografieren, ist nicht mein Anliegen.“


Mit Handschuhen und Thermohosen


Den Ablauf bei Olympia kennt Jens Büttner durch seine Formel-1-Erfahrung. Neu ist im russischen Sotschi nur seine Bekleidung. Dieses Mal muss er sich warm anziehen – wortwörtlich.

Mit Handschuhen, Thermounterhosen, dicken Socken und beheizbaren Schuheinlegesohlen ist sein Koffer prall gefüllt – auch mit Extra-Akkus für die Einlegesohlen. „Eigentlich sollen die mit den Akkus sieben bis acht Stunden warm halten, aber ich traue dem Schnee und der Feuchtigkeit dort nicht und habe lieber ein paar eingepackt“, erzählt er. Er hat sich mit der Fotoausrüstung auf zwei Koffer für die Zeit bis zum 22. Februar beschränkt.

Wie es vor Ort aussieht, davon hat sich Büttner bereits im Dezember ein Bild gemacht. Schon vor zwei Monaten war er fünf Tage im damals noch im Bau befindlichen Olympiadorf. Dort musste er Bilder von den Sportstätten und Baustellen schießen. Büttner bekam aber auch viel von der Atmosphäre im Land mit. „Die Stimmung ist zweigeteilt.“ Sein Eindruck: Die Bürger bekommen wenig von Olympia mit, weil alles abgeriegelt sei. Funktionäre und Politiker hingegen waren schon damals in großer Zahl auf den Baustellen. „Schon da war das Polizeiaufgebot sehr hoch und selbst ich als Fotograf wurde ständig durchsucht.“

Das wird sich ab heute noch drastisch verschärfen. Besonders nach der Mitteilung der USA, dass Fluglinien bei Reisen nach Russland besonders auf Flüssigkeiten zu achten haben. „Ich denke, Sportler, Reporter und wir Fotografen fahren mit einer anderen Intention und Achtsamkeit dorthin als bei anderen Großveranstaltungen“, sagt Büttner.

Der Arbeitsplatz des dpa-Fotografen ist der „Rosa Chutor“-Free-Style- und Snowboard-Park. Der Park wurde extra auf dem schneesicheren Bergplateau Rosa Chutor errichtet. Die Höhendifferenz der Piste beträgt 1075 Meter und ergibt eine Abfahrtslänge von 3495 Metern. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei der Abfahrt bei mehr als 130 Kilometern pro Stunde. „Ich hoffe, dass ich bereits ein paar Bilder von den Trainingseinheiten machen kann. So bekomme ich mit, wer die Favoriten sind“, sagte er im Vorfeld. Er konnte, wie das Foto oben beweist. Bei Olympia fotografiert nicht jeder alles, sondern die Fotografen bekommen ihre Wettkämpfe zugewiesen.

Büttners Disziplinen sind selbst für einen Profi schwierig zu fotografieren. „Sowohl Snowboard als auch Freestyle-Skiing sind von schnellen Bewegungen und Richtungswechseln geprägt. Es wird gar nicht so einfach, Bilder zu machen.“


Arbeitsplatz unter Flutlicht


Ein Punkt bereitet ihm zudem Sorgen: „Da die Disziplinen vor allem in Amerika bekannt und beliebt sind, wurden die Wettkampfzeiten angepasst. Das heißt, die Vorrunden und Entscheidungen finden nachts gegen 23 Uhr in Sotschi statt, damit die Amerikaner am Tage zugucken können – das erschwert die Arbeit.“

Einen Sportler bei einem waghalsigen Sprung in die Luft vor dunklem Himmel zu fotografieren, sei nicht das beste Motiv, sagt Jens Büttner. „Außerdem sehen die Bilder bei Flutlicht nicht so gut aus.“ Auch deshalb sei er erleichtert, bereits beim Training vor Ort zu sein. „Da das am Tage ist, kann ich dabei gute Bilder schießen.“

Ein weiteres Problem des Profis: Es gibt an der Piste nur einen Punkt, an dem sich die Fotografen postieren dürften. „Da muss man sich ganz schön beeilen, um vom richtigen Schuss bei der Abfahrt, zum Zielort zu kommen, und auch dort noch ein gutes Foto zu schießen.“ Schließlich wollen die Zeitungen Bilder von jubelnden Siegern oder enttäuschten Sportlern genauso wie den Überschlag in der Luft. Bei den Wettkämpfen gibt es meist nur zwei Durchgänge – „und dabei das perfekte Bild zu machen, wird spannend“, so Büttner nachdenklich.

Persönlich findet er Snowboard- und das Freestyle-Skiing weniger interessant. „Sicherlich gucke ich im Fernsehen bei Großveranstaltungen auch rein, aber ich lasse das Programm nur nebenbei laufen.“ Lieber sieht sich der Olympiafotograf andere Sendungen an, denn mit Sport habe er genug in seinem Job zu tun. „Durch meinen Beruf achte ich bei den Übertragungen eher auf die technische Umsetzung.“


Unterstützung von zu Hause


Seine Tochter hingegen setzt sich sogar in den frühen Morgenstunden vor den Fernseher in Pokrent, allerdings, um ihren Papa zu sehen. „Dabei hatten wir mal ein witziges Erlebnis: Ich bin bei der Startaufstellung der Formel 1 durchs Bild gelaufen. Kurze Zeit später habe ich eine SMS von ihr bekommen, dass sie mich gesehen hat und stolz auf ihren Papa ist“, erzählt er lächelnd.

Bei den Olympischen Spielen werde dies nicht passieren, ist sich der Routinier sicher. Noch bis zum 22. Februar laufen die Wettkämpfe im Snowboard und Freestyle-Skiing. Seine Familie werde er versuchen mit Telefonaten und SMS auf dem Laufenden zu halten, verspricht Jens Büttner.

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