Tanzlokale : Abhotten schon am Nachmittag

Schallplattenunterhalter Peter Wolff aus Parchim 1975
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Schallplattenunterhalter Peter Wolff aus Parchim 1975

In Diskotheken der DDR durfte nur begrenzt Musik aus dem Westen gespielt werden

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09. Februar 2018, 00:00 Uhr

In der DDR wurde getanzt, bis die Füße dampften. Am liebsten nach Westmusik. Doch die gab es nur in Maßen zu hören, zumindest in den 1960er- und 1970er-Jahren. Denn bereits seit 1958 war in der DDR eines vertraglich geregelt: Die Organisatoren von Tanzveranstaltungen hatten beim Abspielen von Ost- und Westtiteln das Verhältnis 60:40 zu beachten. Neben politisch-ideologischen Überlegungen spielten vor allem finanzielle Zwänge eine Rolle. Für das Spielen der Westtitel kassierte nämlich die Urheberechtsgesellschaft der alten Bundesrepublik, die GEMA, von der DDR die dort knappen und somit kostbaren Devisen.

Daran hatten sich auch die Kulturschaffenden in Dömitz zu halten. Im dortigen Kulturhaus gab es Ende der 1960er-Jahre bei Live-Musik die ersten „Tanzveranstaltungen für Ehepaare“, wobei beim Einlass nicht nach der Eheurkunde gefragt wurde. Die damalige Kulturhausleiterin Christel Fuhrmann erinnert sich, dass in diesen Jahren noch vorwiegend Walzer und Foxtrott getanzt wurden.

So weiß sie auch zu berichten, dass die Schweriner Kulturfunktionäre anfangs eine „Förderung bürgerlicher Tendenzen in einem sozialistischen Kulturhaus“ befürchteten. Erst nach Intervention örtlicher Kulturmitarbeiter erfolgte prompt sogar eine Empfehlung der Bezirksleitung Schwerin der SED zur Durchführung solcher Veranstaltungen. Da für Jugendliche unter 18 Jahren diese Tanzvergnügen gemäß Jugendschutzgesetz um 22 Uhr passé waren, die Veranstaltungen aber erst um Mitternacht endeten, war es für die Veranstalter fast immer ein Kraftakt, die Jugendlichen pünktlich aus dem Kulturhaus „rauszuschmeißen“. Denn auch sie hatten den vollen Eintrittspreis gezahlt.

Zu Beginn der 1960er-Jahre wurde die von den Beatles bekannt gemachte Beat-Musik populär, die sich aus dem zuvor beliebten Rock ’n’ Roll entwickelt hatte. Diese Musikrichtung war in der DDR zunächst verpönt. Erst 1961, im Zuge der Entstalinisierung, gab auch die SED-Führung gegenüber den Jugendlichen die Gängelungen hinsichtlich der Importe westlicher Tanzformen auf.

In einem Politbürobeschluss von 1963 hieß es: „Niemandem fällt ein, der Jugend vorzuschreiben, sie solle ihre Gefühle und Stimmungen beim Tanzen nur im Walzer- oder Tangorhythmus ausdrücken. Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen: Hauptsache, sie bleibt taktvoll!“

Im Mai 1964 fand in Berlin ein Deutschlandtreffen der Jugend statt, an dem neben einer halben Million DDR-Jugendlichen auch 25 000 Teilnehmer aus der Bundesrepublik und West-Berlin teilnahmen. Fortan ging ein Jugendprogramm des Berliner Rundfunks – DT 64 - rund um die Uhr auf Sendung. Als 1964 der KPdSU-Generalsekretär Chruschtschow gestürzt wurde, endete auch in der DDR die nur kurze Entspannungsphase: Die DDR-Regierung verbot Beat-Musik. Die darauf folgende Eiszeit dauerte bis zur Machtübernahme Honeckers 1971. Danach öffnete sich die Politik erneut vorsichtig westlichen Einflüssen, was ebenso der Musikszene zunehmend Freiräume verschaffte. Auch in Dömitz, wo Christel Fuhrmann in „ihrem“ Kulturhaus Tanzstunden anbot, entstand der Wunsch, den Jugendlichen auch Möglichkeiten zum Tanzen zu geben. Aus diesem Grund wurden kurze Zeit später von der Stadt Diskos angeboten. Diese fanden von 16 bis 20 Uhr statt, der Eintritt kostete 1,60 Mark. Jugendliche Musikliebhaber legten Bänder und Platten auf und bekamen dafür je Veranstaltung 80 bis 120 Mark. Diese Akteure wurden in Abgrenzung zu den DJs im Westen zunächst noch Schallplattenunterhalter genannt. Sie mussten vor ihrer Zulassung bei dem dafür zuständigen Kreis- bzw. Bezirkskabinett für Kulturarbeit einen einjährigen Grundlehrgang mit anschließender staatlicher Prüfung bestehen.

Die beliebte Musik aus dem Westen besorgten sich die DDR-DJs regulär nicht von den in Lizenz verlegten Platten oder Kassetten, sondern auch von Mitschnitt-Sendungen des Rundfunks. Die West-Hits erhielten sie im Tausch oder sie überspielten sich die aktuellen Songs von West-Schallplatten, die Verwandte von ihren Westreisen mitbrachten.

Alkohol wurde in den ersten Jahren bei den Diskos nicht ausgeschenkt. Gleichwohl wurden die Veranstaltungen von den Jugendlichen freudig angenommen. Auf den Diskos wurde nicht nur getanzt, sondern wie auch anderswo posiert, „gebaggert“ und geschmust oder geflirtet, angegeben und geraucht.

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