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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Flucht in den Wirren des Krieges

vom
Aus der Onlineredaktion

Britta Naumann-Knapp aus Zarnewanz hat die Geschichte ihrer Schwiegermutter Helga Knapp aufgeschrieben. Mit den Jahren quälten die Erinnerungen immer mehr

„Vor sieben Jahren wurde Helga Knapp meine Schwiegermutter. Da sie in der Nähe wohnte, sahen wir uns häufiger, sie hatte immer mehr das Bedürfnis, über Vergangenes zu reden“, schreibt Britta Naumann-Knapp. Die Erzählungen gipfelten jedes Mal in dem Bericht über die Flucht aus Ostpreußen, ein Ereignis, welches das gesamte Leben Helga Knapps geprägt hatte. Britta Naumann begann, sich Notizen zu machen. Als im Mecklenburg-Magazin die Serie „Flucht, Vertreibung, Neuanfang“ begann, sprachen Schwiegermutter und Schwiegertochter ausführlich über diese Zeit. „Auf meine Fragen kam lange Verdrängtes an die Oberfläche, bisher nicht Gesagtes und dass die Sehnsucht nach der alten Heimat immer da war“, schreibt Britta Naumann. Am 11. September 2016, kurz nach Beendigung des Berichtes, starb Helga Knapp im Alter von 86 Jahren. Ihre Schwiegertochter möchte mit dem Bericht die Erinnerung an ihr Schicksal bewahren.

Helga Knapp wurde als Helga Hartwich am 31. August 1930 in Fuchsberg, Ostpreußen, als erstes von fünf Kindern geboren. Sie beschrieb ihre Kindheit und Jugend als sehr glücklich und sprach von wundervollen Sommern auf der kurischen Nehrung, wo der Vater in den Ferien ein Häuschen mietete. Die Mutter war für die Kinder da, der Vater hatte eine gute Arbeit als Schachtmeister für Hoch- und Tiefbau. Bis zum Ausbruch des Krieges war er beim Bau der Autobahn beschäftigt und kam nur an den Wochenenden nach Hause.

Die Männer wurden gleich zu Kriegsbeginn eingezogen und schon bald kam die Nachricht vom Tod des geliebten Onkels Hans, der gerade einen Monat verheiratet war.

Der Vater war aus Frankreich nach Stalingrad abkommandiert worden. Er war mit einem Bahnsandtransport unterwegs, der in Ostpreußen Halt machte. Die drei Stunden Urlaub bei seiner Familie sollte die letzte Begegnung sein.

Das Jahr 1945 kam. Die rote Armee näherte sich unaufhörlich, überall machte sich Angst breit, die Menschen packten ihr Hab und Gut oder flüchteten kopflos in umliegende Gegenden zu Freunden oder Verwandten. Es kursierten Berichte über Rachegelüste und Vergeltungstaten der Soldaten. Nach dem endlich erteilten Evakuierungsbefehl am 26. Januar 1945 machten sich die Menschen in diesem typischen ostpreußischen Winter bei minus 30 Grad in Panik auf den Weg. Helga wohnte damals mit der Mutter, ihren Geschwistern Anni, Sabine, dem Baby Jürgen, der Tante Else und deren kleiner Tochter Vera in einem geräumigen ehemaligen Posthaus. Die Tante hatte sich mit dem einquartierten Offizier angefreundet. Ihm allein ist die risikovolle Rettung der beiden Mütter und der Kinder zu verdanken. Faktisch in letzter Minute holte der junge Mann alle aus der Wohnung. In seinem kleinen Militärbus kämpften sie sich durch verstopfte Straßen. Da die Treckgenehmigung so spät erteilt worden war, wollten nun alle gleichzeitig los, auch Nebenstraßen wurden befahren, es ging unendlich langsam vorwärts. Russische Kampfflieger machten Jagd auf versprengte Einheiten der Wehrmacht, aber auch die endlosen Flüchtlingstrecks wurden im Tiefflug angegriffen.

Das Militärfahrzeug schob sich auf den vereisten Straßen voran, an deren Rändern tote Menschen und Tiere lagen. Helga mit ihren 14 Jahren fühlte ihr Leben zurückbleiben, traumatisiert sah sie durch die Autoscheiben kraftlose Zurückgebliebene, die in ihrer grenzenlosen Verzweiflung neben sterbenden Angehörigen ausharrten oder versuchten, Tote in der vereisten Erde notdürftig zu verscharren. Sie sah eine alte Frau, die aus einem Pferd Fleisch schnitt, schreiende, einsame, frierende Kinder, am Wegesrand herumirrend... Diese Bilder und das unsägliche Geschrei drängender Menschen blieben ihr zeitlebens in Erinnerung. In den letzten Jahren kamen sie immer deutlicher und brutaler, als wäre das Erlebte gestern gewesen, sagte meine Schwiegermutter oft.

In Gotenhafen mussten sie sich von ihrer gesamten Habe trennen, der Kinderwagen des jüngsten Bruders Jürgen gesellte sich zu den anderen gestapelten Kinderwagen an den gigantischen Bergen zurückgelassener Gepäckstücke. Der Offizier kannte den Schiffskommandanten des Beibootes der Wilhelm Gustloff, eines deutschen Minensuchers, und konnte die Frauen und Kinder heimlich einschleusen. Dann begann die Flucht über die Ostsee.

Das furchtbare Schicksal der Wilhelm Gustloff ist bekannt. Am 30. Januar 1945 wurde das Schiff von einem russischen Torpedo getroffen. Helga konnte sich an die Detonation und furchtbares Rumoren erinnern. Das herzzerreißende Brüllen der auf den Minensucher geretteten Frau, die nach ihren ertrunkenen Kindern schrie, hat sie nie vergessen.

Die Familie landete in Saßnitz und kam nach weiteren Stationen im Viehwagen eines Zuges nachts bei eisigem Regen in Kühlungsborn an. In einem großen Gutshaus fanden sie Unterkunft, bekamen endlich wieder etwas zu essen und Arbeit. Aber der Krieg war noch nicht zu Ende. Die sowjetischen Sieger erreichten auch diesen abgelegenen Rückzugsort, überfielen das Gut, erschossen alle Schweine, wüteten furchtbar, während sie das Haus bis unters Dach durchkämmten. Die Mutter und Else fielen in ihre Hände, Helga und die Schwestern aufgrund ihres kindlichen Aussehens nicht. Um zu überleben, stürzten sie sich in der Folge in die Arbeit, waren ständig auf der Hut und gezwungen, sich wiederholt zu verstecken.

Dann war der Krieg zu Ende.Nach einiger Zeit konnten sie ein Zimmer im Hotel Esplanade bewohnen, die Mutter arbeitete in einem Café und Helga absolvierte eine Lehre als Serviererin. Die andere in Ostpreußen gebliebene Tante war nach Sibirien verschleppt worden, die Großeltern fand man verhungert hinter der Scheune ihres kleinen Bauernhofes.

In Zarnewanz bei Tessin lernte Helga Albert Knapp kennen. 1949 heirateten sie, Gerd wurde geboren, Peter, der nach drei Monaten starb, Gisela und Burkhardt. Jetzt begann ein weiteres Kapitel im Leben der Frau, die immer an Fuchsberg dachte, es aber nie wieder gesehen hat.

Oft sprach meine Schwiegermutter hochachtungsvoll von ihrer Mutter und fragte sich, woher sie und die vielen anderen Mütter und Frauen die Kraft nahmen, Flucht und Vertreibung zu verkraften, ihre Angehörigen und die Kinder unterwegs zu versorgen und mit Tatendrang einen Neuanfang wagten. Sie fragte mich oft, ob wir unser angenehmes Leben nicht zu sehr selbstverständlich hinnehmen. Sollten wir es nicht mehr wertschätzen?

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