Harriet Karlsond : „Prächtig bei Stimme“

Harriet Karlsond in einer Schweriner Inszenierung von Donizettis „Liebestrank“
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Harriet Karlsond in einer Schweriner Inszenierung von Donizettis „Liebestrank“

Die Sängerin Harriet Karlsond begann ihre Karriere am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin und setzte sie in Amerika fort

nnn.de von
09. Februar 2018, 00:00 Uhr

Manche Recherche fängt an, weil man selber eine Idee hat. Manchmal kommt die Idee aber auch von anderen – zumindest indirekt. So schwärmte der Schweriner Schauspieler, Sänger und Maler Kurt Nolze während einer Talk-Show Ende vergangenen Jahres von einer jungen Sängerin in seiner Jugend. Harriet mit Vornamen und irgendwie schwedisch habe ihr Nachname geklungen. So wie Carlson oder so ähnlich. Doch unter dem Namen Harriet Carlson war weder in der Literatur noch im Internet etwas zu finden.

Der entscheidende Tipp kam von der Archivarin des Mecklenburgischen Staatstheaters, Ilka Hermann, die kurz zuvor in alten Programmheften auf den korrekten Namen der Künstlerin gestoßen war: Karlsond und nicht Carlson. Und von da ab war alles leichter. Zum Glück fand sich im Schweriner Stadtarchiv ihre Personalakte mit Lebenslauf und anderen aufschlussreichen Dokumenten sowie auch Zeitungsausschnitte, in denen die junge Frau geradezu mit Lob überschüttet wurde.

Wie aber kam die am 13. März 1929 in Schwerin als Tochter des Friedhofsaufsehers Ernst Karlsond und dessen Ehefrau Berta, geb. Meyer, geborene Verwaltungsangestellte, die in einem späteren Personalbogen als fachliche Spezialkenntnisse „Schreibmaschine, Stenografie“ angab, überhaupt zum Theater? Harriet Karlsond hospitierte am Schweriner Opernstudio, wo sie eines Tages der Direktor hörte und sagte: „Dieses Mädchen müssen wir im Auge behalten“ – ohne dass sie darauf sehr viel gab. Umso überraschter war die junge Frau, als sie eines Tages Anfang der fünfziger Jahre zum Vorsingen am Mecklenburgischen Staatstheater bestellt wurde. Darauf wurde sie sofort als Gast für die Rolle der Adele in der „Fledermaus“ von Johann Strauß verpflichtet.

Schnell bekommt sie viel Lob und Anerkennung sowohl im Theater als auch von Publikum und Kritikern sowie mehrfach Prämien. So heißt es in der Begründung einer Auszeichnung zum 13. Oktober 1956: „Auch unsere Opernsoubrette Harriet Karlsond ist durch ihre stimmliche Begabung aus dem Verband des Mecklenburgischen Staatstheaters nicht so leicht wegzudenken. Brachte das „Susannchen“ in Figaros Hochzeit Erfolge, so überraschte sie als „Aennchen“ im Freischütz an Stimmschönheit und Vortragskunst. Ebenso steht sie in der Operette arbeitsfreudig zur Verfügung“. In einer Rezension zum „Liebestrank“ vom Oktober 1957 lesen wir: „Die Solisten waren bei nur geringen Abweichungen stimmlich glänzend in Form. Wie nicht anders zu erwarten, war Harriet Karlsond die liebreizende, mädchenhaft duftige, etwas kokette Adina mit köstlichem Humor und prächtig bei Stimme.“ Auch die „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“ loben in ihrer Besprechung vom 20. Juni 1958 unter der Überschrift „Dieses Talent berechtigt zu den schönsten Hoffnungen“ die junge Künstlerin: „Man kann Harriet Karlsond bescheinigen, daß sie an diesem Abend Leistungen vollbrachte, die sie in die erste Reihe ihrer Fachkolleginnen rückten.“

Ende 1958 aber endet die Karriere von Harriet Karlsond in Schwerin. Was war passiert? Aufschluss bringt ein Schreiben des „Wohnraumbeauftragten“ des Theaters „An die Wohnraumlenkung der Stadt Schwerin“: Die Kollegin Karlsond ist mit Beginn der neuen Spielzeit 1957 nach Lübeck verpflichtet worden. Dieses geschah auf ihren Wunsch, gegen den Willen der Intendanz. Sie hatte die Begründung, daß sie vorerst an einem anderen Theater spielen wollte, um sich weiterzuentwickeln und auch einmal ein anderes Theater kennenzulernen. Die Koll. K. versprach, mit Beginn der neuen Spielzeit wieder zu uns zurückzukehren oder an ein anderes Theater in der DDR zu gehen.“ Es kam jedoch anders.

Ein Porträt in einer Lübecker Zeitung schloss im Mai 1959 mit den Sätzen: „Wer Harriet Karlsond als Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“ sah und hörte, weiß, welcher Wandlungen diese starke mimische und gesangliche Begabung fähig ist. Die junge Schwerinerin bedeutet für das Lübecker Opernensemble einen starken Gewinn und es ist zu wünschen, daß sie noch einige Spielzeiten in der Hansestadt bleibt.“ Dieser Wunsch erfüllte sich jedoch nicht, denn sie wechselte schon bald nach Mannheim und Hannover und ging im Sommer 1967 nach Amerika, wo sie am 20. August 2016 im Alter von 87 Jahren starb. Im Übrigen war die Vermutung von Kurt Nolze mit dem schwedischen Nachnamen doch nicht falsch. Einer ihrer Großväter war Schwede und hatte eine Deutsche geheiratet …

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