Geschichte von Schwerin : Sandstein fürs Weltkulturerbe

Der Sandsteinbruch Obernkirchen heute
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Der Sandsteinbruch Obernkirchen heute

Auf abenteuerlichem Weg gelangte das Material für den Neubau des Schweriner Schlosses in die Stadt.

nnn.de von
22. Dezember 2017, 00:00 Uhr

Nach des Großherzogs Willen und Hofbaurat Demmlers Plänen begannen 1845 die Abbrucharbeiten von Teilen des alten Schweriner Schlosses. Es ging darum, Baufreiheit für den Schlossneubau zu schaffen. Nach 25 Monaten hatten mehrere Dutzend Abrissarbeiter und einige Zentner Schießpulver das Werk vollbracht.

Während dieser Zeit hatte Demmler den auf Schelfwerder, Ziegelwerder und in Lankow dahindämmernden Stadt-Ziegeleien neues Leben eingehaucht. Dazu kam eine vierte Ziegelei auf der Halbinsel Reppin. Und am „Kläterberg“, am Ziegelinnensee, entstand eine neue, mit einer modernen Tonschneidemaschine ausgerüstete Kunstziegelei, für deren Betrieb Demmler Modelleure und Kunstziegler von außerhalb angeworben hatte.

Für gröberen Sandstein und solchen von feinem Korn musste sich der Hofbaurat dagegen in fremden deutschen Landen umsehen, was er dann auch mit Leidenschaft tat – vorerst in Sachsen. In den Steinbrüchen von Postelwitz und Cotta am Lauf der Elbe fand Demmler den gröberen Sandstein für Giebel und Gesimse, Sohlbänke, Brüstungs-platten, Säulen und Schlusssteine. Für die Bildhauerarbeiten am Schloss dagegen war ihm der leicht gebänderte Stein von feinstem Korn aus dem niedersächsischen Obernkirchen gerade gut genug.

In Postelwitz kommt Demmler mit dem Steinbruchbesitzer Quandt ins Geschäft. Der liefert nach „Rheinländischem Cubikfuß“, wobei Demmler sich ausbedingt, dass „in den Dimensionen, wie das (Auftrags-)Verzeichnis es vorschreibt, zu spedieren“ sei, jeder Stein mit der darin „vorgegebenen Nummer gekennzeichnet“.

Der Sachse Quandt scheint den Schatullen des norddeutschen Fürsten jedoch nicht zu trauen. Die Bezahlung seiner Lieferungen habe in „preußisch courant, der Louisdor zu fünf Thaler“ zu erfolgen, fordert er unumwunden! Für den „Cubikfuß Postelwitzer Stein“ bekommt Quandt 10, für den Cottaer Stein 11 Groschen pr. courant, dafür hat er aber auch bis zum Elbeufer bei Dömitz zu liefern – für ihn kein Problem, denn elbabwärts mit der Strömung fahren seine Steinkähne quasi von allein.

Dort in Dömitz stapeln sich jedoch die Sandsteine zu hohen Türmen und in Schwerin kommt nichts an. Der Transport des Sandsteins auf Elde und Störkanal ist dem Schiffer Mahnke aus Dömitz zugeschlagen, der es wiederum mit dem unsicheren Wasserstand der beiden Flüsschen zu tun bekommt. Mahnke konnte oft wegen mangelnder Wassertiefe keinen Kahn zu Wasser lassen. In Schwerin tobte der Hofbaurat wegen der ausbleibenden Steine und dem Dömitzer Stadtvogt, der das mit Sandstein randvoll belegte Dömitzer Elbufer unter seinem Befehl hat, fährt der Schreck in die Glieder, sobald der Ruf „Steinkähne aus Postelwitz!“ ertönt.

Noch abenteuerlicher ist der Weg des feinen Sandsteins aus dem niedersächsischen Obernkirchen nahe Bückeburg, dessen Transport nach Schwerin auch nach heutigem Maßstab eine logistische Meisterleistung darstellt! Dort im fernen Bückeburg hat Demmler den Steinhauermeister Waltemath an der Hand, der, wir sind ja in Deutschland, nach „Hamburgischen Cubicfuß“ bezahlt sein will. Waltemath lässt seine Steine auf dem Landwege bis zum Weserufer bringen, lädt sie in dortige Weserkähne um, schifft sie nach Bremen und segelt „mit Gottes Willen und gutem Wind“ von dort nach Hamburg. Hier ist Schiffer Mahnke zur Stelle. Bis hierhin hat der pfiffige Niedersachse Waltemath das Sagen, der, um „die teure Lagermiete allhier zu Hamburg nicht zahlen zu müssen“, Sorge getragen hat, „daß die Steine gleichsam von dem einen auf das andere Schiff geladen werden, und habe ich dazu den Schiffer Mahnke bestimmt, welcher stets zu Hamburg Fahrzeuge liegen hat“ – schreibt Waltemath!

Überspringen wir all die Stürme und Wasserstände, die Mahnkes Steinkähne mit der Nordsee, der schwer schiffbaren Elbe und dem bereits genannten schwachbrüstigen Elde-Stör-Wässerchen noch auszutragen hatten und wenden wir uns dem Ort ihrer Ankunft zu – Bauplatz Schloss: Hier war die pünktliche und sortimentsgerechte Anlieferung der Sandsteine für den Fortgang des Baus wesentlich, boten sich doch in Bauplatznähe nur wenige Lagermöglichkeiten für die Steine. Angestrebt wurde die Verarbeitung des Sandsteins „direkt aus den Steinkähnen“. Die Steinmetzwerkstätten hatte man auf den Fundamenten des alten herzoglichen Palais errichtet, dem heutigen Standort des Museums.

Da sich die neue Schlossbrücke ebenfalls noch im Bau befand, waren die Steinmetzwerkstätten durch Flöße, später durch eine Floßbrücke mit der Schlossinsel verbunden worden. Bewegt, gehoben und gesenkt wurden die Steine mit oft kompliziert angeordneten Richtbäumen, mit Hebeln, Winden und – mit Hebezeug aus dem Schweriner Artille-riedepot auf dem Kanonenberg, die nun nicht mehr Geschützrohre auf die Lafetten, sondern Sandsteine in ihre Lager zu senken hatten.

Wie nun die Steinmetzgesellen, die übrigens aus allen Ecken und Enden Deutschlands nach Schwerin geströmt waren, mit ihren Werkzeugen, Schablonen und Rissen, mit dem „Schleifen und Verstählen der Geschirre“, mit Lohn und Arbeitszeit zurecht kamen, das ist wieder eine andere Geschichte.

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