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Willpower Energy von Gensoric Rostock : Erdöl und Gas adé - Revolution beginnt im Keller

vom
Aus der Onlineredaktion

Das Rostocker Unternehmen Gensoric will mit seinem Willpower-Projekt eine neue Ära der Energiespeicherung einläuten. Das Konzept funktioniert

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erstellt am 03.Aug.2017 | 21:00 Uhr

An den Wänden hängen komplexe Zeichnungen und Grafiken. Auf den Flipcharts im Konferenzraum stehen chemische Gleichungen. Bunte Lichterketten leuchten den Weg durch den Flur, direkt in die Ideenschmiede des Rostocker Start-ups Gensoric. Dort, im Keller einer der imposanten Villen des Rostocker Bahnhofsviertels, bekommt Innovation ein Gesicht. Oder besser gesagt: viele Gesichter. Ein 17-köpfiges Team arbeitet rund um die Uhr daran, fossile Brennstoffe wie Erdöl und -gas überflüssig zu machen. Die Vision: vollständige Energieautarkie, losgelöst von großen Energiekonzernen und versiegenden Rohstoffen. Und der Schlüssel zum Erfolg? Der trägt die Aufschrift Methanol.

 

Seit der ersten Meldung über diese Weltneuheit aus Rostock (wir berichteten) häufen sich die Fragen nach der Funktion und der Rentabilität des Konzeptes. Um Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir der Firma Gensoric deshalb erneut einen Besuch abgestattet:

Das Willpower-System von Gensoric nutzt Wasser, Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der gewöhnlichen Umgebungsluft sowie grüne elektrische Energie, um Methanol zu erzeugen. Letzteres dient anschließend als Energiespeicher und kann langfristig abgerufen und als Kraftstoff in einem Mikro-Blockkraftheizwerk oder einer Brennstoffzelle genutzt werden – und zwar zum Beispiel in einem gut gedämmten Einfamilien-Passivhaus. Das dazugehörige Gerät sei jedenfalls klein genug, um problemlos untergebracht werden zu können, sagt Projektmanager Nils Methling. Auch Wohnquartiere oder Gewerbeflächen mit Solaranlagen auf dem Dach könnten auf diesem Weg versorgt werden.

Die elektrische Energie, die die Anlage benötigt, wird aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen, beispielsweise aus der Sonne mithilfe einer Photovoltaik-Anlage. Um das CO2 aus der Luft zu filtern, nutzen die Wissenschaftler die Skytree-Technologie. Diese wurde ursprünglich für die Europäische Raumfahrtbehörde entwickelt, um die Luft auf der Internationalen Raumstation zu reinigen. Erzeugt wird das Methanol mittels eines dreistufigen Prozesses in einem Enzym-Reaktor. Die Enzyme funktionieren dabei als biologische Katalysatoren. Sie werden direkt beheizt, sodass weniger Energie verbraucht und die Effizienz gesteigert wird. Damit sind sie das Herzstück der Willpower-Anlage.

Die Rostocker Wissenschaftler untersuchen derzeit, welches Enzym am besten für die Methanol-Produktion geeignet ist. „Enzyme haben unterschiedliche Eigenschaften, die unter bestimmten Bedingungen wie Temperatur entweder positiv oder negativ in ihrer Aktivität beeinflusst werden“, erklärt Gensoric-Sprecherin Uta Hermes. „Enzyme werden gezüchtet und können bestellt werden. Wir müssen das beste Preis-Leistungs-Angebot für unsere Anwendung finden – und dann wissen wir immer noch nicht, ob dieses Angebot auch für die industrielle Produktion geeignet ist.“ Die Enzyme in der Anlage müssen etwa zweimal im Jahr ausgetauscht werden. „Im Idealfall kann das der Endverbraucher selbst machen, ohne dass ein Techniker kommen muss. Die Enzyme soll er im Handel kaufen können“, beschreibt Hermes. Noch ist die Massenproduktion der Anlage Zukunftsmusik.

Dass das Prinzip allerdings funktioniert, zeigt ein erster Prototyp, der in Essen am Baldeneysee aufgestellt, aber in Rostock entwickelt wurde. Das Unternehmen Innogy, der grüne Ableger des Energieriesens RWE, hat die Anlage gekauft. Gensoric arbeitet nun an der Entwicklung weiterer Prototypen. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE hat in einer Untersuchung bestätigt, dass das System vollständig autark funktioniert und das Methanol in Wärme und elektrische Energie umgewandelt werden kann. Bisher wird das Willpower-Projekt unter anderem durch die EU mit 2,5 Millionen Euro gefördert. Die Technologie hat das 2009 gegründete Unternehmen bereits patentieren lassen. Gensoric kann die Energiewende maßgeblich mitgestalten. „Politik und Industrie müssen jedoch mitspielen“, sagt Nils Methling. Die Lage sei günstig, der Druck hinsichtlich des Diesel-Abgasskandals groß. Schließlich könne das System perspektivisch auch in der Automobilbranche Fuß fassen.

Das Methanol kann als Treibstoff funktionieren: In Südamerika wird es bereits zu 60 Prozent dem Kraftstoff beigesetzt. „In Deutschland sind es maximal zehn Prozent, bekannt als E10-Benzin“, sagt Christoph Herz, technischer Leiter bei Gensoric. „Erdöl und Erdgas werden irgendwann ausgehen und die Industrie muss umdenken. Für das Methanol müssen lediglich Schläuche ausgetauscht und die Motoren angepasst werden. Wenn es soweit ist, könnte jeder seine eigene Tankstelle zu Hause haben. Außerdem werden Strom- und Gasleitungen überflüssig.“ Die Gewinnung der Ressourcen für alternative Lithium- oder Platin-Batterien sei wenig umweltfreundlich und ist gleichzeitig mit Ressourcenraub im Ausland verbunden, das viel diskutierte Wasserstoff hingegen ist hochexplosiv. „Methanol ist auch leicht brennbar, muss aber – anders als Wasserstoff – nicht unter Druck gelagert werden. Methanol gast nicht und läuft auch nicht aus“, erklärt Herz und fasst damit die Vorteile der organischen Verbindung zusammen. Mit dem Willpower-System kann zu viel erzeugter Strom langfristig gespeichert werden. „Derzeit verkaufen wir im Sommer unseren Strom, um ihn im Winter zurückzukaufen. Das können wir in Zukunft unterbinden“, sagt Uta Hermes. „Methanol kann langfristig alle anderen Energiegewinn-Methoden ablösen.“

Doch bis es soweit ist und Partner gefunden werden, die an der Umsetzung interessiert sind, wird in dem Rostocker Keller weiter an der Innovation getüftelt. „Wir wollen das Entwicklungszentrum bleiben.“ Wie viel so eine Anlage am Ende kosten wird, vermag von Gensoric noch niemand zu sagen. „Uns ist aber bewusst, dass wir wettbewerbsfähig sein müssen, um am Markt bestehen zu können“, sagt Hermes.

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