Herbert Grönemeyer : „Ich bin ein ziemlicher Chaot“

Die Liebe zum Meer begleitet Herbert Grönemeyer seit seiner Kindheit und findet Eingang in viele seiner Liedtexte.
Die Liebe zum Meer begleitet Herbert Grönemeyer seit seiner Kindheit und findet Eingang in viele seiner Liedtexte.

Der Vollblutmusiker stellt seine „Dauernd Jetzt“-Tour in Rostock vor und verrät, warum Konzerte ein ultimativer Kick für ihn sind.

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21. März 2015, 09:00 Uhr

Herbert Grönemeyer kommt nach Rostock. Am 9. Juni macht er auf seiner „Dauernd Jetzt“-Tour Station im IGA-Park – dort, wo er 2011 schon den Auftakt seiner „Schiffsverkehr“-Tournee feierte. Beim Gespräch am Runden Tisch sprach er nun in der Yachthafenresidenz Hohe Düne über sein neues Album, Schiffsromantik und Familie. Juliane Hinz traf den Musiker, der in den kommenden Wochen in Rostock für seine Tour probt.

Was verschlägt Sie wieder nach Rostock?

Grönemeyer: Wir haben vor der „Schiffsverkehr“-Tour einige Zeit in Rostock verbracht. Das machen wir jetzt wieder. Es gibt hier einen wunderbaren Raum zum Proben. Außerdem: Hier kann man durchatmen, auch mal rausfahren, über die Strände laufen. Gerade vor einer Tour ist der Druck ziemlich hoch. Dann ist es ganz angenehm, wenn man zwischendurch den Kopf freikriegt und sich nicht zu sehr verbeißt in das Ganze.

Also ist es die Ruhe?

Absolut. Und die Weite.

Sie haben auch auf Ihrem neuen Album wieder Schiffsromantik verarbeitet – „wie du in mein Meer stichst“ aus „Fang mich an“ oder der „Feinmatrose“ in „Morgen“ beispielsweise. Wie erleben Sie den Tag an der See?

Das hat für mich etwas mit kindlicher Romantik zu tun. Ich komme aus dem Ruhrgebiet und als kleiner Junge bin ich mit meiner Familie im Urlaub oft nach Holland ans Meer gefahren. Wenn dort die großen Schiffe fuhren, hatte das für mich immer etwas von Freiheit. Diese Schiffsromantik wollte ich bei „Schiffsverkehr“ schon einmal ins Rennen bringen. Das versteht vielleicht nicht jeder und denkt, ich sei ein bisschen bekloppt. Aber ich mag das. Ich verbinde mit Meer immer Lebensfreude. Daher kommt auch dieser „Feinmatrose“ - obwohl man mir kürzlich erklärt hat, dass es dieses Wort gar nicht gibt. War mir nicht bewusst, klingt aber gut.

Den Leichtmatrosen gibt es…

Stimmt. Für mich ist das Spaß. Ich bin da ein bisschen Kindskopf. Wenn man am Strand sitzt und die Schiffe vorbeifahren, freut man sich als Kind. Und das ist bis heute noch so, auch als Erwachsener. Ich habe einen Bootsschein und möchte auch einen Segelschein machen. Ich liebe es, auf dem Meer zu sein.

Können Sie schon etwas davon verraten, was das Publikum bei Ihrer Tour erwartet. Wird es wieder so opulent und beeindruckend wie bei der „Schiffsverkehr“-Tour?

Das ist der Maßstab. Die Produktion steht. Wir müssen jetzt gucken, was für ein Programm wir machen. Ich möchte viel von der neuen Platte spielen. Das heißt, wir müssen alte Sachen aussortieren. Das wird schwierig. Denn nach jeder Tour hat man eigentlich das Gefühl, jetzt haben wir das ultimative Programm.

Wenn Sie ins Studio gehen, wie fertig ist ein Album dann schon? Ist es im Kopf schon ganz ausgereift und wird nur noch eingespielt? Oder passiert da noch sehr viel?

Ich bin generell ein ziemlicher Chaot – auch beim Arbeiten. Aus dem Chaos heraus entstehen die größten Sachen. Ich gehe ins Studio, wenn ich fünf bis sechs Nummern geschrieben habe, bei denen ich das Gefühl habe, die sind ganz schön, die haben was. Dann merke ich: Jetzt bist du wieder so weit. Im Prinzip ist es so: Man fängt an, ein Bild zu malen, völlig chaotisch zuerst, aber man fängt an. Man weiß noch nicht, wo die Reise hingeht. Bei dieser Platte wollte ich ein bisschen cooler sein, zurückgelehnter. Und dann setze ich mir einen festen Termin, wann die Platte fertig sein muss. Ich arbeite nicht endlos im Studio.

In Ihren Alben steckt immer auch viel vom privaten Herbert Grönemeyer. Das neue Album ist sehr optimistisch und positiv…

Unter den Platten liegt immer sehr viel Autobiografisches. Ich würde mich aber davor hüten zu behaupten, dass das für jedes Lied gilt. Bei diesem Album würde ich sagen: Nach 16 Jahren und einer gewissen Zäsur in meinem Leben habe ich zumindest einen Teil meines Unbeschwert-Seins wiedergefunden.

Haben Sie ein Lieblingsstück auf dem Album?

