Migration : Experten kritisieren engen Blick auf geflüchtete Männer

Die Hand eines Asylbewerbers hält sich am Außenzaun der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge fest. /Archiv
Die Hand eines Asylbewerbers hält sich am Außenzaun der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge fest. /Archiv

Kriminell, frauenfeindlich, patriarchalisch - das sind einige der Vorurteile, die geflüchteten Männern in Deutschland entgegenschlagen. Sie verstellen den Blick auf die Wirklichkeit, sagen Forscher und Politiker.

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17. September 2019, 14:11 Uhr

Der Abbau von Vorurteilen gegenüber geflüchteten Männern ist nach Ansicht der Integrationsbeauftragten der Landesregierung, Dagmar Kaselitz, eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. In der öffentlichen Wahrnehmung herrschten oft negative Bilder vor, sagte Kaselitz am Dienstag in Schwerin bei der Tagung «Herkunft und Zukunft - geflüchtete Männer in Mecklenburg-Vorpommern» mit mehr als 160 Teilnehmern. Sie kamen aus Kommunen, Flüchtlingsinitiativen, Kirchengemeinden, Arbeitsagenturen, Jobcentern und aus der Sozialarbeit.

In Mecklenburg-Vorpommern leben nach Worten der Integrationsbeauftragten etwa 78 000 Ausländer aus rund 160 Staaten. Geflüchtete Männer würden oft mit Vorwürfen konfrontiert, ihre Familien im Stich gelassen zu haben und gewalttätig zu sein. Diese Aussagen hielten sich hartnäckig und oft dort, wo Einheimische bisher wenig, manchmal sogar gar keinen Kontakt zu Geflüchteten hatten. Es sei wichtig, mehr über Hintergründe und einzelne Schicksale zu erfahren.

Der Syrer Asem Alsayjare floh 2015 nach Deutschland. Der Mathematiker arbeitet heute als Referent bei der Landeszentrale für politische Bildung in Schwerin. «Warum sind die meisten Flüchtlinge Männer?», fragte er. Es sei eine Flucht vor dem Militärdienst. «Viele möchten nicht töten oder getötet werden.» Die Familien gäben oft viel Geld aus, um einem Mitglied die Flucht zu ermöglichen, in der Hoffnung und Erwartung, dass er es schafft und sie nachgeholt werden.

In Deutschland seien die Probleme dann aber oft groß: Mit der Arbeit klappe es nicht wie erhofft - wegen des Alters, der Qualifikation oder der Sprache. Man müsse auf Staatskosten leben. Kommen die Kinder nach, lernten diese oft schneller Deutsch und würden bei Behörden oder beim Arzt übersetzen. Das verändere die Rolle der Väter in der Familie. Einige seien darüber depressiv oder psychisch krank geworden, erzählte Alsayjare.

Der Darmstädter Migrationsforscher Michael Tunc warb in seinem Vortrag für einen breiten Blick auf geflüchtete Männer. Es gebe eine Vielfalt der Milieus, der Einstellungen und auch der Bildung - wie in der deutschen Mehrheitsgesellschaft auch, was stärker in den Blick genommen werden sollte, sagte er. Keine Arbeit zu haben, belaste geflüchtete Männer enorm. «Dieser Schock ist einer, den die meisten Geflüchteten nicht vorwegnehmen.» Sie seien sich vorher nicht über die Hindernisse beim Zugang zum Arbeitsmarkt bewusst. Ein Statusverlust nach der Migration könne durchaus eine Re-Traditionalisierung zur Folge haben.

Dirk Siebernik von der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen-Männer-Väter forderte mehr Sozialarbeit und Beratung für geflüchtete Männer. Sie gälten nicht als besonders schutzbedürftige Gruppe, weshalb es auch kein Geld für die Arbeit mit ihnen gebe, sagte er. Neben grundlegenden Herausforderungen wie Sprache, Arbeit oder Bleibeperspektive sähen viele geflüchtete Männer ihre Rolle infrage gestellt. Was in der Heimat normal war, könne in Deutschland zum Problem werden. So habe ein Vertreter einer syrischen Migrantenorganisation in Schwerin erzählt, dass allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres mehr als 70 syrische Familienväter von ihren Frauen verlassen worden seien, berichtete er.

Die Ursachen für ihr Verlassenwerden sehen diese Männer demnach in der gut ausgebauten Beratungslandschaft für zugewanderte Frauen. Die eigentlichen Ursachen wie Zwangsverheiratungen, Partnerschaftsgewalt oder wirtschaftliche Abhängigkeit könnten oder wollten diese Männer nicht erkennen. Zu berücksichtigen sei überdies, dass auch Männer verletzlich sind, sagte Siebernik. Nicht wenige von ihnen hätten Gewalt, auch sexuelle Gewalt, erlebt.

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