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„Don Quijote“ in Schwerin : Er will doch nur spielen

vom
Aus der Onlineredaktion

„Don Quijote“ als hintersinniges und vergnügliches Sommertheater im Hof des Schweriner E-Werks

von
erstellt am 19.Jun.2017 | 12:00 Uhr

Theater ist Spiel. Was auch sonst? Es kann aber genau das und noch viel mehr sein – wie am Freitagabend bei der stürmisch gefeierten Premiere des „Don Quijote“ im Hof des Schweriner E-Werks zu erleben war. Denn dieser Ritter samt Gefolge war, wenn auch am Ende arg zerzaust, so komisch, weise und selbstironisch, wie man selbst gern sein würde.

Wobei Spiel gleich in mehrfacher Hinsicht der Schlüssel zu dieser Inszenierung von Regisseurin Katja Wolff ist. Das Schauspielensemble um Jochen Fahr (Don Quijote) und Robert Höller (Sancho Pansa) erzählt uns einerseits die altbekannte Romangeschichte von Cervantes’ in einer Fassung des russischen Dichters Michail Bulgakow und zugleich, im augenzwinkernden Einverständnis mit dem Publikum, einen Schweriner „Quijote“ voller lokaler und aktueller Seitenhiebe („La Mancha first!“). Klassischer Text wird dabei immer wieder von Wortspielen und Witzchen („Rittersport“) unterlaufen, wie man sie nur deftigem Sommertheater verzeiht. Samt Schlagern, Sangria und pseudospanisch gelispeltem Dialekt.

Schon wenn sich Jochen Fahr gleich zu Beginn mit einem Laken aus dem ersten Stock des E-Werks in den Biergarten, der zugleich Zuschauerraum ist, abseilt, ritterliche Tugenden einfordert und aufbricht, die Schlossinsel und ein neues Goldenes Zeitalter zu erobern, wird der grundironische Gestus dieser Inszenerierung deutlich. He, damit das gleich klar ist, wir spielen hier doch nur – mit Quijote-Klischees und dem vermeintlichen Wahnsinn dieses herrlich ausgetickten Onkels „mit seinem Ritterkram“.

Da wird dann eine knatternde Schwalbe made in GDR zum Ross Rosinante, die resolute, schlechtgelaunte Kioskbetreiberin Aldonsa (Jennifel Sabel) zur angehimmelten Dulcinea und eine uniformierte Ordnungsamtstruppe zu finsteren Wegelagerern („Ihr bildungsfernen Parkwächter!“)

Weltliteratur aus Spanien im Geiste der italienischen Commedia dell’arte, zelebriert von sechs deutschen Schauspielern im Dienste eines seltsamen Ritters mit einer Suppenschüssel auf und verrückten Ideen im Kopf. Und Bühnenbild und Kostüme (Jan Freese, Heike Seidler) so fantasievoll und pragmatisch wie der Don.

Was Thomas Mann mit „großhumoristischem Stil“ beschrieb, hier wird es als lebendiges Theater Schau- und Lehrstück.

Das Geheimnis dieses Abends, der leider nur noch elfmal zu erleben sein wird, ist seine Vielschichtigkeit. Wer heiteres Volkstheater erwartet, wird nicht enttäuscht. Wer darüber hinaus über das urkindliche Wesen diesen Ritters sinnieren möchte, über Idealismus in nicht idealen Zeiten und die Macht von Träumen, kann nach diesen zwei Stunden rasanten Spiels nur beglückt aus dem Theater und um den Pfaffenteichtänzeln.

Weitere Vorstellungen am: 23., 24., 29. und 30. Juni sowie am 1., 2., 6., 7., 8. und 9. Juli um jeweils 20 Uhr auf dem E-Werk-Hof, Spieltordamm 1 in Schwerin

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