Großveranstaltungen in MV : Feste in Gefahr

<p>Bis zu 70000 Besucher werden Ende Juni zur „Fusion“ erwartet. </p>

Bis zu 70000 Besucher werden Ende Juni zur „Fusion“ erwartet.

Steigende Sicherheitsauflagen und Gebühren setzen Festivalveranstalter unter Druck.

nnn.de von
13. Februar 2018, 15:00 Uhr

Entspannt  Party machen, Livemusik  genießen, oder im Riesenrad einen Blick auf die Stadt werfen: Großveranstaltungen im Freien gehören vom Frühling bis in den Herbst im Norden dazu. Doch immer öfter hört man auch Hilferufe von Organisatoren, müssen Feste pausieren. Gesetzliche Vorschriften und erhöhte Sicherheitsauflagen brächten die  Open-Air-Veranstaltungen in Gefahr, steigende Gebühren für Musikaufführungen müssten auf die Besucher umgelegt werden, die Preise ziehen an. In Schwerin zogen sich jüngst die Macher des Altstadtfestes aus Wirtschaftlichkeitsgründen zurück. Die Stadt ringt nun um ein kurzfristiges Konzept. Ausgang offen. In Wismar fällt nach 17 Jahren das beliebte Campus Open Air aus.  Fehlende Helfer, Lärmschutzauflagen machen einen Strich durch die Rechnung.  Statt unbeschwert die Feste zu feiern, wie sie fallen, fallen einige Publikumsmagneten aus. Können wir überhaupt noch  Festival? Wie bewerten die Veranstalter diese Entwicklung? Wir haben aus aktuellem Anlass  nachgefragt.

Gebührenberechnung absurd

Von Hürden möchten die Veranstalter des Indierock-Festivals Immergut bei Neustrelitz nicht reden, aber „Sorgen machen uns  die stark erhöhte Kosten, vor allem im Bereich der Künstler-Gagen. Das ist  auf eine enorm gestiegene Zahl an Musik-Festivals in ganz Europa zurückzuführen, die oftmals um die gleichen Künstler buhlen“, sagt Stefanie Rogoll vom Organisationsteam. Ein Ärgernis auch die stetig steigenden Gema-Gebühren. Nicht weil die Künstler nicht vernünftig verdienen sollen, sondern „weil sich die Gema-Gebühren am Gesamt-Umsatz berechnen, den man durch eine Veranstaltung erwirtschaftet, auch wenn ein Großteil eines Festivals wie Camping- und Parkplatz, Duschen, Shuttlezug zum See, Fußballturnier, usw. überhaupt nichts mit dem Festival zu tun haben, aber in die Berechnungsgrundlage einfließen.“ Man steuere gegen, versuche, durch ehrenamtliche Arbeit im Trägerverein Kosten zu sparen um somit das Immergut-Festival kostentechnisch abzusichern.

 

Campus bleibt erstmals leer

Der Stadt Wismar bricht in diesem Herbst mit dem Campus Open Air eine richtige Kernveranstaltung weg. Der Asta der Hochschule lockte in den vergangenen 17 Jahren bis zu 10 000 Besucher auf den Campus und mit Jennifer Rostock, TheBossHoss und Revolverheld die Großen der Branche in die Hansestadt. Doch dieses Jahr muss pausiert werden. „Was sich in der letzten Zeit verändert hat, sind die Rahmenbedingungen. Die Sicherheitsvorkehrungen verschärfen sich und wir geraten in die Fänge des Lärmschutzes. Das blockiert uns , weil wir keine Veranstaltungsprofis sind“, erklärt Asta-Vorsitzender Kevin Niemann. Lärmpegelmessungen ergaben, dass das Open Air die verbindliche Freizeitlärmrichtlinie nicht einhalten kann.  „Es scheitert nicht am Geld, um  die Auflagen zu halten, sondern  Wesentlichen an der Selbstorganisation, wir haben nicht genug Helfer , die uns bei der Vorbereitung helfen“, so Niemann.

 

„Wir lassen uns keine Angst machen“

An zwei Abenden schlängeln sich Anfang August insgesamt um die 16 000 Besucher durch den Ludwigsluster Schlossgarten, genießen Kleinkunst  von nationalen und internationalen Artisten, Magiern, Puppenspielern, Comedians.  Das Kleine Fest im großen Park gehört zu den Publikumsmagneten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. „Wir nehmen die Sicherheit unserer Besucher sehr ernst und haben für alle Veranstaltungen Sicherheitskonzepte, die in enger Abstimmung mit den jeweiligen Behörden erarbeitet und umgesetzt werden“, sagt  Ina Voigt, Pressechefin der Festspiele MV. Kleine Fest findet statt  und ist  absolut sicher. „Wir lassen uns auch keine Angst machen“, fügt Voigt  an.

Kosten für Sicherheit verfünffacht

Mit etwa einer Millionen Besucher wie in den Vorjahren rechnet man im August bei der Hanse Sail, bereits Ende Juni richtet Rostock den 38. Internationalen Hansetag aus. „Aus den Erfahrungen in anderen Städten gehen wir dabei von etwa 400 000 Besuchern aus, ganz genau kann man es bei einer Open Air-Veranstaltung im Vorhinein nie sagen“, so Annika Schmied von der Pressestelle des Organisationsbüros. Reibungslos stattfinden kann beides, denn „wir sind in Sachen Auflagen gut bewandert, haben für den Hansetag bereits 2015 die ersten Ämterrunden durchgeführt und alle Aspekte abgestimmt.“ Dass die Sicherheitsauflagen höher würden, sei aber kein neues Phänomen der letzten zwei drei Jahre sondern habe seine Wurzeln in der Loveparade-Katastrophe in Duisburg. „Die Kosten für Sicherheit haben sich seitdem etwas verfünffacht. Sie wird aufwendiger, hat aber ihre absolute Berechtigung“, sagt Schmied.

„Fusion“ überrannt vom Erfolg

Das Musikfestival Fusion auf dem Flugplatz in Lärz hat sich seit seinem Start 1997 zu einem wahren Hype entwickelt.   Im Jahr 2017 zogen die Macher vom Kulturkosmos e.V. die Reißleine, legten eine Kreativpause ein. An Auflagen habe es nicht gelegen, beteuert man, eher  bedroht der Erfolg die Authentizität. Ursprünglich war das Festival als Gegenentwurf zum Kommerz der Technowelle in den 90ern erstanden.  „Seit einigen Jahren sind wir aufgrund des immensen   Interesses   gezwungen,  die  Tickets  zu  limitieren. Das klingt nach einem Luxusproblem, bedroht  aber schlussendlich  die Zukunft der Fusion ernsthaft“, und auch Berichte über die Fusion würden dazu beitragen, das Bestreben dieser Regulierung der Besucherzahlen zu „konterkarieren“. Seit 2012 werden die Tickets nur nach einem Losverfahren verkauft, bei einem Preis von 120 Euro für vier Tage. Vom 27. Juni bis zum 1. Juli geht die Fusion wieder an den Start.

„Feste dürfen keine Festungen werden“

Volksfeste mit volksfesttypischen Preisen: Das könnte bald der Vergangenheit angehören, warnt der Chef des Deutschen Schaustellerbundes Albert Ritter. Würden  besonders die kleinen und mittelständischen Schaustellerbetriebe mit den Kosten für die Sicherheitsauflagen alleine gelassen, breche bald eine ganze Branche weg.  „Es wird auch für uns immer schwieriger wenn wir bei öffentlich bestellten Volksfesten sämtliche Sicherheitskosten  begleichen müssen“, sagt Ritter. Die Schausteller stünden vor der Wahl: Die Kosten auf die Besucher umlegen und riskieren, dass der Umsatz drastisch sinkt,  oder aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten die Veranstaltungen absagen. Nichts weniger als eine genaue Auslegung des §71 der Gewerbeordnung sei nötig, fordert der Schaustellerbund. Darin steht, zu welchen Zahlungen die Schausteller herangezogen werden können. „Darin geht es um übliche Dinge der Durchführung. Was mit §71 aber nicht begründet werden kann, sind die zusätzlichen Kosten, die nicht von der Veranstaltung selbst ausgehen, etwa die Kosten der Terrorgefahr. Wenn das Bundesinnenministerium Maßnahmen zur Terrorabwehr fordert, muss es einen staatlichen Topf geben, aus dem das bezahlt wird“, sagt Ritter. Der Schaustellerverband fordert ganzjährige Sicherheitsmaßnahmen in  Innenstadtbereichen. Der stationäre Handel solle bei deren Finanzierung stärker in  Pflicht genommen werden.  „Wir müssen eine wehrhafte Demokratie sein, aber wir können einerseits die Wehrhaftigkeit nicht nur die Schausteller bezahlen lassen, und andererseits dürfen die Feste nur zu Festungen werden“, so der Schaustellerpräsident.
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