„Neuer Tag“ und „Unter Tage“, vor allem „Roter Mond“.

Was ist mit „Unser Land“? Kann man so ein Lied nur schreiben, wenn man wie Sie in London lebt?

Für uns Deutsche war es lange schwierig, eine Beziehung zu diesem Land und zu seiner Vergangenheit zu entwickeln. Ich pendle zwischen London und Berlin. Gerade bei der Entwicklung auf der Welt, finde ich es wichtig, dass man eine Beziehung zu seinem Land hat, weil man sich auch nur dann darum kümmert. Ich denke, die Zeit dafür ist da – speziell auch mit einer neuen Generation nach der Wiedervereinigung. Für meine Kinder ist Deutschland ein Teil von Europa. Sie haben ein ganz entspanntes Verhältnis zu diesem Land.

Wie kommt es, dass Sie in Ihren Texten auch vor den großen, den kontroversen Themen wie Politik nicht zurückschrecken?

Ich sehe eine Platte wie ein Gespräch. Wenn wir abends zusammen essen gehen würden, dann würden wir ja auch über alles reden. Wie geht es zu Hause? Fußball, Politik, die Flüchtlingsproblematik, die Arm-Reich-Schere. Wenn man als Künstler etwas sagen kann und eine Meinung hat, dann kann man das auch artikulieren und in den Köpfen anreißen. Das sind Dinge, über die ich auch privat rede. Wer einmal auf einem meiner Konzerte war, wird nicht das Gefühl haben, ich würde von der Bühne aus Vorträge halten.

Ihr Sohn gilt als sehr musikalisch. Gab es schon mal die Idee eines gemeinsamen Projektes? Oder sind sie musikalisch zu weit von einander entfernt?

Das Schwierige – speziell mit Söhnen – ist, dass sie es nicht leicht haben mit so einem Vater. Mein Sohn liegt musikalisch ganz woanders, ist aber ein wunderbarer Berater. Meine beiden Kinder sind scharfe Kritiker – sehr trocken, klar und britisch.

Beeinflusst diese Beratung Ihre Alben?

Zumindest lässt sie mich immer kurz innehalten. Manchmal schreibe ich für ein Stück mehrere Texte und die spiele ich dann Freunden vor, so auch meiner Familie. Da gibt es dann schon mal unterschiedliche Meinungen. Ich nehme das alles auf, aber am Ende entscheide ich selbst.

Schreiben Sie Ihre Texte eher intuitiv oder konstruieren Sie?

Das ist so eine merkwürdige Mischung. Vieles schreibe ich instinktiv. Bei anderen Texten merkt man, sie sind zu vage, sie zerfliegen. Da muss man sich schon hinsetzen und präzisieren. Das ist dann eher ein Kopfvorgang. Wenn es aber zu wenig Intuition hat, dann ist es meist ein schlechtes Thema.

Wenn man wie Sie Millionen-Seller hatte, riesige Erfolge… wie wichtig ist einem dieser Erfolg dann noch?

Es geht nicht um Dimensionen von „Bochum“, „Mensch“ und „Ö“, das nicht. Aber es wäre kokett zu sagen, dass man sich nicht freut, wenn sich die Platte verkauft.

Von den Musikern aus Ihrer Anfangszeit begleiten Sie manche bis heute. Wie viel bedeutet Ihnen dieses vertraute Umfeld bei einer Tournee?

Es ist unheimlich schön. Mein Vater hat immer gesagt, das Einzige, was dir im Leben bleibt, sind deine Freundschaften. Das ist auch für mich ganz zentral. Wenn man miteinander wächst, ist das unglaublich schön. Seit 1986 sind einige Leute mit dabei, auch wenn die Crew größer geworden ist. Außerdem muss ich sagen: Meine Band ist einfach unglaublich gut. Mein Bassist und mein Schlagzeuger spielen seit fast 40 Jahren zusammen. Ich würde sagen, sie sind eine der besten Rhythmusgruppen weltweit. Mein Gitarrist hat mit Chaka Khan gespielt, mein Keyboarder ist Meisterschüler.

Warum gehen Sie immer wieder auf die Bühne? Ist das ein Kick, den Sie noch brauchen?

Man würde ja auch nicht aufhören zu küssen. Wenn man das Glück hat, so etwas erleben zu dürfen, möchte man es nicht missen. Und dabei macht es keinen Unterschied, ob einem 25 000 zujubeln oder 350 – höchstens für die Eitelkeit. Es ist die Freude, dass du mit dem, was du machst, in diesem Moment etwas auslöst. Das ist wie ein Rausch, ein ultimatives Glücksgefühl.

Sie haben vor Kurzem in einem Interview gesagt, dass Sie sich vorstellen könnten, mal wieder eine größere Filmrolle zu übernehmen. Wie kommt es, dass Sie das auf einmal wieder reizt?

Ich war kein großer Theaterschauspieler, aber im Film war ich gar nicht so schlecht. Dadurch, dass sich die Zeit dann änderte, dass meine damalige Frau krank wurde und die Kinder klein waren, konnte ich mich letztendlich aber nur auf die Musik konzentrieren. Das war die einzige Möglichkeit. Aber jetzt kann ich über meine Zeit wieder frei verfügen und dann könnte das auch passen.

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