Alte Wohnungsbaudarlehen : Kredit mit Ewiglaufzeit

99158799

Viele Baudarlehen des Landesförderinstituts aus den Jahren 1991 bis 2004 sind bis heute nur minimal getilgt

nnn.de von
14. Februar 2018, 05:00 Uhr

Geringe Abzahlungen und theoretische Laufzeiten bis zu 55 Jahre: Alte Wohnungsbaudarlehen des Landesförderinstituts entpuppen sich für manche Bauherren der ersten Stunde als die Dinosaurier in der Eigentumsbildung. Das Land MV hat mit einem Sonderprogramm von 1991 bis 2004 Wohneigentum gefördert und für den Neubau von etwa 20 800 Einheiten 1,5 Milliarden Euro sowie 64,8 Millionen kleinerer Aufwendungsdarlehen ausgegeben. Bis 1994 über das Landesbauförderungsamt (LBFA), ab 1994 verwaltet das Landesförderinstitut MV (LFI) als zentraler Dienstleister des Landes die Verträge.

Damals klangen die Konditionen gut. „Wir hatten drei Kinder und bekamen dadurch etwa 75 000 DM, das wären heute um die 35 000 Euro. 28 000 davon sind noch offen,“ erzählt Werner Schmidt*. Kinder und ein mittleres Einkommen gehörten damals zu den Vergabekriterien. Viele Familien hätten sich ohne diese Förderung das Bauen in den 90ern wohl nicht geleistet. „Ganz am Anfang wollte das Darlehen jeder haben. Ein Prozent Zinsen und ein bisschen Verwaltungskosten war in einer Zeit, wo die Bauzinsen bei 8 bis 9 Prozent lagen, sehr gut. Auch die tilgungsfreien fünf ersten Jahre haben gelockt“, erklärt Schmidt.

Familie Schmidt baute 1994 im Schweriner Umland und tilgt im Moment etwa 500 Euro im Jahr und legt jährlich etwa 600 Euro an Zinsen und Verwaltungkosten ans LFI drauf. Diese Ausgangskonditionen in den Darlehensverträgen könnten ohne Sondertilgung bedeuten, dass manche Bauherren sie überhaupt nicht bis zum Ende bedienen werden.

Kein Einzelfall, denn „gegenwärtig verwaltet das LFI noch 8813 aktive Konten“, teilt Renate Gundlach, Pressesprecherin vom Infrastrukturministerium, mit. Eines davon ist das von Familie Schulz*: Sie nahm 1994 eine Fördersumme von 65 000 DM auf, nach Umstellung waren es in Euro etwa 33 000. Gebaut wurde ebenfalls im Schweriner Umland. In den ersten fünf Jahren ist das Darlehen zins- und tilgungsfrei. Dann erst geht es los mit einem Prozent vom Restkapital an jährlicher Abzahlung sowie anfangs 0,5 Prozent Zinsen, seit 2004 1,5 Prozent.

Heißt bei Familie Schulz: In 2017 sind nur etwa 460 Euro jährliche Rate zu zahlen, dazu kommen Verwaltungskosten und Zinsen von über 530 Euro. Nach 24 Jahren sind von 33000 noch 26000 Euro abzuzahlen. „Wenn wir so weiter machen, können wir in unserer Lebensspanne dieses Darlehen gar nicht bis zum Ende bedienen“, sagt Antonia Schulz*. Die jährlichen Bescheide des LFI seien wegen des geringen Fortschritts heute ein beständiges Ärgernis. „Ich persönlich habe nicht das Gefühl, dass die Rechnung aus Zinsen und Verwaltungskosten sonderlich transparent gemacht wird“, sagt Werner Schmidt.

Gute Nachricht: Eine vorfristige Ablösung ist für das LFI problemlos möglich, teilt das Ministerium mit. Dass bereits knapp 12000 Darlehen komplett abgelöst wurden, sei ein Anzeichen für eine „treffsichere Förderform“. Bis heute zeige das LFI-Programm im Vergleich zu Bankkrediten eine hohe Flexibilität. „Die Darlehensnehmer haben jederzeit die Möglichkeit, die Darlehen ohne Vorfälligkeitszins und ohne zusätzliche Kosten, zurückzuzahlen bzw. Sondertilgungen vorzunehmen.“

Angesichts des heutigen Dauerzinstiefs scheint das Ministerium mit solchen Umschuldungen aber auch zu rechnen. Es geht auf Anfrage davon aus, dass die Darlehensnehmer ohnehin die durch niedrigere Zinsen bedingte „Kapitalersparnis zur schnelleren Rückzahlung der Förderdarlehen verwenden“. Nicht jeder aber kann sich einen zinsgünstigeren Ablösekredit leisten.

Manche Bauherren müssen bereits wieder in die erste Modernisierung investieren. Bei nicht wenigen der bis zu 27 Jahre alten Darlehen dürften zum Teil noch Summen im fünfstelligen Bereich offenstehen und aus den Bauherren von damals werden nun Rentner.

Die Banken zeigen sich bei größeren Ablösekrediten reserviert, so die Erfahrungen von Familie Schmidt und Schulz: Alter und Lebenserwartungen bedeuten ein Kreditausfallrisiko. „Es kann heute kein Argument sein, dass früher jeder damit gerechnet habe, dass man das sowieso nicht abzahlt. Das wäre nicht redlich. Wir hatten früher praktisch keine Ahnung von solchen Verträgen“, sagt Frau Schulz. Sie und auch Familie Schmidt überlegen, bald nach der Abzahlung ihrer Bankkredite die monatlichen Raten ans Landesförderinstitut zu überweisen, um endlich mit der Abzahlung spürbar voranzukommen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen