zur Navigation springen

Reformationslieder : Luther-Sound auf Niederdeutsch

vom
Aus der Onlineredaktion

Rostocker Germanisten lassen Reformationslieder in der alten Volkssprache wieder erlebbar werden

nnn.de von
erstellt am 19.Aug.2017 | 00:00 Uhr

Norddeutsche Gemeinden könnten demnächst wieder Lieder singen, wie sie schon Anfang des 16. Jahrhunderts in den Kirchen Mecklenburgs und Pommerns zu hören waren: „Ghelavet systu Jesu Chryst“, „Uth deper noth roep ick tho dy“ oder auch „Christum van hemmel rop ick an“. Annika Bostelmann, Doreen Brandt und Hellmut Braun widmen sich am Lehrstuhl von Prof. Dr. Franz-Josef Holznagel seit zwei Jahren der ersten gedruckten niederdeutschen reformatorischen Kirchenliedsammlung, die vor fast 500 Jahren wahrscheinlich vom Rostocker Reformator Joachim Slüter zusammengestellt, übersetzt und 1525 bei Ludwig Dietz in der Hansestadt gedruckt wurde. Die Neuauflage des längst in Vergessenheit geratenen Gesangbuches – natürlich mit Übersetzungen der 62 Lieder ins heutige Deutsch und mit Kommentaren – soll einen Einblick geben in ein Stück Alltagskultur der Reformationszeit und in eine Sprache, die es heute so nicht mehr gibt.

Wie der Luther-Sound einst im Slüterschen Original geklungen haben könnte, lässt ab Herbst eine CD erahnen, die von Prof. Markus Langer und seiner Rostocker St. Johannis-Kantorei eingesungen wurde. Die Texte und Melodien wurden dafür in der Arbeitsgruppe von Franz-Josef Holznagel erarbeitet. Die Edition des Gesangbuchs selbst soll so schnell wie möglich folgen; Fördergelder für dessen Produktion sind beantragt.

Was hat es nun mit Slüters Gesangbuch von 1525 auf sich, dessen einzig bekanntes erhaltenes Exemplar über Jahrhunderte in Rostocks Universitätsbibliothek schlummerte? Die drei jungen Germanisten erklären es: Bis zur Reformation wurde in den Kirchen fast ausschließlich auf Latein gesungen. Die Sprache Martin Luthers aber war Deutsch. Er übersetzte nicht nur die Bibel, sondern verfasste auch eine Reihe von neuen Kirchenliedern. In vielen Gegenden aber verstanden die Menschen auch Luthers Deutsch nur schlecht, immerhin gab es um 1500 im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation rund 20 Dialekte. Wollten die lokalen Verfechter der Reformation Luthers Ideen verbreiten, bedurfte es somit einer Übersetzung. In diesem Fall war es vermutlich der Rostocker Reformator Joachim Slüter, der deshalb viele Lieder ins Niederdeutsche übertrug. Die Initialen „J. S.“ im Vorwort des Buches lassen auf ihn schließen, letzte Sicherheit besteht aber nicht.

Wie viele Exemplare von dem Gesangbuch einst gedruckt wurden, können die jungen Wissenschaftler nicht sagen. Mit Blick auf die aufwändige Gestaltung und die Dicke des Buches wäre eine kleinere Auflage von vielleicht 100 Exemplaren denkbar – aus heutiger Sicht etwas für Liebhaber. Doch damals konnten ohnehin die Wenigsten lesen, sodass es ausreichte, wenn zum Beispiel Pastoren, Lehrer und Kantoren ein Exemplar besaßen, zumal 1525 erst in wenigen Mecklenburger Gemeinden im reformatorischen Sinne gepredigt wurde. Offenbar war aber die Nachfrage doch so groß, dass es schon 1526 in Köln einen ersten Nachdruck gab – Köln zählt aus sprachgeschichtlicher Sicht zum Verbreitungsgebiet des damaligen Niederdeutschen.

1531 erklärte der Rostocker Rat die reformatorische Lehre für die Hansestadt als verbindlich, und so verwundert es wenig, dass in diesem Jahr eine erweiterte Neuauflage des Gesangbuchs erschien. Erhalten ist aus dieser Edition nur ein bekanntes Exemplar, das heute in der Ratsbibliothek in Lüneburg aufbewahrt wird.

Slüters Gesangbuch wurde vermutlich in weiten Teilen des Nord- und Ostseeraums genutzt, denn auch in Skandinavien und bis nach Flandern setzten die Verfechter der neuen Lehren auf das gedruckte Wort in einer Volkssprache anstelle von Latein. Das Niederdeutsche war damals auch durch Vermittlung der Hanse-Kaufleute weit verbreitet und wurde neben den jeweiligen Sprachen wie Dänisch, Schwedisch, Friesisch oder Holländisch von vielen zumindest verstanden, oft auch gesprochen.

Gab es nun ein reformatorisches Gesangbuch auf Niederdeutsch, bedurfte es auch einer Bibel in dieser Sprache. Es war der Lübecker Reformator Johannes Bugenhagen, der für die Übersetzung sorgte und sie 1533/34 in der zeitweiligen Niederlassung von Dietz an der Trave drucken ließ. Bis 1622 kam es zu 25 zum Teil auch bearbeiteten Neuauflagen in verschiedenen norddeutschen Städten, darunter 1588 im pommerschen Barth.

Dass die Rostocker Germanisten nach rund 500 Jahren an einer Edition von Slüters Gesangbuch arbeiten, ist einerseits dem Reformationsjubiläum 2017 geschuldet. Andererseits gehört das Niederdeutsche als Regionalsprache zu den vom Verschwinden bedrohten europäischen Sprachen, und auch Mecklenburg-Vorpommern hat sich zu dessen Erhalt bekannt. Wenn also das Abitur auf Niederdeutsch möglich ist, warum sollten in den Kirchen nicht auch wieder Luther-Lieder in originaler Slüter-Übersetzung gesungen werden!

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen